25. November 2018 - Ewigkeitssonntag


Predigt zu Jesaja 65,17-25

Denn siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, dass man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird. Freuet euch und seid fröhlich immerdar über das, was ich schaffe. Denn siehe, ich erschaffe Jerusalem zur Wonne und sein Volk zur Freude, und ich will fröhlich sein über Jerusalem und mich freuen über mein Volk.

Man soll in ihm nicht mehr hören die Stimme des Weinens noch die Stimme des Klagens. Es sollen keine Kinder mehr da sein, die nur einige Tage leben, oder Alte, die ihre Jahre nicht erfüllen, sondern als Knabe gilt, wer hundert Jahre alt stirbt, und wer die hundert Jahre nicht erreicht, gilt als verflucht. Sie werden Häuser bauen und bewohnen, sie werden Weinberge pflanzen und ihre Früchte essen. Sie sollen nicht bauen, was ein anderer bewohne, und nicht pflanzen, was ein anderer esse. Denn die Tage meines Volks werden sein wie die Tage eines Baumes, und ihrer Hände Werk werden meine Auserwählten genießen. Sie sollen nicht umsonst arbeiten und keine Kinder für einen frühen Tod zeugen; denn sie sind das Geschlecht der Gesegneten des HERRN, und ihre Nachkommen sind bei ihnen. Und es soll geschehen: Ehe sie rufen, will ich antworten; wenn sie noch reden, will ich hören. Wolf und Lamm sollen beieinander weiden; der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind, aber die Schlange muss Erde fressen. Man wird weder Bosheit noch Schaden tun auf meinem ganzen heiligen Berge, spricht der HERR.

Liebe Gemeinde!

„Es ist nichts mehr, wie es einmal war!“ So sagen es oft Menschen, die um einen nahen Angehörigen trauern. Besonders die, die abrupt vom Tod überrascht wurden. Wo der Tod unvorbereitet und unvermittelt zugeschlagen hat. Wo wenige Stunden zuvor das Leben noch seinen gewohnten Lauf genommen hatte. Ein Unfall, ein Herzversagen, ein schwerer Schlaganfall – was auch immer hat das bisherige Leben in Trümmer gelegt. In kürzester Zeit wurde aus einem geordneten Leben ein Chaos. Aus Entsetzen, Wut, Schmerz, Weinen und Trauer.

„Es ist nichts mehr, wie es einmal war!“ Das denken jedoch ebenso diejenigen, die sich auf den Tod eines Angehörigen vorbereiten konnten. Da schlug der Tod vielleicht über eine längere Zeit zu, zerstörte dann aber genauso das bisherige Leben – als eine unheilbare Krankheit diagnostiziert wurde, medizinisch jemand „austherapiert“ war, wie es in der Ärztesprache heißt. Als man sich entscheiden musste, ob auf der Intensivstation Geräte abgeschaltet werden, weil sie nur das Leiden verlängert hätten. Als bei einem Senior die Demenz zu stark wurde, man einen Platz im Pflegeheim suchen musste. Da hat man eher mit dem Tod gerechnet, ihn sogar als Schlusspunkt hinter ein quälendes Leiden herbeigesehnt – und war doch erschrocken, als ein lieber Mensch endgültig die Augen schloss.

„Es ist nichts mehr, wie es einmal war!“ Vielleicht auch, weil der Familie nun der Mittelpunkt fehlt. Das Elternhaus verkauft werden muss, oder: weil es Streit gab – um die Pflege oder gar das Erbe.

Egal, aus welcher Situation heraus wir heute Morgen in den Gottesdienst gekommen sind: der Tod hat über eine kurze oder lange Zeit alles im Leben kaputt gemacht. Das Leben in eine Trümmerlandschaft verwandelt. „Es ist nichts mehr, wie es war!“

Eine Situation, die auch die Israeliten kannten als sie das eben gelesene Wort Gottes vom Propheten Jesaja das erste Mal hörten. Denn sie saßen in einer Trümmerlandschaft – aus der Verbannung in Babylonien zurückgekehrt nach Jerusalem. Die Stadt zerstört, der Besitz von fremden Menschen verbraucht. Die Felder verwüstet. Alle Arbeit umsonst. Weit weg von Gott und von seinem Segen.

Wir kennen diese Gedanken, wenn wir in Trauer sind. Warum setze ich mich ein für meine Arbeit? Was bringt das? Und die Frage nach Gott: Wo ist Gott? Wo war er, als einem Menschen, der mir wichtig war, etwas zugestoßen ist? Hat Beten überhaupt einen Sinn? Verhallen unsere Gebete nicht vielmehr ungehört? Trümmerlandschaften, die die Trauer hinterlässt.

Aber Gott verspricht den Israeliten durch den Propheten einen neuen Anfang. Gott schafft Neues – es werden dieselben Wörter benutzt wie im Schöpfungsbericht auf den ersten Seiten der Bibel. Einen neuen Himmel und eine neue Erde. Die alte Erde vergeht – und mit ihr Tod und Vergänglichkeit, die sie regieren. Der alte Himmel vergeht – und mit ihm mancher Wunschtraum von uns Menschen, irgendwie den Tod zu verdrängen und uns unsterblich zu machen. Der alte Himmel steht auch für die Illusionen und Ideologien der Menschen, die irgendwie einen Himmel auf Erden schaffen wollten, aber in der Hölle landeten. Gott hingegen macht alles neu. Das Frühere, das Gedanken und Herzen belastet, soll vergessen werden.

Einer hat Freude an dieser neuen Erde: Gott selbst, der Schöpfer und Neuschöpfer. Freude, dass das nicht mehr da ist, was die Menschen belastet. Seine Freude schwappt über auf die Menschen. Ihr Weinen wird durch Fröhlichkeit abgelöst. Das Leid durch einen allzu frühen Tod gibt es nicht mehr – 100 Jahre erreicht jeder Erdenbewohner. Häuser, Siedlungen, Gärten und Weinberge werden neu angelegt – und sie bleiben bestehen. Kein anderer wird sich daran vergreifen. Wie ein Baum Tag für Tag vom Schöpfer ernährt wird, werden es auch die Menschen. Keine nutzlose und sinnlose Arbeit, keine Kinder, die geboren werden, um gleich wieder zu sterben.

Das geschieht in einer engen Gemeinschaft mit Gott – bevor die Menschen eine Bitte äußern, hat Gott sie bereits erfüllt. Voraussetzung ist der Frieden – die Menschen tun sich nichts mehr Böses. Symbol ist der Frieden im Tierreich: Der Löwe ist Vegetarier. Die Schlange bleibt in der Erde. Wolf und Schaf wohnen friedlich beieinander. In dem allem zeigt sich Gottes Segen.

Aber ist diese Ankündigung Gottes nicht eine bloße Illusion? Denken Sie als Trauernde jetzt: Schön wäre es, aber wir leben noch in unserer Trümmerlandschaft. Keine Hoffnung auf Besserung in Sicht. Das neue Jerusalem ist ein Wolkenkuckucksheim, das mit der Realität in einer Welt, in der gelitten und gestorben wird, nichts zu tun hat.

Die Israeliten damals führte Gott aus dem Trümmerfeld heraus. Es war ein langer und mühsamer Weg – keine Frage, bis die Häuser wiederaufgebaut und die Felder wieder angelegt waren. Bis die Weinberge wieder Frucht trugen, brauchte seine Zeit. Es gelang, weil die Israeliten geduldig waren mit sich. Weil sie Stein um Stein in die Hand nahmen. Auf dem Acker Furche um Furche zogen, jede Rebe im Weinberg sorgfältig pflegten.

So ist es auch beim Weg aus der Trümmerlandschaft der Trauer heraus. Ich sage Trauernden immer: Geduld haben mit sich. Nicht zu viel von sich erwarten. Schritt um Schritt weitergehen – und dann nach einem Monat, nach drei Monaten, nach einem Jahr zu merken: Ja – es ging weiter. Langsam haben sich die Bausteine meines Lebens wieder neu zusammengefügt. Ist auf dem Feld meines Lebens wieder ein zartes Pflänzchen der Hoffnung gewachsen. Natürlich gibt es da immer noch Trümmer in meinem Leben – die Trauer um einen Menschen, der mir nahestand, wird nie gänzlich verschwinden. Das wäre ja auch nicht gut, denn unsere Trauer ist ja die Kehrseite unserer Liebe. Und manchmal reißen Vergänglichkeit und Tod wieder neue Lücken, schaffen neue Ruinen. Wo wir wieder langsam neu aufbauen und anpflanzen müssen.

Da ist die Gemeinschaft mit anderen Menschen wichtig: einander nichts Böses tun – wie hier in der Vision Jesajas Wolf und Schaf zusammenwohnen. Das bedeutet in der Familie: Miteinander klären, was an Belastetem zwischen den Einzelnen steht – aus der Zeit der Pflegebedürftigkeit des Angehörigen, durch die Auseinandersetzung ums Erbe, durch ungelöste Kindheitskonflikte oder was auch immer. Denn zusammen baut es sich leichter auf als gegeneinander.

Und die Gemeinschaft mit Gott. Der uns hört, bevor wir etwas aussprechen. Das bedeutet: Selbst wenn wir unsere Trauer, unsere Klage, unseren Schmerz – ja, auch unseren Ärger – nicht in Worte fassen können – sie werden trotzdem ein Gebet. Weil Gott weiß, wie es uns geht. Einfach mit schwerem Herzen, wirren Gedanken und leeren Händen zu ihm kommen. Stille halten. Vielleicht eine Kerze anzünden, Musik anschalten. Vertrauen: Du, Gott, bis jetzt da.

Aber bis heute ist diese Ankündigung Jesajas noch nicht vollständig erfüllt. Es gibt noch die Stimme des Weinens, es gibt noch Geschrei über Leid. Trotz aller medizinischer Fortschritte wird noch nicht jeder 100 Jahre alt – und möchte es meist auch gar nicht werden. Zu mühsam sind oft die Beschwerden des Alters.

Doch da verspricht Gott noch Größeres. Wir haben es vorher in der Lesung aus dem vorletzten Kapitel der Bibel gehört: Gott wird den Tod sogar vernichten. Tränen für immer abwischen. Diese Zukunft hat bereits begonnen mit der Auferstehung Jesu an Ostern. Gott führt unsere Verstorbenen aus der Trümmerlandschaft des Todes in seine neue Stadt, wo er ganz nahe sein wird. Gott führt die Trauernden aus den Ruinen des Schmerzes in die neu aufgebaute Stadt eines Lebens mit überwundener Trauer. Und dann auch in die von ihm selbst gebaute Stadt aus dem Himmel. Wo wir wieder vereint sein werden mit denen, die im Tod uns vorangegangen sind. Und man wirklich statt Weinen und Geschrei nur noch Jubel hört. Da gilt wieder: Es ist nichts mehr, wie es war. Sondern viel besser. Amen.