26. Dezember 2018 - 2. Weihnachtsfeiertag


Predigt zu Römer 1,1-7

Paulus, ein Knecht Christi Jesu, berufen zum Apostel, ausgesondert zu predigen das Evangelium Gottes, das er zuvor verheißen hat durch seine Propheten in der Heiligen Schrift, von seinem Sohn, der geboren ist aus dem Geschlecht Davids nach dem Fleisch, der eingesetzt ist als Sohn Gottes in Kraft nach dem Geist, der da heiligt, durch die Auferstehung von den Toten - Jesus Christus, unserm Herrn. Durch ihn haben wir empfangen Gnade und Apostelamt, den Gehorsam des Glaubens um seines Namens willen aufzurichten unter allen Heiden, zu denen auch ihr gehört, die ihr berufen seid von Jesus Christus.

An alle Geliebten Gottes und berufenen Heiligen in Rom: Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus!

Liebe Gemeinde!

Bis wann lässt man den Christbaum stehen? Die meisten Evangelischen bis zum Erscheinungsfest am 6. Januar, die Katholiken in der Regel bis Lichtmess am 2. Februar. Mein Schwager hingegen hat mich vor einigen Jahren überrascht: Nach dem zweiten Weihnachtsfeiertag wird der Baum abgeräumt. Gefühlt ist da Weihnachten zu Ende nachdem es ja irgendwann im September anfängt mit den ersten Lebkuchen im Supermarktregal. Sich dann in der Adventszeit immer mehr steigert zu einer „Vorweihnachtszeit“ wo eine Weihnachtsfeier die andere jagt. Kein Wunder, dass man heute denkt: Jetzt reichts. Ist Weihnachten also abgeschlossen mit diesem zweiten Feiertag?

Ohne über den Unterschied zwischen Kirchenjahr und gefühltem Jahreslauf zu räsonieren – für uns Christen ist in jedem Fall Weihnachten mit dem Feiertag heute nicht zu Ende. Weil Weihnachten unser Leben nach den Feiertagen prägen soll. Wir gehen weiter als veränderte Menschen. Sonst wäre das ganze Feiern eine zwar nette Unterbrechung des Alltags gewesen, aber ohne Bedeutung, ohne Relevanz für unser Leben. So wie es schon der schlesische Engel, der Angelus Silesius, der Mystiker Johann Scheffler im 17. Jahrhundert sagte: „Und wäre Christus tausendmal in Bethlehem geboren, und nicht in dir: Du bliebest doch in alle Ewigkeit verloren.“

Aber wie soll uns Weihnachten verändern? Womit soll Weihnachten unseren Alltag prägen? Über zu enge Hosen hinaus durch das viele Essen und die wenige Bewegung?

Einen Hinweis haben wir gehört in diesen ersten Zeilen des Römerbriefs des Apostels Paulus. Den Hinweis auf das weltverändernde Geschehen der Menschwerdung Gottes. Da hatten die Propheten lange gehofft, dass die Welt voll Leid, Krieg und Tod durch einen Nachkommen des Königs David verwandelt wird. Nun ist er zur Welt gekommen in diesem Kind von Bethlehem. Menschlicherseits in die Familie des Königs Davids aufgenommen. Aber zugleich kam in diesem Kind der Sohn Gottes zur Welt durch die Kraft des Geistes Gottes. Deutlicher noch als in der Geburt in Bethlehem durch den Ostersieg über den Tod. Göttliche Kraft und menschliche Niedrigkeit verbinden sich. Das Leben, das der Tod nicht auslöschen kann, der Frieden Gottes kommt in eine Welt voll Krieg und Tod. Das bleibende Leben bricht ein in die Welt des Todes. Gott stellt sich ganz auf die Seite der Menschen mit ihrem Leid. Indem er selber Mensch wurde. Das ist die Botschaft, die von Weihnachten her in unserem Alltag präsent sein soll: Gott steht an unserer Seite. Mit seiner Kraft, die stärker ist als der Tod.

In dieses Geschehen zwischen Himmel und Erde, zwischen Leben und Tod nimmt Gott seine Leute mit hinein. Paulus beschreibt das hier im Rückblick auf seine Lebenswende. Als ihm Christus begegnet ist, als er Christen verfolgen wollte. Ihn nicht nur davon abgehalten hat, sondern ihn sogar in seinen Dienst gestellt. Ausgesondert, das Evangelium zu predigen, die gute Nachricht von Jesus weiter zu sagen. Diese gute Nachricht verändert Menschen. Die Christen in Rom werden berufen durch Christus, in dessen Dienst gestellt.

In dieses Geschehen zwischen Himmel und Erde werden auch wir mit hineingenommen. Wir gehen aus diesen Weihnachtsfeiertagen hinaus und in den Alltag herein als Menschen, die in der Krippe gesehen haben: Gott steht auf unserer Seite. Wir sind nicht allein mit unseren Erfahrungen der Schwäche, mit den Bildern des Krieges, mit dem Tod vor Augen.

Selbstverständlich: Unsere Welt ist nicht besser, friedlicher, wohnlicher geworden durch diese Weihnachtstage. Aber wir sind anders geworden. Wir haben uns aussondern, in den Dienst nehmen lassen von Gott an unserer Seite. Wir bringen deshalb die Botschaft von Gott, der sich mit uns Menschen verbündet hat, in diese Welt.

Das tun wir durch unser Reden. Wie reden wir von dem, was wir an Weihnachten erlebt haben? Ich erinnere mich noch an ein Gespräch, das ich vor Jahren am Vormittag des Heiligen Abends in einem Fitnessstudio aufgeschnappt hatte. Auf die Frage, wie sie Weihnachten verbringe, sagte die Besucherin: Wir müssen heute Abend halt in die Kirche. Mein jüngerer Bruder ist Konfirmand und da muss er halt gehen. Das fand ich schade. Wenn der Besuch im Gottesdienst nur ein Pflichtprogramm ist, das man „halt“ mitmachen muss. Wie anders würde es klingen, wenn wir sagen: Ja – wir gehen in die Kirche. Weil die Weihnachtsbotschaft mir wichtig ist. Weil ich nicht nur ein süßes Kind in der Krippe sehen will, sondern von dem Gott hören, der uns ein Leben bringt, das mit dem Tod nicht endet. Wenn wir also von Weihnachten nicht nur erzählen als Abfolge von Essen und Verwandtenbesuch, sondern als Bewusstwerden von Gottes Nähe und Hilfe. Dann würden wir andere Menschen neugierig machen. Zum Nachfragen bringen. Und vielleicht sogar zum Nachdenken.

Wir bringen die Botschaft von Gott, der mit seiner Kraft zu uns kommt, aber ebenso durch unser Da-Sein zum Ausdruck, durch unsere Haltung zum Leben. Dass wir uns nicht von jeder Panikreaktion anstecken lassen. Besonnen und nüchtern bleiben. Oberflächliche Parolen hinterfragen.

Wir leben ja in einer Welt, die durch Gerüchte in sozialen Netzwerken, durch ständiges Sich-Aufregen und Sich-Empören emotional aufheizt. Wo leicht Feindbilder entstehen. Hier da­ge­gen­hal­ten, kühlen Kopf bewahren, das ist wichtig. Gerade wenn unsere Facebook-Freunde mal wieder die Todesstrafe für irgendein Verbrechen fordern, dann erklären, dass dies die falsche Reaktion ist, um Verbrechen zu bekämpfen. Wenn mal wieder Flüchtlinge für alles Übel verantwortlich gemacht werden, kritisch zurückfragen.

Und schließlich: Durch unser Tun. Zum Frieden beitragen, wo Streit herrscht. Menschen besuchen, von denen sich viele zurückgezogen haben. Sehen, wo jemand unsere Hilfe braucht.

Paulus wünscht der Gemeinde in Rom: Gnade und Frieden. Das, was er selbst von Christus erhalten hat. Gnade bedeutet: Gott öffnet sich uns gegenüber. Er ist für uns da. Hat offene Augen über unserem Weg. Offene Ohren für unsere Sorgen. Offene Hände, um uns zu helfen. Das, was er durch Christus unserer Welt mit einem Namen und einer Gestalt gezeigt hat.

Werden wir dadurch selber gnädig. Offen für die Sorgen unserer Mitmenschen. Gehen wir mit offenen Augen, offenen Ohren und offenen Händen durch unsere Welt. Gott hat sich im Himmel nicht abgeschottet gegen uns Menschen, sondern ist als kleines verletzliches Kind zur Welt gekommen. Machen wir es doch genauso.

Das zweite, das Paulus wünscht, ist Frieden. Christus hat mit seinem Kommen Frieden gebracht – so haben es die Engel in jener Nacht gesungen. Zugleich kam er mit diesem Frieden in eine unfriedliche Welt. Von Anfang an bedroht. Doch die Mächtigen konnten den Frieden, den Christus bringt, nicht auslöschen.

Wenn Gott an unserer Seite steht, haben wir diesen tiefen, unauslöschlichen Frieden. Wir tragen ihn in uns und strahlen ihn aus. Gerade, wenn es um uns herum unruhig ist und unfriedlich. Zu diesem Frieden in uns können wir jederzeit zurückkehren und damit anderen anders begegnen.

Wenn ich früher Mails bekommen habe, die mich fürchterlich ärgerten, habe ich in der Regel sofort geantwortet – und das naturgemäß aggressiv. Damit den Konflikt aufgeschaukelt. Heute lasse ich das, was mich ärgert, erst einige Stunden liegen. Dann reagiere ich ganz anders – friedlicher.

Ja – Weihnachten soll heute nicht aufhören. Sondern uns verändern. Dass wir wieder ermutigt leben können als Menschen, die Gott an ihrer Seite wissen. Im Reden, Handeln und Denken ausstrahlen, was das Kind in der Krippe bringt: Gnade und Frieden. Amen.