27. März 2016 - Ostersonntag


Predigt zu 1. Korinther 15,1-11

Liebe Gemeinde!

Ich habe Ihnen hier einen Fotografen als Playmobil-Figur. Darauf hat mich eines der Kinder beim Aufbau des Ostergartens in der Andreaskirche gebracht. Wir haben das Geschehen vom Palmsonntag über den Gründonnerstag und Karfreitag bis zum Ostersonntag als Landschaft hinter dem Taufstein unserer Kirche angebracht – dort wo in der Weihnachtszeit die Krippe steht, steht jetzt der Ostergarten. Die Kinder stellten Playmobil-Figuren in diesen Garten: als Jünger und Passanten, römische Soldaten, aber auch Esel, Schafe, Ziegen und Kamele. Da entdeckte ein Junge diesen Fotografen in der Playmobil-Kiste: „Stellen wir den auch auf?“ fragte er. Spontan sagte ich: Nein, damals gab es noch keine Fotos. Doch dann brachte mich diese Bemerkung zum Nachdenken: Was wäre denn gewesen, wenn es damals – am allerersten Ostermorgen – schon Fotos und Fotografen gegeben hätte? Wenn einer tatsächlich an diesem Morgen am Grab Jesu gestanden hätte? Was hätte er aufs Bild bekommen?

Vielleicht denken wir: Schön wäre das gewesen. Wenn wir ein Beweisfoto hätten. Der Stein, der wegrollt. Die Wachen, die vor Schreck umfallen. Jesus, der aus dem Grab kommt. Vielleicht die Engel. So ein Foto – und alle Zweifel wären weg. Die Zweifel am Sieg Jesu über den Tod, die uns ja so oft beschleichen.

Ein Beweisfoto als etwas Sichtbares und Greifbares als Gegengewicht gegen die Bilder des Schreckens und des Todes, die wir so oft anschauen müssen. Jetzt wieder Attentatsbilder aus Brüssel. Aber auch Leid, das wir in unserer Umgebung wahrnehmen. Wenn wir Besuche machen in Krankenhäusern und Altenheimen, bei Trauernden und Einsamen. Bilder von Leid, Schrecken und Tod, die uns so oft zweifeln und verzweifeln lassen. Wenn wir dem etwas Eindeutiges entgegenstellen könnten. Uns an Auferstehungsfotos festhalten. Also: Schade, dass damals kein Fotograf vor Ort war?

Aber wenn es wirklich so wäre: Wir hätten ein Foto – würde das wirklich etwas ändern an unseren Zweifeln? Selbst wenn wir dort den lebendigen Christus sehen könnten – wäre das mehr wert als irgendwelche Fotos von Ufos, vom Yeti oder vom Ungeheuer von Loch Ness, die es ja auch gibt? Würden wir dann nicht ebenso sagen: Na ja, ein Bild von einem Mann vor einem Grab sagt eigentlich gar nichts. Nein, das entscheidende Geschehen von Ostern lässt sich nicht im Foto festhalten.

Deshalb wählt Paulus einen anderen Weg im eben gehörten Auferstehungskapitel des ersten Korinther-Briefes. Er verweist auf Zeugen der Auferstehung, die diese Botschaft weitergegeben haben. Und zwar nicht im Sinne eines Beweisfotos, sondern als Menschen, die aufgrund der Begegnung mit dem Auferstandenen ihr Leben verändert haben.

Er nennt zunächst Petrus und die anderen Jünger. Sie, die nach der Kreuzigung ein verschreckter Haufen waren. Petrus, der sogar behauptet hat: Ich kenne Jesus nicht! Plötzlich waren sie wie ausgewechselt: Mutig trauten sie sich, die Botschaft von Jesus weiterzugeben. Sie sind sogar in den Tod gegangen.

Unsere beiden Niederstotzinger Kirchen tragen ja bewusst die Namen der beiden Brüder Petrus und Andreas. Die Peter- und Pauls-Kirche hat deshalb auf dem Glockenturm ein umgedrehtes Kreuz und der Grundstein der Andreaskirche trägt das Andreaskreuz. Beide weisen damit darauf hin, dass Petrus und Andreas gekreuzigt wurden – Petrus auf dem Kopf, Andreas an einem schräg gestellten Kreuz. Dass beide vorher ängstlichen Jünger plötzlich selbst bereit waren, ihr Leben für diesen Jesus einzusetzen.

Dann nennt Paulus den Jakobus – den Bruder Jesu. Vorher oft mit Jesus als seinem älteren Bruder über Kreuz. Weil der sich manchmal schroff von seiner Familie abgrenzte – weil die, die mit ihm unterwegs waren, seine neue Familie seien. Jetzt aber ist Jakobus bereit, sich in diese neue Familie Jesu einzubringen. Er wird zu einem wichtigen Teil der Jerusalemer Urgemeinde. Lebenswende!

Schließlich spricht Paulus von sich selbst. Er hat die Gemeinde Jesu verfolgt. Dann aber ist ihm Christus begegnet. Hat ihn in seinen Dienst gestellt. Und später wurde Paulus wohl selbst deshalb verfolgt und getötet.

An diesen Lebensgeschichten zeigt sich viel stärker die Wirklichkeit der Auferstehung als an irgendwelchen Beweisfotos. Weil diese Lebensgeschichten nicht manipulierbar sind wie ein Foto. Denn kein geistig klarer Mensch würde sein Leben einsetzen für eine fixe Idee, für eine Illusion. Kein Mensch wäre bereit für etwas in den Tod zu gehen, wenn er nicht vertraut, dass das, was ihm wichtig ist, stärker ist als der Tod. Deshalb sind diese Lebenswenden von Ängstlichen und von Gegnern zu mutigen Anhängern Jesu der beste Hinweis auf den lebendigen Christus.

Paulus formuliert das im Hinblick auf sein Leben: Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin. Weil Gott im lebendigen Christus ins Leben hineingetreten ist. Dadurch eine Perspektive eröffnet über die Grenze des irdischen Lebens hinaus.

Er ermutigt die Korinther, das im eigenen Leben umzusetzen. Sich vom lebendigen Christus berühren und bewegen zu lassen. Wie geschieht das?

Diese Frage kann jeder und jede von uns nur für sich selber beantworten: Wo ist Christus mir so begegnet, dass ich angefangen habe, ihm zu vertrauen?

Bei mir war es mein Religionslehrer in der vierten Klasse – der Pfarrer unseres Nachbarortes. Und zwar dadurch, dass er zu Beginn jeder Unterrichtsstunde mit uns gebetet hat. Frei hat er mit Gott geredet wie mit einem anderen Menschen. Das hat mich Zehnjährigen so beeindruckt, dass ich selber angefangen habe zu beten.

Oder eine merkwürdige Begebenheit kurz vor meiner Ordination. Ich habe in dieser Zeit als Vikar im Nordschwarzwald mich manchmal gefragt, ob Gott so einen Versager wie mich tatsächlich hauptamtlich in seiner Kirche haben will. Da war ich bei schneeglatter Fahrbahn zu schnell unterwegs. Mein Auto kam auf einer Ladung Langholz neben der Fahrbahn zum Stehen. Ich stieg unverletzt aus. Der herbeigerufene Abschleppunternehmer meinte: Ihr Auto ist Totalschaden, aber seien Sie froh, dass diese Holzstämme dalagen. Wenn Sie im Wald am Baum gelandet wären, würden Sie nicht mehr leben. An diese Begebenheit denke ich oft, wenn ich wieder einmal an meiner Eignung für den Pfarrdienst zweifle: Da hätte Gott dich leicht aus dem Verkehr ziehen können. Aber er hat dich bewahrt, weil er dich wohl noch brauchen kann.

Begegnungen mit dem lebendigen Christus, die mir zeigen: Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin. Da wurde es Ostern in meinem Leben.

Wenn wir uns von solchen Begebenheiten erzählen würden, dann hätten wir mehr Hinweise auf das Ostergeschehen, als jedes Beweisfoto je erbringen könnte. Wenn wir uns davon wie Paulus ermutigen lassen, uns einzusetzen in dieser Welt für andere. Dieses Bekenntnis festhalten. Aus der Hoffnung über den Tod hinaus leben. Dann können wir den Bildern des Schreckens und des Todes Erfahrungen der Hoffnung und des Lebens entgegensetzen. Statt eines toten Fotos unser lebendiges Leben. Das durch Gottes Gnade ist, was es ist. Amen.