28. Februar 2016 - Oculi


Predigt zu Sprüche 20,12.18-24

Das Ohr ist zum Hören und das Auge zum Sehen, dazu hat der HERR beide geschaffen.

Durch Beratung kommen Pläne zum Ziel; wenn du in den Kampf ziehen willst, brauchst du einen guten Plan. Wer jedes Gerücht weiterträgt, plaudert auch Geheimnisse aus. Darum meide Leute, die zu viel reden! Wenn du deinen Vater oder deine Mutter verfluchst, wird es dir ergehen wie einem, dessen Lampe in dunkelster Nacht erlöscht. Wenn du zu schnell nach deinem Erbe greifst, bringt es dir am Ende kein Glück. Nimm dir nicht vor, erlittenes Unrecht selber zu vergelten! Vertrau auf den HERRN, er wird dir Recht verschaffen! Der HERR hasst zweierlei Gewicht, und falsche Waage heißt er nicht gut. Der HERR bestimmt jeden unserer Schritte. Wie kann ein Mensch wissen, welche Richtung sein Leben nimmt?

Liebe Gemeinde!

Wir leben in mitteilungsfreudigen Zeiten. Abends kann ich in der Regel beim Fernsehprogramm zwischen mehreren Talkshow-Runden wählen. Es sind zwar fast immer dieselben Leute, die sich zu ähnlichen Themen fetzen. Aber: Hauptsache es wird geredet. Dazu kommen die sozialen Medien. Ständig kann man über Facebook oder Whatsapp mit anderen in Verbindung stehen, ploppen im Handy neue Nachrichten auf. Und man kann sich in diesen Medien so schön kollektiv aufregen und empören: ob es um Linden vor der Kirche von Gussenstadt oder um irgendwelche Details über Bürgermeisterkandidaten in Niederstotzingen oder um angeblich von Asylbewerbern ausgeraubte Supermärkte geht. Und schließlich kommt unser Gerede in Echtzeit noch dazu. Da man bei anderen die Probleme immer stärker sieht als bei sich selbst, hier ein Erlebnis aus dem Fitness-Studio vor kurzem: Zwei Damen machten Ausdauer und waren da schon ordentlich am Ratschen. Dann ging die eine zum Zirkeltraining und die andere stellte sich neben jedes Gerät, um das Gespräch fortzusetzen. Das Gesicht zeigte: Es ging um jemand, über den sie sich gewaltig ärgerte. Das Problem wurde sicher nicht dadurch gelöst, dass man damit jemand während des Zirkeltrainings das Ohr ablaberte. Aber der Kropf war damit wieder mal geleert.

Wir merken an diesen Beispielen schnell: Unser Mitteilungsbedürfnis – durch die Medien noch vervielfältigt – löst die Probleme nicht, vor denen wir stehen. Sondern trägt eher noch dazu bei, dass sie hochkochen.

Wie gehen wir damit um? Mir passiert es oft, dass ich schneller rede als ich denken kann. Mit dem Effekt, dass ich mich hinterher gewaltig ärgere. Weil ich jemand durch voreiliges Gerede verletzt habe. Oder: weil ich ein Problem nicht direkt angesprochen habe, sondern mich nur hintenherum ärgerte – wie jene Dame im Fitness-Studio. Oder: weil ich etwas ausgeplaudert habe, was den Gesprächspartner eigentlich gar nichts angeht.

Dann neige ich oft zu einer Radikallösung. Ich sage mir in solchen Situationen: Jetzt hältst du eine Klappe und sagst gar nichts mehr. Nach dem alten Sprichwort „Reden ist Silber – Schweigen ist Gold.“ Aber das lässt sich gar nicht durchhalten. Denn wir Menschen sind auf Kommunikation angewiesen. Wir müssen reden, wir müssen mit anderen in Verbindung bleiben. Also gleicht unser Kommunikationsverhalten immer einer Gratwanderung. Zwischen dem, was notwendigerweise gesagt werden muss. Und dem, was wir zu viel oder an der falschen Stelle sagen.

Deshalb die Frage: Was tun? Wir haben vorher einige Sätze aus dem Sprüchebuch der Bibel gehört. Lebensweisheiten, die dem klugen König Salomo zugeschrieben werden. Sie können uns Leitlinien sein für unser Kommunikationsverhalten. Es sind fünf Leitlinien:

  • Erste Leitlinie: Dinge wahrnehmen
  • Zweite Leitlinie: Sich beraten
  • Dritte Leitlinie: Schweigen können
  • Vierte Leitlinie: Vergeben können.
  • Fünfte Leitlinie: Ehrlich sein.

Erste Leitlinie: Dinge wahrnehmen. „Ein Ohr zum Hören und ein Auge zum Sehen – beides hat der Herr gemacht.“ Das müssen wir uns immer wieder bewusstmachen: Außer dem Mund haben wir von Gott Augen und Ohren bekommen. Damit wir, bevor wir zu etwas uns äußern, genau hinsehen und genau hinhören. Lieber nochmals nachfragen als vorschnell zu urteilen.

Es ist in diesem Zusammenhang ja erstaunlich, wie leicht wir Menschen eher Gerüchten vertrauen als den eigenen Augen und Ohren. In Meßstetten glaubten Menschen, ein Supermarkt sei geschlossen worden, weil ihn Asylbewerber ausgeplündert hätten. Obwohl jeder dort sehen konnte, dass der Laden ganz normal geöffnet war.

Zweite Leitlinie: Sich beraten. Bevor ich selbst urteile, ist es gut, wenn ich von anderen Rat einhole. Dazu stehe, dass ich nicht alles weiß und nicht alles kann. Das ist ganz besonders wichtig, wenn ich mit anderen ein schwieriges Gespräch führe. Denn ich sage oft Dinge, die für mich klar sind und eindeutig. Doch ich merke, wie schnell andere mich missverstehen. Dinge hören, die ich nicht gemeint habe. Da ist der Rat anderer wertvoll. Die mir sagen: Das ist bei mir so angekommen. Oder: Das musst du präziser sagen. Deshalb unser Text: „Durch Beratung kommen Pläne zum Ziel.“

Dritte Leitlinie: Schweigen können. „Wer jedes Gerücht weiterträgt, plaudert auch Geheimnisse aus. Darum meide Leute, die zu viel reden.“ Als ich mit knapp zwanzig Jahren mein Freiwilliges Soziales Jahr in der Diakonie-Sozialstation begann, wurde ich zum ersten Mal mit einer Schweigepflicht konfrontiert. Und habe rasch gemerkt, wie schwer das ist. Da fragten Patienten danach, wie es anderen Patienten geht – Menschen, die sich schon lange kannten. Was sollte ich sagen und was nicht? Das hat mich manchmal fast zerrissen. Später im Beruf bin ich manchmal in Fettnäpfchen getreten, weil ich in einem Gespräch etwas sagte, was mir überhaupt nicht als vertraulich erschien. Der, von dem ich die Information hatte, mir aber nachher Indiskretion vorwarf. Hier muss ich mir immer sagen: Im Zweifelsfall lieber etwas nicht sagen. Oder wie mir meine Chefin in der Diakoniestation damals sagte: „Dann sagen Sie doch einfach: wenn Sie interessiert, wie es dem Herrn X geht, rufen Sie ihn doch an.“

Vierte Leitlinie: Vergeben können. Vieles wütende Gerede hintenherum entsteht daraus, dass ich mich über einen anderen Menschen ärgere. Und ihm nicht vergeben kann. Dazu sagt unser Text: „Nimm dir nicht vor, erlittenes Unrecht selber zu vergelten! Vertrau auf den Herrn, er wird dir Recht verschaffen.“ Wer dem Gott vertraut, der großzügig ist. Großzügig mit unseren Fehlern. Großzügig, dass er uns nicht ins Hintertreffen geraten lässt, sondern uns zu unserem Recht verhilft. Der kann auch anderen gegenüber großzügig sein. Ihnen vergeben. Dann brauchen wir uns nicht durch Gerüchte und Reden über andere zu rächen.

Fünfte Leitlinie: Ehrlich bleiben. Das Beispiel hier aus dem Alten Israel sind gefälschte Gewichte, mit denen man den Mitmenschen übers Ohr haute. Heute sind es andere Dinge, bei denen Ehrlichkeit gefragt ist. Wenn wir bei dem, was wir reden, dem anderen offen und aufrichtig gegenübertreten. Das heißt: Unsere Meinung sagen – ehrlich, aber zugleich liebevoll. Und das, was ich dem anderen nicht direkt sagen will, auch nicht hinter seinem Rücken anderen sagen. Damit stiften wir Vertrauen.

Fünf Leitlinien für unser Reden und Kommunizieren. Damit nehmen wir uns und unser Mitteilungsbedürfnis zurück. Wir lassen damit unseren Mitmenschen Raum. Und damit auch Gott. Er bestimmt unsere Wege und die Richtung unseres Lebens. Wenn wir ihm vertrauen, brauchen wir nicht selber uns in den Mittelpunkt stellen. Sondern können wahrnehmen, Rat annehmen, schweigen, vergeben und ehrlich bleiben. Amen.