3. November 2019 - Reformation


Predigt zu 5. Mose 6,4-9

Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR ist einer. Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft. Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollst du zu Herzen nehmen und sollst sie deinen Kindern einschärfen und davon reden, wenn du in deinem Hause sitzt oder unterwegs bist, wenn du dich niederlegst oder aufstehst. Und du sollst sie binden zum Zeichen auf deine Hand, und sie sollen dir ein Merkzeichen zwischen deinen Augen sein, und du sollst sie schreiben auf die Pfosten deines Hauses und an die Tore.

Liebe Gemeinde!

Einen Teppich kann man von zwei Seiten betrachten. Von oben ist es ein schönes, geordnetes Muster. Von unten ein Gewirr von Fäden, Linien, Formen und Farben, in dem man keinen Sinn erkennen kann. Wenn wir auf unser Leben schauen, dann erscheint es uns oft wie der Teppich von unten. Dinge, die passieren einfach, ohne dass ich sie mir gewünscht hätte. Menschen begegnen mir – manchmal freundlich, zeitweilig auch etwas schräg. Und ich selber bin ja genauso nicht jeden Tag gut drauf. Freude wechselt mit Trauer, Hoffnung mit Resignation, Mut mit Angst, Zuversicht mit Sorge, Gelassenheit mit Ärger. Zufällige Begebenheiten beeinflussen mich und mein Leben. Jeder Versuch, dem Ganzen Sinn und Struktur zu geben, zerfasert mir unter den Händen in der Abfolge der Ereignisse. Ich erzähle meine Lebensgeschichte gerne, als sei alles mit einem durchgehenden roten Faden geplant gewesen. Da sie aber oft zufällig anders verläuft, ändert sich diese logische Erzählung ständig. Vielleicht wäre die beste Haltung zum Leben: Das einfach so akzeptieren. Sagen: So ist es. Es kommt erstens immer anders und zweitens als man denkt.

Aber zumindest ich halte das nicht aus, bin nicht so gelassen und souverän. Sondern frage mich: Kann ich den wirren Teppich meines Lebens nicht auch von oben betrachten? Dass die ungeordneten Linien plötzlich geordnet erscheinen? Ein sinnvolles Bild, ein erkennbares Muster ergeben? Dass ich das Gefühl habe: Mein Leben ist nicht nur abhängig von zufälligen Begebenheiten, von anderen Menschen, von globalen und wirtschaftlichen Großwetterlagen. Sondern dass es sinnvoll auf einer guten Bahn verläuft. Gehalten und getragen ist – wie ein Teppich, dessen Muster sich jemand ausgedacht und gestaltet hat, der gewoben wurde mit einem Bild als Ziel, auch wenn diese Fäden zunächst eben von unten wirr erscheinen.

In diesem Bedürfnis nach einem Leben, das geborgen ist. Das zu einem guten Ziel geführt wird, darin wurzelt unser Glaube an Gott. Martin Luther hat das in die klassische Formulierung gebracht: Woran du dein Herz hängst und worauf du vertraust, das ist dein Gott. Das, von dem ich Ordnung, Struktur und Geborgenheit erwarte im Fadengewirr meines Lebensteppichs, das ist Gott für mich. Jeder und jede muss sich fragen: Wovon erwarte ich das? Woran hänge ich mein Herz? Worauf vertraue ich? Was ist mein Gott?

Aus der Bibel haben wir gerade das zentrale Glaubensbekenntnis Israels gehört – von dem das Volk Gottes sich Ordnung im Fadengewirr des Lebensteppichs erhoffte. Ordnung im Fadengewirr - damals beim Auszug aus Ägypten als Mose dem Volk Gottes dieses Bekenntnis weitergab. Als sie nicht wussten, wie ihr Weg durch die Wüste weitergehen soll. Und sie erst am Ende merkten: Gott hat uns zum Ziel gebracht – ins versprochene Land, in die Freiheit.

Ordnung im Fadengewirr dann im Exil in Babylonien nach der militärischen Niederlage und der Zerstörung Jerusalems 587 vor Christus durch den übermächtigen Feind – als nicht klar war, ob Gott überhaupt da war, wenn er sein Volk und seinen Tempel nicht verteidigen konnte. Da hielten sie an diesem Bekenntnis fest. Verstanden ihren Weg als Wegweisung Gottes. Und kehrten am Ende wieder zurück als die Perser Babylonien eroberten.

Ordnung im Fadengewirr des Alltags, wenn diese Worte – wie hier verlangt – an den Gebetsriemen an der Stirn und am Arm angebracht werden, um präsent zu sein im Denken und im Handeln. Genauso – das weiß man, wenn man in Israel schon einmal im Hotel war – ist dort am Türrahmen eine Kapsel mit diesen Worten befestigt. Beim Hinausgehen und beim Heimkommen soll dieses Bekenntnis im Bewusstsein bleiben.

Und: Mit diesen Worten auf den Lippen sind viele Juden sogar in den Vernichtungslagern der Nazis in den Tod gegangen – selbst dort, wo die Allmacht und Güte Gottes komplett verfinstert war: „Höre Israel, der Herr ist unser Gott. Der Herr allein.“ Am Ende zerbröselte die Macht der Gewalttäter – das sollen sich alle vor Augen halten, die heute wieder mit Nationalismus und Hass auf alles Fremde Ordnung und Struktur in den Lebensteppich bringen wollen.

Das Wort, das hier mit: „Herr“ wiedergegeben wird, ist der Gottesname, mit dem sich Gott einst Mose vorstellte: Ich bin für dich da! Egal, wie wirr die Fäden in deinem Teppich verlaufen: Ich bin für dich da!

Von diesem Gott heißt es hier: Ihr sollt ihn lieben. Gott lieben - das bedeutet: Seine Nähe suchen, egal was kommt. Auch gerade, wenn uns das Leben unverständlich, ungerecht, und grausam erscheint: Mit dem zu Gott kommen, was wir nicht verstehen. Zu ihm sagen: Es ist, wie es ist – ich überlasse es dir.

Lieben – mit ganzem Herzen. Das heißt für die Bibel: Mit Herz und Verstand. Denn das Herz ist nicht nur Sitz des Gefühls, sondern die Schaltzentrale des Menschen.

Mit ganzer Seele. Das hebräische Wort hier bedeutet: Kehle, Atem. Also: Mit jedem Atemzug Gott vertrauen. Gerade wenn wir in hektischen und schwierigen Zeiten unserem Atemrhythmus nachspüren. Beim Einatmen sagen: Herr Jesus Christus. Beim Ausatmen: Erbarme dich meiner!

Mit meiner ganzen Kraft – also mit allem, was mir zur Verfügung steht. Meinem Können, Wollen, Vermögen.

Zu dieser Liebe zu Gott sind auch wir Christen eingeladen. Unser Herz an Gott zu hängen und Gott zu vertrauen im Gewirr unseres Lebens. Und dieser Gott, der für uns da ist, verdient dieses Vertrauen. Denn: Was sonst wäre ein stabiler Aufhängepunkt für unser Herz?

Denn unser Leben wird immer so aussehen, wie ein Teppich von unten. Alle Versuche, den Teppich gewissermaßen umzudrehen. Alles, von dem wir Ordnung darin erwarten, den Blick sozusagen von der Oberseite auf den Teppich – kann uns diese Orientierung nicht geben. Weder unser Können noch unser Besitz noch unsere Beziehungen – sie alle sind sehr wechselhaft und immer nur begrenzt da. Dieses Gewirr aber einfach als unvermeidlich gelassen-souverän anzunehmen, kann ich zumindest – wie gesagt – nicht. Man kann es natürlich genauso zynisch-resigniert als gegeben nehmen – das will ich aber nicht. Denn das würde mich dem Leben und dem Leiden anderer gegenüber abstumpfen lassen. Was bleibt also als Alternative zu falschen Sicherheiten? Als Alternative zu übersteigertem Selbstvertrauen, das oft nur Kehrseite unserer Angst vor unserer Schwäche ist? Als Alternative zu Zynismus und Resignation? Das Vertrauen auf den Gott, der sagt: Ich bin für dich da! Zu sagen: Ich suche deine Nähe in allem, was kommt.

Das soll uns als Person bestimmen, unser Leben prägen. Das sollen wir anderen weitergeben. Den Kindern einschärfen. Im Haus und in der Öffentlichkeit davon reden. Es auch mit unserem Tun und Verhalten zum Ausdruck bringen. Das ist gerade für unsere Gesellschaft wichtig, die ja so oft wenig nach dem christlichen Glauben fragt. Wenn Menschen, die heute zu ihrem Glauben stehen, fast nur noch aus dem muslimischen Bereich kommen – weil Juden es sich das nicht mehr trauen, weil sie auch in Deutschland wieder angefeindet werden, und weil wir Christen eine pseudoliberale Alles-Egal-Haltung an den Tag legen, dann läuft etwas schief. Überlassen wir die Öffentlichkeit nicht denen, die vor allem Hass predigen – ob national, religiös oder sozial, sondern mischen wir uns ein. Leben wir unseren Glauben offen. Lassen wir andere es merken, woran wir unser Herz hängen.

Dann drehen wir unseren Lebensteppich um. Und sehen das Bild, und das Muster, das Gott in unsere Lebensgeschichte webt. Amen.