29. Dezember 2019 - Erster Sonntag nach dem Christfest


Predigt zu Hiob 42,1-6

Und Hiob antwortete dem HERRN und sprach:

Ich erkenne, dass du alles vermagst, und nichts, das du dir vorgenommen, ist dir zu schwer. "Wer ist der, der den Ratschluss verhüllt mit Worten ohne Verstand?" Darum hab ich ohne Einsicht geredet, was mir zu hoch ist und ich nicht verstehe. "So höre nun, lass mich reden; ich will dich fragen, lehre mich!" Ich hatte von dir nur vom Hörensagen vernommen; aber nun hat mein Auge dich gesehen. Darum gebe ich auf und bereue in Staub und Asche.

Liebe Gemeinde!

Eigentlich ein kalendarischer Zufall, dass die Jahreswende in die Weihnachtszeit fällt. Aber zugleich ein gutes Zusammenfallen, weil unsere Jahresbilanzen immer in ein weihnachtliches Licht getaucht sind.

In den Medien wird in diesen Tagen auf 2019 zurückgeblickt und wir tun es oft genauso. Es fehlen ja nur noch etwa zweieinhalb Tage, dann ist dieses Jahr Geschichte. Da blicken wir zurück auf diese bisher 362 Tage: es ziehen hoffentlich viele schöne Erinnerungen und Erlebnisse an uns vorbei. Erfolge, Urlaube, fröhliche Stunden. Aber es gibt kein nur helles, fröhliches, unbeschwertes Leben. Es gibt auch das Dunkle, das Belastende, Schwere. Gerade die großen Einschnitte, die es im Leben gibt, sind in der Ruhe der Weihnachtsfeiertage noch bedrängender gewesen als im normalen Alltag, wo ich sie leichter in den Hintergrund drängen kann. In der Ruhe kommen die Bilder von Krankheit und Schmerzen, von Trauer und Misserfolg, von Schuld und Versagen. Manches, wo ich klage: mein Leid klage, mich beklage, weil ich vermeintlich ungerecht behandelt wurde von anderen oder dem Schicksal, andere anklage – oder gar mich selber anklage. Wo Selbstmitleid und Selbstvorwürfe mich um mich selbst kreisen lassen. Ich gar nicht loskomme von manche, was 2019 gewesen ist.

Wir haben gerade eine Rede des Hiob gehört – dieses frommen Mannes, der ja eine Hiobsbotschaft nach der anderen bekam. In diesem nach wie vor alltagssprachlichen Wort „Hiobsbotschaft“ ist er ja auch solchen Menschen noch präsent, die schon lange mit der Bibel ansonsten wenig anfangen können. Mein Computerprogramm bietet mir für Hiobsbotschaft Synonyme wie „Katastrophe“, „Alarm“, „Desaster“ an. Worte, die mancher auch in der persönlichen Jahresbilanz verwenden muss.

Doch Hiob bleibt mit Gott im Gespräch. Mit seinen Klagen, seinen Zweifeln, seinen Fragen. Auch mit den Selbstanklagen und den Vorwürfen und Verdächtigungen, die seine Freunde anstellen: Irgendeinen Grund muss es doch geben, dass Gott dich so bestraft.

Wir kennen ja diese Fragen und Vorwürfe: „Warum gerade ich?“ „Was habe ich verbrochen, dass es mir schlecht geht – schlechter als anderen?“ Zumindest in meiner Wahrnehmung. Und auch die Suche nach Schuld durch andere: Hättest du diese Krankheit, diesen Unfall nicht verhindern können? Wir bauen ja gerne einen Richterstuhl auf und zerren uns davor, machen uns Vorwürfe. Oder anderen oder dem Leben oder Gott.

Da ist es gut, nicht nur um sich selbst oder um Ereignisse in der Vergangenheit zu kreisen, die ich eh nicht mehr ändern kann. Sondern damit zu Gott kommen, in Klagen und Fragen, in Bitten und Schweigen. So wie Hiob.

Und Hiob erlebt: Gott antwortet. Er zeigt dem Beter: Ich bin der Schöpfer. Ich trage diese ganze Welt. Ich bin ihr zugewandt. Ich halte sie mit allem Schönen und Schweren, Hellen und Dunklem, mit Gelingen und Versagen. Das alles bleibt in meiner Hand geborgen.

Jetzt antwortet Hiob Gott: Ja, ich habe das erkannt. Bisher habe ich dich nur vom Hörensagen her gekannt, jetzt habe ich dich gesehen. Hiob sieht sein Leben in einem neuen Licht. Im Licht der Zuwendung des Schöpfers zu seiner Welt. Im Licht seines Vertrauens auf den Gott, der alles in seinen Händen hält. Er kann sein Leben mit Schönem und Schweren, mit Hellem und Dunklen, mit Klarem und Rätselhaften in einen neuen Rahmen einordnen. Von einem anderen Blickwinkel aus betrachten.

Vielleicht erleben wir das ebenso bei unseren persönlichen Jahresrückblicken: Dass wir von hinten her im Rückblick manches anders bewerten und einordnen als damals als wir mittendrin standen. Weil sich vieles doch gut gefügt hat. Doch gut ausgegangen ist. Manches, wovor wir voller Sorgen Angst hatten, ist gar nicht eingetreten. Oder zumindest: Das Leben ist seit einem tiefen Einschnitt weitergegangen. Ich habe gelernt, mit der Krankheit oder mit der Trauer zu leben.

Wenn ich es von mir persönlich sage: Familiär gab es einige Krankheitsfälle zu verkraften. Aber es ging weiter. Beruflich haben mich unsere Umstrukturierungen in unseren Kirchengemeinden sehr beschäftigt. Da Dinge in neuem Licht sehen lernen. Das geschah bei Hiob damals. Das geschieht in unserem Leben heute.

Hiob sah sein Leben im neuen Licht der Schöpfung Gottes. Seiner Zuwendung. Das können auch wir. Wenn wir uns immer wieder klar machen: Unser Leben ist ein Geschenk. Und so wie wir bei Weihnachtsgeschenken nicht herumkriteln, nur weil sie vielleicht nicht ganz unseren Erwartungen entsprechen, so wenig brauchen wir es beim Geschenk des Lebens tun - auch wenn es nicht immer alles wunschgemäß läuft.

Dazu kommt bei uns noch ein weiteres: Ich sagte am Anfang, es ist ein guter kalendarischer Zufall, dass die Jahreswende in die Weihnachtszeit fällt. Hiob hat Gott gesehen als Schöpfer. Wir dürfen Gott sogar sehen als Geschöpf. Als Mensch. Auf Augenhöhe mit uns. Sogar mit uns, wenn wir schwere Wege gehen müssen. Denn das Kind von Bethlehem kam ja nicht in einer romantischen Idylle zur Welt, wie wir gelegentlich beim Blick auf unsere liebevoll gestalteten Weihnachtskrippen vermuten könnten. Sondern in einer Notunterkunft, weil die Eltern ohne Obdach waren. Danach weckte er die Feindschaft des Herodes, der ein brutales Gemetzel in Bethlehem veranstaltete. Darin zeichnete sich bereits ab, welches Ende er am Kreuz nehmen sollte. „Und über deiner Krippe schon, zeig uns dein Kreuz, du Menschensohn“ dichtete Jochen Klepper.

Gottes Antwort auf eine Welt in der gelitten wird, war nicht eine große Verwandlung, die letztlich diese Welt und uns Menschen zu Marionetten degradiert hätte. Die Schöpfung Gottes ist keine Modelleisenbahn, wo sich alles nur auf den Gleisen und in dem Takt bewegt, die der Erbauer vorgibt. Zu einer Welt, die ihre Freiheit bekommen hat, gehört das Leid mit dazu. Gottes Antwort ist, sich selbst auf diese Welt einzulassen. Der Schöpfer wird Geschöpf. Leidet mit und überwindet das Leid. Der Anfang im Stall von Bethlehem gibt Hoffnung: Gott wird seine Schöpfung vollenden. Einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen.

So bleibt bei unserem persönlichen Jahressrückblick im Licht der Schöpfung und im Licht von Weihnachten: Das was war, in dieses Licht der Liebe Gottes tauchen. Aus Selbstmitleid und Selbstvorwürfen herauskommen. Das Positive sehen. Und von diesem Licht den Weg in die Zukunft weisen lassen. So ähnlich, wie ich es dieses Jahr auf einer Postkarte gefunden habe, die ich seitdem auf dem Schreibtisch liegen habe:

„Sei immer lieb zu dir selbst.

Entschuldige dich niemals für deine Träume.

Sei vorsichtig mit den Worten, die du zu dir sagst.

Sei geduldig mit dir, wenn du Fehler machst.

Gehe langsam, wenn du müde wirst.

Sei behutsam mit dir, wenn du traurig bist.“

So können wir von Weihnachten her das Alte hinter uns lassen und ins neue gehen. Mit Gottes Licht. Und in Gottes Licht. Amen.