27. Oktober 2019 - 19. Sonntag nach dem Dreieinigkeitsfest


Predigt Johannes 5,1-9

Bald darauf war wieder ein jüdisches Fest und Jesus ging hinauf nach Jerusalem. Beim Schaftor in Jerusalem gibt es ein Wasserbecken mit fünf Säulenhallen. Auf Hebräisch wird dieser Ort Betesda genannt. In den Hallen lagen viele Kranke, Blinde, Gelähmte und Menschen mit verkrüppelten Gliedern. Dort war auch ein Mann, der seit 38 Jahren krank war. Jesus sah ihn daliegen und erkannte, wie lange er schon so lag. Deshalb fragte er ihn: »Willst du gesund werden?« Der Kranke antwortete ihm: »Herr, ich habe niemanden, der mich ins Becken bringt, wenn das Wasser in Bewegung gerät. Während ich mich noch hinschleppe, ist ein anderer schon hineingestiegen.« Da sagte Jesus zu ihm: »Steh auf, nimm deine Matte und geh!« Sofort wurde der Mann gesund.Er nahm seine Matte und ging.

Liebe Gemeinde!

Ein Telefonat vor einigen Wochen: „Wenn die evangelische Kirche ein Schiff zur Rettung von Flüchtlingen im Mittelmeer finanziert, dann trete ich aus der Kirche aus!“ So schleuderte es mir der Anrufer entgegen. Das Gespräch danach war mühsam. Natürlich sind die Argumente schnell genannt: Nicht die evangelische Kirche allein finanziert ein Schiff, sondern eine Gemeinschaft aus den deutschen Reedereien, die sonst nach Seerecht verpflichtet wären, mit ihren Handelsschiffen Menschen in Seenot zu retten, und humanitären Initiativen, darunter auch die EKD. Sie wird dazu um Spenden bitten und keine Kirchensteuermittel aufwenden. Seenotrettung unterstützt nicht das Geschäft von Schleusern – zur Zeit gibt es fast keine Seenotrettung und trotzdem versuchen Menschen, über das Mittelmeer nach Europa zu kommen. Die Frage ist also nicht, ob es Migration gibt, sondern ob man zusehen kann, wie Menschen ertrinken. Und den Kirchen kann man gewiss nicht vorwerfen, sich nicht um Menschen in den armen Ländern zu kümmern. Aber darum geht es ja dem Anrufer nicht – sondern er beklagt sich, dass das deutsche Sozialsystem ihm nicht so hilft, wie er sich das wünscht. Fühlt sich benachteiligt. Aber das hat eigentlich mit der Frage der Migration nichts zu tun.

Dieses Gespräch ist typisch dafür, wie wir derzeit mit unserem Leben in einer Welt umgehen, die aus den Fugen zu sein scheint. Man versucht sich einzuigeln, abzugrenzen, nach seinem Vorteil zu suchen, vor allem die eigene Not zu sehen und nicht die der anderen. Solche Menschen wie dieser Anrufer treten zunächst sehr aggressiv auf, aber wenn man zurückfragt, dann kommt die Verzweiflung über die eigene Lebenssituation zur Sprache. Doch die ändere ich nicht, wenn ich mich in den Schmollwinkel zurückziehe, über alle schimpfe, die angeblich besser behandelt würden als ich und ansonsten nichts dazu beitrage, dass sich meine Situation und die der anderen verändert zum Besseren.

So ähnlich scheint das auch bei dem Kranken gewesen zu sein, von dem uns der eben gehörte Bibeltext berichtet. Die Menschen am Teich Betesda in Jerusalem warten, bis sich das Wasser bewegt. Wer als erster im Wasser ist, hast die Chance auf Heilung. Die Kranken konkurrieren daher miteinander. Der Mitmensch ist also nicht Leidensgenosse, sondern einer, der mir die Lebenschancen wegschnappt. Jeder ist sich selbst der Nächste. Lauter Menschen, die vom Leben gezeichnet sind – aber statt zusammen ihre Lage in die Hand zu nehmen, kämpfen sie gegeneinander. Oder haben sich resigniert mit ihrem Elend abgefunden.

Eine menschliche Grundkonstante bis heute: Lieber abgrenzen, klagen, sich aufregen als sein Leben zu verändern. Warum übernehmen so wenig Menschen Verantwortung in Parlamenten, Vereinsvorständen, Elternbeiräten, Kirchengemeinden? Es ist ja meist nicht der Zeitdruck, sondern das Gefühl: Da setze ich mich ein in meiner Freizeit und die anderen bleiben in der Deckung. Und aus dieser Deckung heraus werde ich noch von ihnen attackiert. Man verlangt von den anderen, dass sie die eigenen Probleme lösen und schimpft, wenn das nicht gelingt.

Sechzig Prozent der Deutschen wollen beispielsweise, dass etwas gegen den Klimawandel gemacht wird, aber ebenso sechzig Prozent wollen nicht, dass sich bei ihnen etwas verändert oder teurer wird, um das Ziel zu erreichen. Oder: Jeder will überall Handyempfang, aber keiner einen Sendemast vor der Haustür.

So liegt der einsame Kranke bereits 38 Jahre am Teich Betesda. Achtunddreißig Jahre bedeutet für die Bibel: Eine lange Zeit, in der man nichts von Gottes Nähe spürt – so war es schon bei den Israeliten beim Auszug aus Ägypten. Wo man sich verlassen fühlt.

Da kommt Jesus. Er nimmt den einsamen Mann wahr. Er spricht ihn an: „Willst du gesund werden?“ Eigentlich eine merkwürdige Frage, auf die es nur eine – fast pampige – Antwort geben kann: Was denn sonst?

Aber der Kranke sagt: Ich habe keinen Menschen. Deshalb komme ich immer zu spät. Irgendeiner ist schneller als ich. Doch damit beantwortet er die Frage Jesu nicht. Sondern weicht aus in sein Selbstmitleid: Ich bin das arme Opfer, das von den anderen benachteiligt wird.

Was will der Kranke eigentlich: Gesund werden oder bemitleidet werden? Jesus geht darauf gar nicht ein, sondern sagt zu ihm: „Steh auf, nimm deine Liege und gehe weg!“ Also: Igle dich nicht ein im Selbstmitleid. Sondern vertraue auf meine Kraft und mach dich auf den Weg.

Das ist die Antwort Jesu an alle, die sich einigeln, abgrenzen, in Konkurrenz zu anderen treten, sich benachteiligt fühlen – und deshalb wie gelähmt sind: Steh auf, nimm deine Liege und gehe! Vertrau, dass da eine Kraft am Werk ist in deinem Leben und in unserer Welt, die größer ist als deine Ohnmacht. Die Kraft Gottes.

Deshalb sollen wir Christen anders leben in dieser Welt, die oft aus den Fugen scheint und deshalb uns oft lähmt. Nicht nur das sehen, was belastet – die globalen Krisen und Probleme. Aber genauso wenig dem allem ausweichen und resigniert in Selbstmitleid und Hass auf die anderen schmollend in unserer Ecke liegen. Sondern vertrauen: Gottes Kraft ist da, die mich aufstehen lässt.

Wäre der Kranke nach Jesu Satz resigniert liegen geblieben und gesagt: Der hat gut reden, mir hilft ja keiner – er hätte diese Kraft nie gespürt. Aber er lässt sich darauf ein und steht auf. Spürt: Ich kann gehen. Ich habe neue Bewegungsspielräume.

Machen wir es genauso. Trauen wir Jesus etwas zu. Stehen auf. Machen uns auf den Weg. Vielleicht sind es nur kleine Schritte – aber sie verändern etwas. Weil nicht ich die Welt retten muss, sondern ich vertraue dem, der wirklich Retter der Welt ist – Jesus. Und dann tun kann, was mir möglich ist und nicht sagen muss: Das bringt eh nichts.

Wenn ich mein eigenes Verhalten überprüfe: Muss ich jetzt wirklich Auto fahren? Die billigsten Kleider anziehen und die günstigsten Lebensmittel essen? Muss dieser Flug sein? Sicher rette ich damit allein nicht das Klima – aber meinen Teil tue ich. Da hilft es auch wenig, darauf zu verweisen, dass vielleicht viele Fridays for Future-Demoteilnehmer schon geflogen sind, sondern ich muss zuerst vor meiner Tür kehren.

Muss ich wirklich im Mitmenschen den Konkurrenten sehen? Oder nicht jemand, der Hilfe braucht? Dann sehe ich nicht nur, was der andere hat und was mir fehlt, sondern auch das Umgekehrte. Wenn es beispielsweise um die Hilfe für Migranten geht, dann kommt oft der Satz: Aber wir können ja nicht alle nach Deutschland holen. Dann antworte ich gerne: Selbstverständlich nicht. Aber die meisten Flüchtlinge leben in einem bettelarmen Land wie Jordanien. Im Vergleich dazu können wir schon etwas tun. Menschen Heimat bieten. Unsere Güter mit denen teilen in den armen Ländern. Wenn unsere Hilfe nicht zu ihnen kommt, dann kommen sie eben zu uns. Und ernsthaft kann doch niemand wollen, dass Menschen eher im Mittelmeer ertrinken als nach Europa zu kommen.

Bevor wir in einer Mischung aus Aggression und Resignation liegen bleiben – aufstehen und sehen, wo unsere Handlungsspielräume sind. Die gibt es so gut wie immer. Lassen wir nicht zu, dass die Kraft von Selbstmitleid und Ohnmacht uns niederwirft. Vertrauen wir Jesus, der sagt: Steh auf und gehe. Dann spüren wir seine Kraft. Und bringen sie hinein in die Welt, die aus den Fugen scheint. Verfugen sie mit Jesu Kraft. Amen.