29. Januar 2017 - Vierter Sonntag nach dem Erscheinungsfest


Predigt zu Matthäus 14,22-33

Liebe Gemeinde!

Wenn unser Leben schwierig ist, benutzen wir merkwürdigerweise Bilder aus der Seefahrt, um das zu beschreiben. „Ich sehe kein Land mehr!“ heißt es dann. Oder: „Der Wind bläst mir ins Gesicht!“ „Es geht drunter und drüber.“ „Das Wasser steht mir bis zum Hals.“

Vielleicht reden wir so, weil das Meer etwas Unberechenbares an sich hat. Nicht zu kontrollieren. Gefährlich und bedrohlich. Nicht planbar. Damit werden Meer und Seefahrt zu Bildern für das Leben, das nicht immer wunschgemäß verläuft. Wo vieles anders kommt als gedacht. Wo wir zwar Pläne machen, die aber immer wieder durchkreuzt werden. Es Widerstand, Angriffe, Ärger gibt.

Ich habe vor einigen Jahren Schülerinnen und Schüler einer 12. Klasse zu diesen Stichwörtern ihre Einfälle notieren lassen. Und sie nannten Erfahrungen, die nicht nur Abiturienten machen.

DER WIND BLÄST MIR INS GESICHT: Mobbing, Alleinsein, Zu viel Stress, Freiheit.

ICH SEHE KEIN LAND MEHR: Druck, Stress, Ausweglosigkeit, Angst.

ES GEHT DRUNTER UND DRÜBER: Prüfungen, Leben, Chaos.

In der Antike galt das noch mehr als bei uns: Das Meer war stärker, dem Menschen überlegen. Wo er seine Ohnmacht spürte. Ausdruck der Tatsache: Wir haben unser Leben nicht im Griff, nicht unter Kontrolle. Vieles haben wir nicht in unserer Hand.

Wir fühlen uns in unserem Leben manchmal wie die Besatzung eines kleinen Bootes auf hoher See. Sehen kein Land. Machen uns Sorgen und Gedanken. Fühlen uns hilflos. Ängstlich. Was sollen wir da tun?

Diese Erfahrung steht auch hinter der biblischen Geschichte, die wir gerade gehört haben. Die Jünger im Boot mitten auf dem See von Genezareth. Ohne Jesus. Allein mit dem Wind, den Wellen, kein Land in Sicht.

Wenn Christen diese Geschichte gehört und weitererzählt haben, sahen sie sich stets in der Rolle der Jünger. Allein, von den Wogen des Lebens herumgetrieben. In den Situationen, in denen sie sagten: „Ich sehe kein Land mehr!“ „Der Wind bläst mir ins Gesicht!“ „Es geht drunter und drüber.“ „Das Wasser steht mir bis zum Hals.“

Doch die Jünger blieben in ihrem Boot nicht allein. Jesus kam zu ihnen. Er schreitet über die Wellen. Dieser Seewandel Jesu wird ja in mancher Karikatur etwas lächerlich gemacht. Aber wenn wir das Geschehen nur so von außen betrachten, gehen wir am Entscheidenden vorbei. Das Entscheidende ist: Wer über das Wasser geht, ist Gott. Weil das Wasser und die Wogen immer auch für den Tod stehen, für das, was der Mensch nicht im Griff hat. Deshalb ist bereits in den Psalmen Gott der, der über das Wasser geht. Der also stärker ist als alles, was unser Leben bedroht. Den nichts und niemand aufhalten kann, wenn er uns Menschen zu Hilfe kommt.

So tritt er den hilflosen Jüngern zur Seite. Er bietet ihnen seine Hilfe und seine Nähe an. Aber er drängt sich nicht auf.

Und die Jünger nehmen seine Hilfe zunächst nicht an, weil sie ihn für ein Phantasiegebilde, für ein Gespenst halten. Lieber kämpfen sie alleine weiter gegen die Wellen.

Bis heute steht Jesus so seinen Leuten zur Seite. Bereit zu helfen, aber nicht aufdringlich. Doch wir halten uns so oft an das, was wir kennen und erwarten. Also an unsere eigene Kraft. Versuchen selber mit eigener Leistung das rettende Ufer zu erreichen. Und tun Jesus als Hirngespinst, als Phantasie ab, die uns nicht helfen kann.

Ich merke das bei mir immer wieder an einer merkwürdigen Erfahrung: wenn mir die Zukunft unklar erscheint, wenn ich das Gefühl habe, etwas könnte mich überfordern – dann trage ich die Aufgaben in der Regel in meinen Kalender ein oder in eine to-do-Liste. Damit ist eigentlich das Problem noch gar nicht gelöst, die Aufgabe noch nicht angegangen – aber das Eintragen in den Kalender vermittelt mir das Gefühl: Es ist planbar und machbar. Und mit einem Schlag werde ich ruhig. Ich habe das Gefühl: Ich habe das Problem im Griff. Aber das stimmt ja nicht – und wenn der Termin im Kalender sich nähert, dann schlagen die Wellen doch wieder ins Boot meines Lebens. Aber nach Gott fragen, beten: Das mache ich erst, wenn ich das Gefühl habe: Ich komme nicht weiter. Ich bin überfordert. Wenn trotz aller Planungen das Leben aus den Fugen gerät.

Das ist wohl der Punkt, an dem Jesus das Wort ergreift wie bei den Jüngern im Boot: „Habt Vertrauen! Ich bin‘s! Fürchtet euch nicht!“ Ich bin für dich da – vertraue mir! Weil ich wie die Jünger damals keine Chance habe, das Ufer aus eigener Kraft zu erreichen, lasse ich mich auf ihn ein.

Und das Merkwürdige ist: Jesus lässt sich einladen. Vor ziemlich genau zweiundzwanzig Jahren dachte ich auch, ich müsste meinen allzu engen Zeitplan einhalten und landete mit dem Auto auf eisglatter Fahrbahn auf einer Ladung Langholz. Zunächst ärgerte ich mich, merkte aber, nachdem ich meine Termine abgesagt und den Abschleppdienst verständigt hatte, dass die Welt auch ohne mich sich weiterdrehte und meine Hektik unbegründet war. Dann kam der Abschleppwagen, der Fahrer sah mein Auto und meinte: „Totalschaden! Aber seien Sie froh, hätte sich ihr Auto um einen Baum gewickelt, würden Sie hier nicht mehr am Straßenrand stehen.“ Da merkte ich erst: Ich bin bewahrt geblieben. Da habe ich beim Versuch, Termine einzuhalten, mein Leben gefährdet und einer stand daneben und hat mich begleitet. Seitdem komme ich lieber zu spät als gar nicht an.

Jesus, der zur Seite steht: Petrus lässt sich darauf ein und geht selber über das Wasser. Bis er merkt, dass er selber sich nicht halten kann. Sondern von Jesus gehalten wird. Da schaut er von Jesus weg auf die Wellen, die ihn bedrohen. Und geht unter. Aber so wie ich es bei meinem Unfall erkannt habe: Jesus hält ihn fest.

Dass Jesus tatsächlich da ist, wenn wir sagen: „Ich sehe kein Land mehr!“ „Der Wind bläst mir ins Gesicht!“ „Es geht drunter und drüber.“ „Das Wasser steht mir bis zum Hals.“ Das entdecken wir erst, wenn wir uns darauf einlassen. Auf Jesus hören, wenn er sagt: Habt Vertrauen – ich bin da. Wagen, im Blick auf ihn weiterzugehen. Und uns von ihm halten zu lassen. Wer wie Petrus sich selber halten will, verliert den Halt. Und wer wie ich damals seine Pläne um jeden Preis einhalten will, ebenso.

Dass unser Glaube kein Hirngespinst ist, merken wir erst dann, wenn wir solche Erfahrungen machen: Ich bin getragen worden. Wie Petrus und die Jünger. Und diese Erlebnisse uns merken. Weil sie so leicht wieder vergessen werden. Vielleicht war es bei den Jüngern damals ebenso: Als sie ans Ufer kamen und die Sonne aufging, schrieben sie ihre Rettung plötzlich ihrer seemännischen Tüchtigkeit zu. Weil, wenn etwas gut ging, wir Menschen das oft zu selbstverständlich nehmen. Und nicht mehr sehen: Ich bin gehalten worden. Deshalb: Solche Erfahrungen aufbewahren.

Wir werden immer wieder in Lebenslagen kommen, wo wir uns hilflos fühlen. Und sagen: „Ich sehe kein Land mehr!“ „Der Wind bläst mir ins Gesicht!“ „Es geht drunter und drüber.“ „Das Wasser steht mir bis zum Hals.“ Dann auf Jesus hören: Ich bin da – habt Vertrauen. Wagen, mit ihm weiter zu gehen. Von ihm gehalten werden. Amen.