27. August 2017 - 11. Sonntag nach dem Dreieinigkeitsfest


Predigt zu Matthäus 21,28-32

Was meint ihr aber? Es hatte ein Mann zwei Söhne und ging zu dem ersten und sprach: Mein Sohn, geh hin und arbeite heute im Weinberg. Er antwortete aber und sprach: Ich will nicht. Danach aber reute es ihn, und er ging hin. Und der Vater ging zum andern Sohn und sagte dasselbe. Der aber antwortete und sprach: Ja, Herr!, und ging nicht hin. Wer von den beiden hat des Vaters Willen getan?

Sie sprachen: Der erste. Jesus sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Die Zöllner und Huren kommen eher ins Reich Gottes als ihr. Denn Johannes kam zu euch und wies euch den Weg der Gerechtigkeit, und ihr glaubtet ihm nicht; aber die Zöllner und Huren glaubten ihm. Und obwohl ihr's saht, reute es euch nicht, sodass ihr ihm danach geglaubt hättet.

Liebe Gemeinde!

Vor wenigen Wochen waren die Fans von Justin Bieber sehr enttäuscht: Eine angekündigte Welttournee brach der Star ab, weil er wohl eine Auszeit braucht. Ein wütender Fan sagte in die Fernsehkameras: Der muss doch vorher wissen, was er sich zumuten kann und was nicht – bevor er irgendwelche Ankündigungen macht!

Der Mann hat ja im Grunde recht: Was man verspricht, muss man halten. Lieber vorher Nein sagen, als seine gegebenen Jas nicht einhalten können. Nur das schafft Vertrauen. Aber so einfach ist das ja nicht …

Deshalb reagieren so viele skeptisch auf die Plakate zur Bundestagswahl, die in diesen Wochen überall zu sehen sind: Halten die Kandidaten ihre Wahlversprechen? Viele kreiden angeblich gebrochene Zusagen den Politikern an und fühlen sich getäuscht.

Ähnliche Reaktionen bei manipulierten Abgaswerten der Autofirmen oder schadstoffbelasteten Eiern im Fipronil-Skandal der letzten Tage. Scheinbar oder tatsächlich gebrochene Zusagen machen uns oft hilflos und wie gesehen häufig ziemlich wütend.

Und natürlich gibt es zuweilen bewusste arglistige Täuschungen, Menschen, die etwas versprechen, von dem sie von Anfang an wissen, dass sie es nicht einhalten. Das gilt vermutlich vom Diesel-Skandal so wie es bisher aussieht. Aber schon die Landwirte, die Eier verkaufen, wurden ja selbst von der Reinigungs-Firma nicht informiert. Und die meisten anderen Zusagen wurden im besten Wissen und Gewissen gegeben, aber die Umstände haben sich so verändert, dass die Zusagen nicht eingehalten werden können.

Und das erleben wir – wenn wir ehrlich sind – bei uns selbst und unseren Versprechen genauso. Weil jedes Versprechen, jede Zusage sich auf die Zukunft bezieht. Und die Zukunft ist für uns eben nur begrenzt planbar oder gar steuerbar. Schon wenn ich zu meiner Frau sage: Ich hole dich um 17 Uhr am Bahnhof ab – dann kann es sein, dass ich Hindernisse auf dem Weg nicht vorhergesehen habe, noch ein Besucher oder ein Telefonat dazwischenkamen bevor ich das Haus verlassen habe, dass der vorherige Termin einfach länger gedauert hat oder eine Tätigkeit mehr Zeit brauchte als vorher angenommen.

Manchmal überschätzt man seine Kräfte wie Justin Bieber oder die Entwicklungen überrollen Politiker und ihre Wahlversprechen. Ob es der Bundeskanzler Helmut Schmidt war, der vor vierzig Jahren dem Terrorismus der RAF gegenüberstand, Gerhard Schröder vor 15 Jahren den klammen Sozialkassen und damit Hartz IV einführen musste oder Angela Merkels Atomausstieg nach Fukushima oder ihre Reaktion auf die Fluchtbewegungen. Wer hätte diese Krisen voraussehen können als sich diese Kanzler zur Wahl stellten?

Deshalb sind die beiden Brüder, die Jesus hier im Gleichnis seinen Zuhörern vor Augen stellt, ganz typische Menschen, in denen ich mich leicht wiederfinden kann. Als der Vater den einen fragt, ob er im Weinberg arbeitet, sagt er sofort Nein. Ob er einfach keine Lust hatte oder ihm Zeit und Kraft fehlten, wissen wir nicht. In jedem Fall scheint er sich umentschieden zu haben. Geht doch zum Arbeiten.

Ich kenne das von mir selbst. Da erscheint mir eine überraschende Anfrage als Zumutung. Das schaffe ich nicht! Dann denke ich nochmals darüber nach und korrigiere mich. Ich bringe es doch unter.

Nach dem Nein des einen Bruders fragt der Vater den anderen. Der sagt sofort Ja, hält aber seine Zusage nicht ein. Wie gesagt: Das kennen wir ebenso von uns – trotz aller ehrlichen Absicht lässt sich eine Zusage nicht durchhalten. Weil eben wir entweder unsere Zeit und Kraft falsch einschätzten, weil die Größe der Aufgabe uns nicht klar war oder aber, weil unerwartete Dinge dazwischengekommen sind.

Beide Brüder also verhalten sich ganz normal – daran wird deutlich: Jede Zusage kann korrigiert werden. Manchmal wird aus einem Ja ein Nein, oder aber aus einem Nein ein Ja. Jesus lobt den, der sein Nein korrigiert hat. Weil es entscheidend ist, was am Ende getan wird.

Vielleicht ist das auch für uns ein guter Weg: Vorsichtig sein mit den Jas – denn wie gesagt: Wer nicht Nein sagen kann, wird auch seine Jas nicht einhalten können. Eher die eigenen Kräfte und die eigene Zeit kritisch einschätzen und die Größe einer Aufgabe nicht unterschätzen. Und wenn man dann merkt, es ist doch noch möglich einen Wunsch zu erfüllen, dann sein Nein korrigieren und es tun. Ein Nein tut vielleicht zunächst dem anderen weh, der es erhält. Aber es tut nicht so weh wie ein Ja, das nachher nicht eingehalten wird.

Doch Jesus erzählt dieses Gleichnis in erster Linie nicht, um Tipps für das Selbstmanagement zu geben. Sondern es ist ein Bild für unser Verhältnis zu Gott, unserer Hinwendung zu ihm. Es geht um die Antwort auf die Frage: Vertraust du für dein Leben und Sterben auf Gott? Mancher sagt dazu rasch „Ja“. Wie der eine Bruder auf die Frage des Vaters. Dann aber bleibt dieses Ja ohne Folge. Und damit wertlos.

Manch anderer sagt zunächst „Nein“, aber denkt dann um wie der andere Bruder. Dadurch ist das Nein aufgehoben. Er tut, was sein Vater will.

Egal, wann wir zu unserem Vater im Himmel „Ja“ sagen und seinen Willen tun: Es ist nie zu spät dafür. Entscheidend ist, ob wir unser Leben an Gott und seinen Geboten orientieren. Das nennt Jesus hier: „Den Weg der Gerechtigkeit gehen“.

Gerechtigkeit heißt ja für die Bibel: Treu zu seinen Zusagen stehen. Treu zu Gott und zum Mitmenschen. An unserem Verhalten zeigt sich, ob wir zu Gottes Auftrag Ja oder Nein gesagt haben. Oder mit der Fußballsprache: Entscheidend ist auf dem Platz. Im täglichen Leben zeigt sich, ob wir den Weg der Gerechtigkeit gehen.

Nun haben wir vorher viel darüber nachgedacht: Oft sagen wir ein Ja, das wir trotz aller guten Vorsätze nicht durchhalten können. Das gilt natürlich auch von unserem Ja zu Gott und seinem Auftrag. Wenn wir hier ehrlich sind: Oft genug sind unser Glaube, unsere Hoffnung, unsere Liebe zu schwach. Wie oft bin ich enttäuscht von mir, von meinem Reden und Handeln.

Auch hier gilt wie beim Sohn, der erst Nein sagte und sich dann anders entschied: Trotz unseres Versagens können wir jederzeit zu Gott kommen. Neu anfangen. Und vertrauen: Letztlich leben wir nicht von unserem Ja zu ihm, sondern von seinem Ja zu uns. Gott sagt zu uns Ja und geht mit uns den Weg der Gerechtigkeit. Er steht treu zu uns, auch wenn wir versagen.

So immer wieder neu anfangen. Aus dem Ja Gottes zu uns leben. Von Gott uns führen zu lassen – auf dem Weg der Gerechtigkeit. Amen.