28. Mai 2017 - Exaudi


Predigt zu Johannes 7,37-39

Aber am letzten, dem höchsten Tag des Festes trat Jesus auf und rief: Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke! Wer an mich glaubt, von dessen Leib werden, wie die Schrift sagt, Ströme lebendigen Wassers fließen. Das sagte er aber von dem Geist, den die empfangen sollten, die an ihn glaubten; denn der Geist war noch nicht da; denn Jesus war noch nicht verherrlicht.

Liebe Gemeinde!

Am Ende ist Darmstadt 98 doch abgestiegen – obwohl sie zum Schluss plötzlich eine beeindruckende Serie gegen stärkere Mannschaften hingelegt haben und sogar gegen den großen FC Bayern nur knapp verloren haben. Warum geschieht das: Eine in jeder Hinsicht überlegene Fußballmannschaft tut sich gegen einen vermeintlichen Außenseiter schwer?

Ich denke, das liegt daran, dass sich die vermeintlichen Favoriten zu überlegen vorkommen. Dieses Spiel gewinnen wir von allein – und deshalb nachlässig die Sache angehen. Oder wie es der Freiburger Trainer Christian Streich nach der deutlichen Niederlage seiner Mannschaft gegen Darmstadt sagte: „So wie wir heute gespielt haben – da machst du als Fan des SC Freiburg lieber die Augen zu!“ Umgekehrt ist die scheinbar unterlegene Mannschaft hoch motiviert und strengt sich an.

Ein Phänomen, das es ebenso an anderen Stellen im Leben gibt. Immer wenn ich denke, das klappt schon irgendwie – da bist du routiniert – dann ging es schief. Mancher hat sich erst bei der letzten Skiabfahrt eines Urlaubs kurz vor der Talstation verletzt. Ich selber habe meine größten beruflichen Patzer auf Gebieten gemacht, wo ich mich sehr sicher fühlte. Angeblich gibt es die schlimmsten Unfälle bei Flugzeugen und Eisenbahnen, wenn sehr erfahrene Piloten oder Lokführer verantwortlich sind.

Umgekehrt: Dann, wenn ich nicht sattelfest bin, bereite ich mich gründlich auf eine Aufgabe vor, bin sehr konzentriert bei der Arbeit, versuche bis zum Ende bei der Sache zu sein. Strenge mich an. Ja, wer sich zu sehr auf seine eigene Stärke verlässt, wird oft schwach. Wer umgekehrt sich seiner eigenen Schwäche bewusst ist, kann oft eine starke Leistung erbringen.

Jesus wusste darum, dass seine Leute dafür anfällig sind – zu sehr auf die eigene Stärke zu vertrauen oder aber zu sehr vor der eigenen Schwäche Angst zu haben. Deshalb lädt er dazu ein, zu ihm zu kommen. Mit allen Sorgen, Ängsten und Schwächen. Seine Kraftquelle zu nutzen. Von ihm die Kraft zu holen, die uns fehlt.

Mit dieser Einladung, bei ihm aufzutanken, spricht Jesus damals die Menschen an, die zum Laubhüttenfest nach Jerusalem gekommen sind. Am letzten Tag dieses Festes wurde feierlich Wasser aus der Siloahquelle in einer Prozession zum Tempel hinaufgebracht. Als Symbol für Gottes Kraft, die in dieser Welt am Werk ist. Dass wir Menschen auf Gottes Kraft angewiesen sind wie auf das Wasser.

Jesus vergleicht den auf Kraft von außen angewiesenen Menschen mit einem Durstigen, der zur Quelle kommt. So wie kein Lebewesen ohne Wasser leben kann, so wenig können wir ohne Jesu Kraft leben.

Diese Kraft spendet Jesus durch seinen Geist nach seiner Himmelfahrt. Als seine Kraft die verunsicherten Jünger in Besitz nahm. Ihnen Kraft und Mut gab, mit Jesu Botschaft nach außen zu gehen.

Dieser Kraft sollen wir vertrauen für die Herausforderungen unseres Lebens. Und damit eben nicht uns selbst zu sicher sein, dass unsere eigene Kraft uns immer zur Verfügung steht. Dass wir alle Herausforderungen unseres Lebens aus eigener Kraft meistern können.

Das bewahrt uns einerseits vor der Selbstüberschätzung und andererseits vor der Selbstüberforderung. Vor der Selbstüberschätzung, die dazu führt, die Herausforderungen des Lebens zu unterschätzen. Die dazu führt, dass favorisierte Fußballmannschaften gegen vermeintlich schwächere Gegner sich blamieren. Oder dass wir gerade in den Tätigkeitsfeldern auf der Nase landen, wo wir uns so stark fühlten. Wir wissen dann: Wir brauchen Gottes Kraft für jeden Schritt. Wir bitten um diese Kraft und leben aus ihr. Ohne diese Kraft Gottes können wir nichts tun.

Mir sagte einmal jemand: Sie brauchen nicht sehr lange für Ihre Gottesdienstvorbereitung – Sie machen das doch alles so locker. Ich antwortete: Locker kann ich etwas nur machen, wenn ich mich vorher gut darauf vorbereitet habe. Wenn ich nicht denke: Das wird schon klappen. Nur dann kann ich auch souverän mit Unvorhergesehenem umgehen.

Die Besinnung auf Gottes Kraft in mir bewahrt andererseits vor der Selbstüberforderung. Denn wenn ich die Kraft unterschätze, die Gott in mich gelegt hat, dann überschätze ich die Macht der Herausforderungen, vor die das Leben mich stellt. Ich resigniere dann zu schnell. Gerade, wenn schwierige Aufgaben auf mich warten, zu vertrauen: Nicht ich muss das Problem aus eigener Kraft lösen. Gott ist bei mir.

Nochmals eine Erfahrung aus meinem Berufsleben: Vor einer Trauerfeier für einen tödlich verunglückten Achtzehnjährigen meinte meine Nachbarin: O Herr Pfarrer, da wissen Sie sicher nicht, was Sie sagen sollen. Ich wusste tatsächlich nicht, was ich sagen sollte – als Antwort auf diese Aussage meiner Nachbarin. Denn ich wusste ja, dass sie das lieb und anteilnehmend meinte. Aber es merkwürdig wäre, wenn sie recht gehabt hätte. Natürlich wusste ich, was ich in der Trauerpredigt sage. Denn ich predige ja nicht von meiner Kraft, sondern von der Kraft Gottes, die stärker ist als der Tod. Ich muss in diese Situation nicht nur aus meiner eigenen Kraft heraus hineingehen. Dann würde es wirklich nicht gehen – aber wir leben aus einer stärkeren Kraft.

Die Besinnung auf Gottes Kraft hilft also gegen Selbstüberschätzung und gegen Selbstüberforderung. Dadurch hilft sie uns zur Gelassenheit – weil wir die Herausforderungen unseres Lebens weder unterschätzen noch überschätzen müssen. Sondern ihnen gelassen begegnen können. Wer so gelassen durch sein Leben gehen kann, hat eine positive Ausstrahlung.

Oder mit den Worten Jesu: Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers ausgehen. Der Leib steht hier für die Person. Das heißt: Das Wasser aus der Quelle Jesu, die Kraft Gottes für unser Leben, strömt durch uns hindurch zu anderen Menschen. Wie der römische Brunnen im Kloster Maulbronn: das Wasser geht in die oberste Schale, wenn sie voll ist, fließt es über in die mittlere und schließlich ganz nach unten. So können wir Kraftträger werden in unserer Welt.

Manchmal überlegen wir ja: Wie bekomme ich eine positive Ausstrahlung? Doch je mehr wir uns bemühen, gut rüberzukommen, desto verkrampfter und schiefer wird das. Nein, das lebendige Wasser der Kraft Gottes können wir nicht aus uns herauspressen. Es muss aus Jesu Quelle kommen. Wir müssen einfach empfangen.

Wie aber geschieht dies? Indem ich mir es einfach bewusstmache: Ich kann es nicht – Gott muss es tun. Vielleicht wenn die Angst vor einer Herausforderung kommt, bewusst einatmen und ausatmen. Beim Einatmen sagen: Herr Jesus Christus. Und beim Ausatmen: erbarme dich meiner.

Letztlich war es ja so ähnlich, was am Ende der Bundesliga-Saison in Darmstadt geschah. So lange die Mannschaft noch eine realistische Perspektive auf den Klassenerhalt hatte, verkrampfte sie und verlor. Die Gelassenheit kam erst, als die Mannschaft im Grunde abgestiegen war und nichts mehr zu verlieren hatte. Dann gewann sie plötzlich.

Als Vergleich: Wir haben in unserem Leben nichts zu verlieren, weil Christus alles für uns gewonnen hat. Und können von seinen Strömen lebendigen Wassers leben und diese Kraft weitergeben. Amen.