25. März 2016 - Karfreitag


Predigt zu 2. Korinther 5,14b-21

Liebe Gemeinde!

Vor einigen Jahren waren wir im Nationalpark Harz beim Wandern. Wir gingen dem Fluss Ilse entlang, der in einer steilen Schlucht im Wald noch eher als Bach dahinfloss. Da im Nationalpark ja der Wald sich selbst überlassen bleibt, hat dieser Fluss Äste, Zweige und Blätter mit sich transportiert. An manchen Stellen verkeilten sie sich in dieser Schlucht. Da sammelte sich einiges an Treibgut an.

Als ich von oben her auf diese Stellen blickte, hatte ich eine Assoziation zum eigenen Leben: Treibt der Fluss unseres Lebens nicht auch so eine Menge an Treibgut mit sich? Erlebnisse, Erfahrungen – schöne, aber ebenso belastende, gute und schwierige, Erfolge wie Verletzungen, Konflikte, Enttäuschungen. Besonders die belastenden Erfahrungen verkeilen sich manchmal in unseren Köpfen und Herzen wie Äste, Zweige und Blätter in diesem Fluss. Schränken uns ein, drücken uns nieder, machen uns manchmal traurig, manchmal empfindlich, manchmal aggressiv.

Gerade in Situationen, wo wir nicht angemessen reagieren – ausfällig oder sehr niedergeschlagen werden, da zeigt sich die Macht dieses Treibgutes angespült vom Fluss unseres Lebens in unserer Seele. Dass solches Treibgut entsteht, ist normal. Zuviel Belastendes begegnet uns eben. Wir können es gar nicht verhindern. Das ist auch nicht das Problem – das Problem ist vielmehr, dass sich das Treibgut festsetzt und uns zu schaffen macht. Dass der Strom unseres Lebens es nicht mehr schafft, es wegzuspülen. Wie aber kann das gelingen – das Wegspülen des Treibgutes?

Beim echten Fluss muss viel Wasser von oben kommen – durch den Regen oder die Schneeschmelze. Dass der Fluss so viel Kraft hat, das Treibgut wegzuspülen. In unserem Leben heißt diese Wasserquelle „Versöhnung“.

Dazu gehört zuerst die Versöhnung mit mir selbst. Mit meiner Lebensgeschichte. Mit meinen guten Prägungen. Mit meinen Stärken und Begabungen. Das fällt alles nicht schwer. Dann aber auch Versöhnung mit dem, was meine Lebensgeschichte belastet hat. Verletzungen, Enttäuschungen, die Grenzen meiner Fähigkeiten und Kraft. Versöhnung mit den Situationen, die ich am liebsten aus meiner Biographie ausradieren würde. Zu sagen: Ja, das gehört zu mir. Beides – das Gute wie das Schwierige muss ich annehmen.

Damit verbunden: Die Versöhnung mit den Mitmenschen, die mich enttäuscht, verletzt, an den Rand gedrängt, mit meinen Schwächen konfrontiert haben.

Nun kann man einwenden: Das wissen wir ja alles schon. Aber diese Quelle sprudelt nicht in meinem Leben. Versöhnung ist so unendlich schwer – meist doch sogar unmöglich. Wie soll das gehen?

Nochmals das Bild vom Fluss: Kein Fluss produziert sein Wasser selbst. Es kommt von außen. Es kommt als Regen oder Schnee vom Himmel. Und so ist es auch mit der Quelle der Versöhnung: Sie wird gespeist mit Versöhnung von außen, vom Himmel, von Gott.

Davon spricht der Apostel Paulus im eben gehörten Briefabschnitt: Quelle der Versöhnung mit uns und anderen ist die Versöhnung der Welt mit Gott. Die ereignet sich im Geschehen vom Karfreitag. Da hat sich nämlich Gott mit dieser Welt versöhnt – vor allem mit dem, was sich gegen Gott stellt. Versöhnung heißt: Ich flüchte nicht vor dem, was mich belastet und bedrängt, sondern ich gehe auf Menschen und Ereignisse zu, die mir das Leben schwermachen. Im Bild vom Anfang: Ich lasse den Wasserstrom der Vergebung an das Treibgut in meiner Seele.

So ist Gott mitten hineingegangen in das, was diese Welt und jedes Leben belastet: in Schuld, Schmerz, Leiden und Tod. Gott war in Christus – damals bei der Verhaftung, Verurteilung, Kreuzigung und im Tod. Und versöhnte damit die Welt mit sich selber. Weil diese Gemeinschaft vom Vater im Himmel und seinem gekreuzigten Sohn sich nicht hat auseinanderdividieren lassen in diesem Geschehen und durch dieses Geschehen. Die Trennung des Menschen von Gott – in der Sprache der Bibel: die Sünde – wurde überbrückt dadurch, dass sich Gott in die tiefste Gottverlassenheit begeben hat. Nichts kann uns mehr von der Liebe Gottes trennen.

Damit ist das, was uns bisher belastet hat, mit Christus gestorben. Es hat keine Macht mehr über uns. Weil Christus Schuld und Tod besiegt hat durch seine Auferstehung. Wer dem vertraut, steht mit Christus auf in ein neues Leben: Ist jemand in Christus, ist er eine neue Schöpfung. Das Alte ist vergangen – siehe: Neues ist geworden. Das Treibgut ist herausgefischt und verbrannt worden.

Ja – das wissen wir ja alles bereits. Aber wie kann dieses Wort von der Versöhnung tatsächlich seine Wirkung entfalten? Dass dieses Wasser vom Himmel wirklich im Fluss unseres Lebens ankommt, das Treibgut mitnimmt?

Die Antwort des Paulus: Gott hat das Wort der Versöhnung aufgerichtet und uns das Amt anvertraut, das dieses Wort weitersagt. Als Botschafter für Christus den Menschen sagen: Lasst euch versöhnen mit Gott.

Wort heißt in der Bibel immer beides: Sagen und Tun. Das bedeutet: Wir helfen uns zur Versöhnung. Das geschieht dann, wenn wir versöhnt leben. Als Menschen, die zu ihren Schwächen stehen. Und darüber lachen können, statt krampfhaft eine Fassade der Stärke aufrecht zu erhalten. Die dann den Mut haben, sich zu entschuldigen, wenn mir mal wieder das Treibgut in meiner Seele einen Streich gespielt hat. Erkennen, wo ich Teil eines Konfliktes bin.

Und dann anderen großzügig begegnen können. Mit ihren Fehlern rechnen, statt sie ihnen vorzurechnen. Vergessen können. Zu wissen: Der einzige Mensch, den ich vielleicht ändern kann, bin ich selbst.

In dem allem, mich nicht zu wichtig zu nehmen. Und im Vertrauen auf den Gott leben, der mit mir und anderen in Kontakt bleibt – selbst in schwierigen Wegstrecken. Amen.