26. November 2017 - Ewigkeitssonntag


Predigt zu Daniel 12,1-3

Es wird eine Zeit so großer Trübsal sein, wie sie nie gewesen ist, seitdem es Völker gibt, bis zu jener Zeit. Aber zu jener Zeit wird dein Volk errettet werden, alle, die im Buch geschrieben stehen. Und viele, die im Staub der Erde schlafen, werden aufwachen, die einen zum ewigen Leben, die andern zu ewiger Schmach und Schande. Und die Verständigen werden leuchten wie des Himmels Glanz, und die viele zur Gerechtigkeit weisen, wie die Sterne immer und ewiglich.

Liebe Gemeinde!

Dieser letzte Sonntag im Kirchenjahr lässt Trauer wieder lebendig werden. Wenn wir an die Menschen denken, von denen wir im letzten Jahr haben Abschied nehmen müssen – ob bereits Monate vergangen sind oder erst wenige Wochen oder gar Tage. Und zugleich weckt diese Erinnerung auch Erinnerungen an schon länger zurückliegende Abschiede. Die Trauer ist ja keine kleine Wunde, die im Laufe der Zeit wieder sich schließt und heilt. Trauer kommt phasenweise – mal stärker, dann wieder kaum wahrnehmbar, um sich später wieder mit voller Macht zurückzumelden. Trauer verändert sich zwar, aber sie wird nie komplett verschwinden – sonst hätte uns der Mensch, um den wir trauern nicht viel bedeutet. Trauer füllt den Raum – den Raum unseres Herzens, den Raum unserer Gedanken, den Raum dieser Kirche, den Raum unseres Lebens.

Trauer konfrontiert uns zugleich mit den letzten Fragen unseres Lebens, mit den entscheidenden und grundlegenden Fragen. Wo sind die Toten? Wo gehen wir einmal hin, wenn unser Leben endet? Was gibt uns Halt in einem begrenzten Leben? Warum gibt es Leiden und Tod? Warum wurde vielleicht einem lieben Menschen eine lange Krankheitszeit, ein schwerer Tod zugemutet? Warum musste jemand allzu früh sterben? Fragen, denen wir im Alltag eher ausweichen können, die aber in der Trauer um einen Menschen nicht verdrängt werden können. Die sich zu Wort melden.

Und damit auch die Frage nach dem letzten Grund unseres Lebens, die Frage nach Gott. Unsere Zweifel, unsere Fragen, unsere Klagen richten sich an ihn: Warum ist das geschehen? Wozu das alles? Warum wurden Gebete scheinbar nicht erhört? Bist du überhaupt da?

Zugleich die Hoffnung: Dass einer da ist, der Leben und Sterben in seiner Hand hält, einer, der uns und unsere Verstorbenen in seiner Hand hält. Dass einer stärker ist als der Tod.

Beides spüren wir auch in dem Wort des Propheten Daniel, das wir eben hörten. Einerseits die Klage über die Trübsal – wörtlich könnten wir auch übersetzen: Angst, Enge, Bedrängnis, Druck, Stress. Damals der Druck von Gewaltherrschern, die in Jerusalem den Glauben an den Gott Israels brutal verfolgten. Eine nie da gewesene Bedrängnis.

Bei uns heute am Ewigkeitssonntag: Die Trübsal, die Angst, der Druck, welche Tod und Trauer mit sich bringen. Für viele auch eine nie dagewesene Trübsal, ein noch nie erlebter Druck. Denn so lange Krankheit, Leiden, Tod und Trauer die anderen Menschen und Familien betreffen – so lange können wir zwar Mitleid empfinden, Anteil nehmen. Aber es ist doch immer außerhalb unseres unmittelbaren Lebenskontexts. Anders, wenn es uns trifft - in der nahen Familie, im engen Freundeskreis, in der unmittelbaren Kollegenschaft.

Als vor ziemlich genau 21 Jahren meine Mutter im Sterben lag, war mir schon irgendwann klar, dass es zu Ende geht. Doch als dann eine Nachbarin zu Besuch ins Krankenhaus kam und sehr direkt sagte: Ich komme jetzt, denn ich will nicht auf die Beerdigung gehen. Da stand es mir plötzlich vor Augen: Viele Trauerfeiern hatte ich bis dahin schon besucht und gehalten. Aber jetzt kommt die erste, die mich ganz unmittelbar trifft. Und das ist anders als alle vorher.

Doch Daniel bleibt nicht stehen bei dieser Trübsal, Angst, Bedrängnis. Sondern es kommt auch das andere: Die Hoffnung. Die Hoffnung auf Gott. Zu jener Zeit rettet Gott seine Leute, die in einer Beziehung zu ihm standen und er in einer Beziehung zu ihnen stand. Er rettet, die ihm vertrauten. Das ist hier das Bild vom Buch des Lebens. Das Wort, das im Hebräischen hier für „retten“ steht, bedeutet auch: Aus der Enge ins Weite führen. Und: Geboren werden. Die Rettung aus dem Tod ist also wie eine Geburt: Gott führt aus der Enge des Todes und des Leides in die Weite eines neuen Lebens.

Angst und Trübsal auf der einen Seite, Hoffnung und Vertrauen auf der anderen. Beides spüren wir in diesem Bibelwort. Beides spüren wir in unserem Leben. Sicher werden Hoffnung und Vertrauen auf Gott begleitet von Zweifeln. Weil Angst, Trübsal und Druck zu übermächtig erscheinen, wir aber Gott und seine Kraft nicht sehen. Aber Angst, Trübsal und Druck werden ja nicht kleiner dadurch, dass wir die Hoffnung und das Vertrauen auf Gott aufgeben. Vertrauen wir auf Gott, leiden wir mit Hoffnung. Ohne Gott herrscht nur Verzweiflung.

Deshalb setzt Daniel seine Hoffnung auf Gott, der die, die in der Erde liegen, aufweckt zu einem neuen Leben, das nicht vergeht. Einem ewigen Leben. Das ist die Hoffnungsperspektive des Glaubens – die Hoffnung über den Tod hinaus. Nur deshalb brauchen wir in einer Welt nicht verzweifeln, in der Leid, Tod und Trauer dazugehören.

Daniel verschweigt aber ebenso wenig die andere Seite. Es gibt auch das Gericht Gottes nach dem Tod. Sonst würden ja die Gewalttäter, Terroristen und Tyrannen damals wie heute die Oberhand behalten. Deshalb muss Gott den Unterdrückten Recht schaffen. Aber jeder, der Gott vertraut – auch mit seinen Zweifeln und in seinen Zweifeln – wird zum neuen Leben auferweckt.

Gott hat diese Hoffnung des Propheten bestätigt am Ostermorgen durch die Auferstehung Jesu. Dass Gott da bereits einen auferweckt hat aus dem Grab zum neuen Leben. Das ist Gottes Hoffnungszeichen in einer Welt voller Trauer.

Und wir sollen diese Hoffnung weitergeben. Als Menschen, die Gott vertrauen und auf seinen Sieg über den Tod hoffen. Sie werden hier verglichen mit dem strahlenden Himmel und den leuchtenden Sternen. Weil wer Hoffnung hat über den Tod hinaus auch Sterbende begleiten und Trauernden helfen kann. Damit in der Nacht von Trauer und Tod ein helles Licht scheinen kann, ein Stern aufgeht.

So wie wir nachher für unsere Verstorbenen auch Kerzen anzünden. Wenn wir ihre Namen vor Gott nennen und sie Gottes rettender Kraft anvertrauen. Das Licht anzünden in der Hoffnung auf Gott, der rettet, der zum neuem Leben führt, aus der Nacht des Todes ins Licht seiner Ewigkeit. Amen.