28. August 2016 - 14. Sonntag nach dem Dreieinigkeitsfest


Predigt zu Römer 8,12-17

Liebe Gemeinde!

Wenn man mit Jugendlichen unterwegs ist, erlebt man manchmal folgendes: Da bringt die Mutter ihren Sohn zum Zug oder Bus. Möchte ihm noch ein paar gute Ratschläge mitgeben. Und ihm zum Abschied einen Kuss. Aber das wird von dem jungen Mann strikt zurückgewiesen. Bin selber groß! Aber wenn auf der Freizeit Kopfweh, Halsweh, Heimweh oder Bauchweh auftreten – wer wird dann als erstes angerufen? Die Mama natürlich.

Selbst junge Erwachsene, die noch beim Abi-Ball ihre staatlich geprüfte Reife feiern, nehmen zur Studienberatung wohl häufig die Mutter mit. Studienberater berichten von Damen, die behaupten: „Wir wollen Maschinenbau studieren!“ Die Gegenfrage: „Sie beide?“

Diese Spannung ist normal bei Jugendlichen: Einerseits will man nicht mehr Kind sein – selber groß! Heißt es dann. Andererseits ist für viele die Kindheit ein positiv besetztes Lebensalter: geborgen, mit weniger Stress und Ärger verbunden – zumindest in der Erinnerung.

Ganz ähnlich erleben wir es in Altersheimen bei Menschen am Ende ihres Lebens, wenn die Kräfte nachlassen. Als ich vor über zwanzig Jahren noch relativ neu in der Altersheim-Seelsorge war, besuchte ich einen Bewohner am Tag nach seinem 90. Geburtstag und fragte: Haben Sie gestern Geburtstag gefeiert? Die Antwort: Ja – meine Eltern waren da. Zunächst stutzte ich – die Eltern müssten ja weit über hundert Jahre alt sein. Dann wollte ich widersprechen: Das kann ja gar nicht sein. Doch schließlich wurde mir klar: Dieser Mann ist wieder in seine Kindheit zurückgekehrt, wo er sich geborgen fühlt bei allem, was das Alter an Verwirrendem bereithält.

Diese Spannung: Gerne Kind sein wollen, sich geborgen fühlen – einerseits. Und andererseits erwachsen sein wollen und erwachsen sein müssen. Darin leben wir auch in den Lebensphasen zwischen Jugend und Alter. Diese Spannung drückt sich aus in den beiden so ähnlichen Wörtern „kindlich“ und „kindisch“. Kindisch sein will man nicht, kindlich sein kann man oft nicht.

Kindlich sein heißt: Vertrauen können, dass mein Leben gut wird. Dass für mich gesorgt wird. Staunen und sich freuen können. Aber auch seine Trauer und seinen Ärger zeigen dürfen. Sich um mache Dinge nicht kümmern müssen. Wissen, dass meine Kräfte begrenzt sind, ich nicht alles kann und um Hilfe bitten darf, manchmal sogar um Hilfe bitten muss.

Das bleibt oft ein Wunschtraum, weil wir an uns als Erwachsene andere Ansprüche stellen. Und weil das Leben an uns andere Ansprüche stellt. Erwachsen sein heißt in diesem Sinn: Das Leben selbst in die Hand nehmen. Möglichst keine Fehler machen oder zumindest keine zugeben. Perfekt nach außen wirken. Staunen und Freude hinter einer Maske der Coolness verbergen – ebenso Trauer, Wut oder Schmerz. Ein Kind, das kein Kind mehr sein will, ruft gerne: Ich kann das allein – bin selber groß! Als Erwachsene wird das zum Muss: Möglichst niemand zur Last fallen. Keine Hilfe in Anspruch nehmen müssen. Selber groß sein.

Aber wenn wir ehrlich sind, wissen wir: So erwachsen können wir nicht sein. Niemand hat sich und sein Leben wirklich perfekt im Griff. Wir geraten in hilflose Lagen. Wir erleben, dass wir nicht so gut sind und handeln, wie wir es von uns eigentlich erwarten. Dass wir den permanenten Kampf gegen unsere Schwächen nur verlieren können. Deshalb der Wunsch: Kindlich sein dürfen. Loslassen können.

Das nimmt der Apostel Paulus im vorhin gehörten Abschnitt auf. Er schreibt es seiner Gemeinde in Rom ins Stammbuch: Ihr seid Kinder. Ihr seid Gottes Kinder. Weil euch Gott seinen Geist schenkt, den Geist der Kindschaft. Dadurch könnt ihr zu Gott sagen: Abba – Papa – Vater. Wie ein Kind seinen Vater anredet. Welche Gottes Geist bewegt, die sind Kinder Gottes. Bei Gott dürfen wir Kind sein.

Wer zu Gott Abba, Papa, Vater im Himmel sagt, der braucht Gott kein perfektes Schauspiel bieten. Sondern wie Kinder zu ihren Eltern gerade dann kommen, wenn sie nicht mehr weiterwissen, können wir mit allen Schwächen, allem Versagen, allen Ängsten, aller Hilflosigkeit zu Gott kommen. Vertrauen: Da sorgt einer für mich. Bei ihm bin ich geborgen.

Wer so als Kind Gottes lebt, lebt aus der Kraft des Geistes Gottes und nicht aus seiner eigenen Kraft. Leben aus der eigenen Kraft heraus nennt Paulus hier „Leben aus dem Fleisch“. Also: Leben gestalten durch das, was ich bin und kann. Das bedeutet aber eben auch, diesen ständigen Kampf mit sich und den eigenen Schwächen zu führen. Und zu verlieren, weil meine Schwächen stärker sind als meine Stärken. Dieses Scheitern beschreibt Paulus in seinen Worten drastisch: „Wenn ihr aus dem Fleisch lebt, werdet ihr sterben müssen.“ Oder: Wer so erwachsen sein will, ist zwar nicht kindlich, aber kindisch. Wie das Kind, das ständig: „Selber groß!“ ruft.

Wer jedoch kindlich zu Gott Abba – Vater sagt, der lässt sich selbst los und erwartet alles von Gott. Der kann seine Grenzen und Schwächen akzeptieren. Kann dann auch die Fassade der Perfektion aufgeben. Andere um Hilfe bitten.

Ein kleines Beispiel: Am Anfang meiner Berufslaufbahn wollte ich natürlich ein perfekter Pfarrer sein. An einer Stelle ging das gründlich schief. Ich bin ein höhenängstlicher Mensch und sollte in einer Nachbargemeinde predigen. Der dortige Pfarrer sagte mir noch vorher: Wenn du die Kanzeltreppe suchst – die ist in der Sakristei. Ich stieg also vor der Predigt die Treppe in der Sakristei hoch, machte die Tür auf und stand auf dieser hohen Kanzel. Sah die Leute auf der Empore unter mir und die im Kirchenschiff noch weiter unten. Mir wurde ganz elend – aber ich wolle ja perfekt sein. Also klammerte ich mich am Kanzelpult fest und raste durch meine Predigt bis ich glücklich zum „Amen“ kam. Und so schnell wie möglich wieder runter. Ob die Gemeinde etwas von dieser heruntergehaspelten Predigt hatte, weiß ich nicht. Damals sagte ich mir: Davon hat niemand etwas, wenn du da oben stehst und panisch die Predigt runterspulst. Seitdem schaue ich immer vorher: Kann ich auf dieser Kanzel die Predigt gut überbringen? Und wenn nicht, nehme ich mir die Freiheit, von unten zu predigen, aber das dafür mit der nötigen Ruhe. Es war für mich befreiend, zu dieser Schwäche zu stehen.

Vielleicht ist ein solches kindliches Verhalten, das vor Gott und dann auch vor den Menschen ehrlich sein kann, erwachsener als die zwanghafte Pflege der perfekten Fassade. Ich stehe zu den Brüchen und Verletzungen aus meiner Lebensgeschichte. Ich stehe zu dem, was ich nicht kann. Ich stehe auch zu meinem Versagen und zu meiner Schuld. Dadurch kann ich anderen unbefangener und offener begegnen. Kraft für Dinge aufwenden, wo es sich lohnt und nicht nur zum Kaschieren meiner Schwächen und Fehler. Leben nicht aus meiner Kraft, aus dem Fleisch – wie Paulus sagt -, sondern aus der Kraft Gottes – dem Geist.

Daraus erwächst uns ein neuer Geist: Nicht mehr der Geist des Sklaven, der sich abhängig macht vom Urteil anderer. Der vor dem Scheitern sich fürchtet. Sondern der Geist des Kindes, das weiß, dass es in Gemeinschaft mit dem Vater im Himmel lebt. Und in einer Erbengemeinschaft mit Christus. So wie Christus Schwäche und Leid erlebt hat, bevor der Vater im Himmel ihn verherrlichte, so erben wir mit Christus nach Leid und Schwachheit die Herrlichkeit Gottes. Denn wenn wir mit ihm leiden, werden wir auch mit ihm zur Herrlichkeit erhoben.

Wer so kindlich vor Gott steht, ist nicht kindisch. Kindisch wäre: Ich mache mich kleiner als ich bin. Ich nutze meine Kraft und meine Begabung nicht. Kindlich ist: Ich stehe zu meinen Schwächen, entdecke aber genauso meine Stärken. Und handle dann im Vertrauen auf die Kraft Gottes. Wer kindlich zu Gott Abba – Vater sagt, der schaltet weder den Verstand ab noch das Handeln. Aber er weiß um seine Möglichkeiten und Grenzen. Denn: welche der Geist Gottes antreibt, die sind Gottes Kinder. Amen.