25. September 2016 - 18. Sonntag nach dem Dreieinigkeitsfest


Predigt zu Römer 14,17-19

Liebe Gemeinde!

Bei unserem letzten Seniorenausflug besichtigten wir die Stadtkirche von Waldenburg: Eine historische Kirche, die in den Siebzigerjahren modernisiert wurde: eine Betonempore, Stühle statt der Kirchenbänke, moderne Fenster. Da meinte jemand: „Das hat damals sicher Diskussionen gegeben.“ Ich antwortete: „Wenn man in einer Gemeinde Streit will, muss man die Innenrenovierung einer Kirche durchführen.“ Weil man sich über Geschmacksfragen streiten kann, ohne zu einer Lösung zu kommen. Will die einen an der Kirche ihrer Jugendzeit hängen, während die anderen genau die verändern wollen – weil sich vielleicht manches als schwierig herausgestellt hat.

Da bewahrheitet sich wieder einmal der Satz eines Kirchengeschichtlers über Streitigkeiten in der Kirche: „In der Predigt kann die größte Irrlehre gesagt werden und keinen interessiert es. Aber wehe, auf dem Altar stehen zwei Kerzen anders als sonst, dann gibt es einen Volksaufstand.“

Unser Bibelwort aus dem Römerbrief zeigt, dass das schon immer so war in der christlichen Gemeinde: Man streitet sich in der Regel um Äußerlichkeiten heftig – die aber inhaltlich keine große Bedeutung haben.

Damals war es der Streit um das Essen. Dürfen Christen an römischen Mahlzeiten teilnehmen, wenn vom Fleisch vorher in einem Göttertempel ein Teil geopfert wurde? Die einen sagten: Nein – wir lehnen die Götterkulte ab! Die andere: Ja – denn es gibt keine Götter, also schadet uns dieses Fleisch nicht!

Paulus schreibt den Streithähnen: Die Königsherrschaft Gottes besteht nicht in Essen und Trinken.

Doch merkwürdigerweise kann man sich an diesen Fragen entzweien. Heute nicht mehr über Opferfleisch. Aber was habe ich schon im Bereich von Kirchengemeinden und Jugendarbeit Essensdiskussionen gehabt: Soll man bei einer kirchlichen Veranstaltung Alkohol anbieten, wenn so viele Alkoholprobleme haben? Darf man überhaupt noch Fleisch essen angesichts unserer ökologischen Probleme? Oder wenn einem mit zorniger Stimme erklärt wird, dass ein Kartoffelgratin als vegetarisches Gericht beim Gemeindefest eine Diskriminierung der Vegetarier sei, weil ein Gratin doch nur eine Beilage sei. Oder wenn man heftig über Abendmahlsfragen diskutiert: Einzelkelch oder Gemeinschaftskelch, Wein oder Saft? Da hätte sich auch ein Pfarrkonvent beinahe zerlegt.

Weil Essen und Trinken viel mit Gemeinschaft zu tun hat. Und mit meinen persönlichen Vorlieben. Aber auch mit grundsätzlichen Erwägungen zur richtigen Ernährung – die dann oft zu gut gemeinten, pädagogisch wertvollen Erziehungsmaßnahmen führen. Deswegen die Härte, die solche Diskussionen mit sich bringen.

Aber wie gesagt: Jedes Thema kann zu solchen harten Auseinandersetzungen führen. Weil jeder mit dem von ihm vertretenen Anliegen innerlich mehr verbindet als bloß dieses Thema. Da geht es um Heimat, Orientierung, Wohlfühlen, Lebensgeschichten und vieles mehr. Deshalb die Heftigkeit.

Darum setzt Paulus seinen Satz fort: Die Königsherrschaft Gottes besteht nicht aus Essen und Trinken, sondern aus Gerechtigkeit und Frieden und Freude im Heiligen Geist.

Damit rückt er nochmals die Maßstäbe zurecht: Als Gemeinde Jesu Christi verbinden uns nicht gemeinsame Lebensgewohnheiten, nicht gemeinsame Nahrungsvorlieben, nicht ein gemeinsamer Musikgeschmack, nicht ein gemeinsamer Kleidungsstil.

Sondern es verbindet uns das Vertrauen auf Jesus Christus, das uns der Geist Gottes schenkt. Wenn wir dieses Verbindende sehen, dann schenkt uns Gottes Geist Gerechtigkeit, Frieden und Freude – trotz aller Unterschiede in Lebensgewohnheiten und Vorlieben.

Gerechtigkeit heißt in der Bibel: Treu zu einer Gemeinschaft stehen, auch dann wenn ich mich von anderen unterscheide, wenn die anderen anders sind als ich. Das führt zu Frieden und bringt die Freude, die sich auch über den Mitchristen freut, der so ganz anders tickt als ich.

Deshalb streben wir dem nach, das zum Frieden dient, was die Gemeinde aufbaut. Und zu diesem Aufbau tragen gerade diejenigen bei, die anders sind als ich. Weil sie andere Menschen ansprechen als ich.

Ein Beispiel: Ich war in meiner Ebersbacher Zeit viel unterwegs bei kleinen Gruppen, die sich unter dem Dach des Altpietistischen Gemeinschaftsverbandes zum Bibellesen trafen in verschiedenen Orten im Filstal und auf dem Schurwald. In der Regel ältere Damen, die sehr traurig waren, dass sie immer weniger wurden und keine neue Leute dazukamen. Ich sagte denen oft: Jüngere Menschen tun sich halt schwer damit, fast eine Stunde lang einen Vortrag eines Pfarrers, Gemeinschaftspastors oder Ehrenamtlichen anzuhören. Die Antwort: Aber wir singen doch auch. Ja, aber diese Lieder sind nicht der Musikstil jüngerer Leute. Völliges Unverständnis. Hier war wichtig, dass jüngere Menschen neue Formen entwickelt haben. In denen fühlten sich diese Älteren nicht mehr zu Hause. Deshalb müssen beide Seiten über ihren Schatten springen. Jeder muss akzeptieren, dass der andere mit anderen Formen den eigenen Glauben lebt. Je vielgestaltiger das gemacht wird, desto mehr Menschen werden angesprochen.

Wenn ich erkenne, dass es dem Mitchristen mit anderen Formen um das gleiche Ziel geht, dann kann ich mich darüber nur freuen – selbst wenn mir diese Formen nicht gefallen.

Umgekehrt soll ich meinen Stil des Glaubens leben und damit wiederum andere Menschen ansprechen. Mir wird das immer wieder deutlich bei der Gottesdienstgestaltung. Mir selber ist eine Predigt mit zwei Liedern davor und zwei Liedern danach und jeweils einem Gebet davor und danach am liebsten – und die Lieder dürfen gerne klassische Choräle sein. Ich weiß aber auch, wie viele Menschen damit nichts anfangen können. Die andere Musik, andere Formen der Verkündigung, andere Formate für Familien oder Jugendliche sich wünschen. Das zu ignorieren, wäre fatal. Damit würden wir viele ausgrenzen. Umgekehrt kann es nicht darum gehen, bewährte und traditionelle Formen aufzugeben – und damit vielen ihre geistliche Heimat wegzunehmen. Auch hier ist wichtig, die Vielfalt zu leben.

Was aber gefährlich ist: Vielfalt in den Formen mit inhaltlicher Gleichgültigkeit zu verwechseln. Darum geht es ja dem Apostel in seinem Brief an die Gemeinde in Rom. Worüber streitet ihr euch, obwohl es nicht zentral ist? Was sind die zentralen Inhalte des Glaubens, die nicht aufgegeben werden dürfen? Zentral für Paulus ist: Christus dienen. Dass Menschen von dem Christus erfahren, der Hoffnung gestiftet hat über den Tod hinaus. Diese Botschaft muss im Mittelpunkt stehen egal mit welchen Formen. An dieser Botschaft sollen die Menschen Anstoß nehmen – angestoßen werden, diesem Herrn zu vertrauen. Und nicht von ihnen fremden Formen abgestoßen werden.

Deshalb die entscheidende Frage: Was empfindet ein Fremder, der das erste Mal in unseren Gottesdienst, in unsere Gruppen, Kreise und Chöre kommt? Gibt es Äußerlichkeiten, die ihn abstoßen? Warum ändern wir sie nicht? Was ist uns dabei wichtig? Wenn wir es schaffen, immer wieder diesen Blick von außen einzunehmen, können wir einladende Gemeinde sein. Die nicht an Formen sich aufhält, sondern das lebt: Gerechtigkeit, Friede und Freude im Heiligen Geist. Und darin Christus dienen. Amen.