25. Dezember 2019 - Christfest


Predigt zu Titus 3,4-7

Als aber erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres Heilands, machte er uns selig - nicht um der Werke willen, die wir in Gerechtigkeit getan hätten, sondern nach seiner Barmherzigkeit - durch das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung im Heiligen Geist, den er über uns reichlich ausgegossen hat durch Jesus Christus, unsern Heiland, damit wir, durch dessen Gnade gerecht geworden, Erben seien nach der Hoffnung auf ewiges Leben.

Liebe Gemeinde!

„Der greift wohl jeden Morgen nach dem Aufstehen erst einmal in die Steckdose, damit er so böse schauen kann.“ So äußerte sich mal jemand über einen Zeitgenossen, der wirklich meist etwas nörgelig drauf war. Aber gibt es das wirklich? Menschen, die nicht freundlich sein wollen?

Ich glaube: Im Grunde möchte jeder von uns mit seinen Mitmenschen gut auskommen. Jeder möchte gerne immer freundlich und gut drauf sein. Aber irgendwie gelingt das nicht – und zwar nicht, weil wir morgens in die Steckdose fassen, sondern, weil dieser Wunsch im täglichen Durcheinander scheitert. An Dingen, die meine Nerven strapazieren – wenn ich nachts schlecht geschlafen habe, der Verkehr auf dem Weg zur Arbeit, schwierige Aufgaben, Zahnschmerzen was auch immer. Manchmal meine eigene Überempfindlichkeit, dass ich mich vom anderen angegriffen fühle, obwohl das gar nicht so gemeint war. Ja – es gibt so viele Dinge, die uns die Freundlichkeit rauben und damit unser Miteinander so schwer machen. Und wenn ich mich unfreundlich behandelt fühle, dann reagiere ich in der Regel ebenso wenig freundlich und so schaukelt sich die Unfreundlichkeit gegenseitig hoch, obwohl das niemand will. Ich denke manchmal: Eigentlich könnten wir Menschen es doch so leicht miteinander haben … und machen es uns oft so schwer.

Wie könnte das anders werden? Können wir Freundlichkeit lernen? Wir haben gerade einige Zeilen aus dem Titus-Brief gehört. Paulus schreibt an seinen Schüler, der Verfolgung durch seine griechische und römische Umwelt erlebt. Hass und Unfreundlichkeit. Wie leicht kann das auf das eigene Verhalten ansteckend wirken.

Da erinnert Paulus an die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes. Gott hat sie seiner Welt gezeigt. Auf ganz verschiedene Weise zeigte Gott der Welt und den Menschen sein freundliches Gesicht. Bereits in der Schöpfung als diese Welt ins Dasein gerufen wurde. An jedem Morgen, wenn uns ein neuer Tag geschenkt wird.

Wenn wir Weihnachten feiern, dann nehmen wir Gottes freundliches Gesicht wahr im Kind von Bethlehem. Dass kein Stall zu dreckig und keine Krippe zu klein war. Sondern dass da Gottes ganze Freundlichkeit und Menschenliebe sich gezeigt hat. Wenn Hirten und Weise zur Krippe gekommen sind. Dann aber auch im ganzen Weg Jesu, in dem sich Gott den Menschen zugewandt hat freundlich und liebevoll: heilend, tröstend, segnend.

Zeichen dieser Zuwendung Gottes ist die Taufe. Gerade wenn wir Kinder taufen, wird das deutlich: Bevor wir selber freundlich sein konnten, kommt Gott mit seiner Freundlichkeit und Menschenliebe auf uns zu. Er macht uns damit zu neuen Menschen. Bad der Wiedergeburt nennt Paulus die Taufe. Wir werden erneuert. Gott sendet uns seinen guten Geist. Das ist die Kraft der Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes.

Dieser Freundlichkeit und Menschenliebe war an Weihnachten Stall und Krippe nicht zu schmutzig und klein. Ihr ist auch unser Leben, unser Denken und Handeln nicht zu schlecht oder zu unbedeutend. Sie kommt hinein – ausgedrückt im Zeichen der Taufe. Wäre Christus tausendmal in Bethlehem geboren und nicht in dir, du gingest doch verloren. So sagte es der Dichter Angelus Silesius. Wäre Christus mit seiner Freundlichkeit und Menschenliebe tausendmal in den Stall gekommen und nicht in dein Herz und dein Denken im Zeichen der Taufe – es hätte sich nichts geändert.

Nun ist uns aber Gottes Freundlichkeit und Menschenliebe so unendlich nahegekommen. Das gibt uns Hoffnung sogar über unser Leben hinaus - auf ein Leben, das nicht vergeht, selbst nach unserem Tod nicht. Wir sind und bleiben geborgen in der Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes. So wie es Martin Luther vor sich auf den Tisch schrieb, wenn er in einer Krise war: Ich bin getauft.

So in Gottes Freundlichkeit geborgen können wir in eine oft unfreundliche Welt gehen. Dann ist die Frage: Wovon lassen wir uns anstecken? Von der Unfreundlichkeit und dem Stress um uns herum? Oder von dieser Freundlichkeit Gottes?

Wenn ich mein eigenes Leben kritisch prüfe und frage: Wann bin ich unfreundlich? Dann ist das meist, wenn was nicht so läuft wie erwartet. Oder wenn ich mich von einem anderen Menschen angegriffen fühle. Weil er etwas sagt, was mich verletzt. Weil er mich scheinbar nicht beachtet. Weil er mit seinem Anliegen zu penetrant in meiner Nähe bleibt, obwohl ich bereits für ihn getan habe, was ich konnte. Weil ich mit meinem eigenen Versagen nicht klarkomme.

Das alles soll ich nehmen und gewissermaßen an der Krippe ablegen. Mir zusagen: Ich bin getauft. Gott steht trotz meines Versagens auf meiner Seite. Mein Leben ist wertvoll – egal, was mir gerade begegnet. Diese Stimme Gottes in mich aufnehmen, nicht die Stimmen, die mich verurteilen oder abwerten in mir und außerhalb von mir. Dann steckt Gottes Freundlichkeit mich an. Wen ich mich selber freundlich angesehen weiß, kann ich das ausstrahlen.

Dadurch kippt etwas in unserer so oft lieblosen und unfreundlichen Welt. Wenn ich das Bild vom Anfang aufnehme: Ich stecke dann nicht jeden Morgen meine Hand in die Steckdose, um unfreundlich zu schauen. Sondern ich stecke sie in die Energiequelle der Freundlichkeit Gottes. Ich krieche gewissermaßen in meine Taufe zurück, wie es Luther sagte. Immer wieder unseren Alltag unterbrechen. Da auftanken. Vielleicht nehmen andere dann auch in uns die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes wahr. Amen.