30. Juli 2017 - 7. Sonntag nach dem Dreieinigkeitsfest


Predigt zu Johannes 6,30-35

Da sprachen sie zu ihm: Was tust du für ein Zeichen, auf dass wir sehen und dir glauben? Was wirkst du? Unsre Väter haben Manna gegessen in der Wüste, wie geschrieben steht: "Brot vom Himmel gab er ihnen zu essen." Da sprach Jesus zu ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Nicht Mose hat euch das Brot vom Himmel gegeben, sondern mein Vater gibt euch das wahre Brot vom Himmel. Denn dies ist das Brot Gottes, das vom Himmel kommt und gibt der Welt das Leben. Da sprachen sie zu ihm: Herr, gib uns allezeit solches Brot.

Jesus aber sprach zu ihnen: Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, den wird nicht hungern; und wer an mich glaubt, den wird nimmermehr dürsten.

Liebe Gemeinde!

Wovon leben wir? Natürlich brauchen wir den Sauerstoff zum Atmen, Trinken und Essen. Ohne diese Dinge geht es nicht. Um die kämpft auch jeder Mensch, dass er genug davon hat. Doch sobald das vorhanden ist, braucht der Mensch noch mehr zum Leben. Der amerikanische Psychologe Abraham Maslow hat deshalb schon vor langer Zeit eine Bedürfnispyramide aufgestellt:

Die Basis ist tatsächlich Sauerstoff, Schmerzfreiheit, Wasser und Essen. Doch wenn ein Mensch diese sogenannten physiologischen Grundbedürfnisse erfüllt bekommen hat, braucht er mehr: Schutz und Sicherheit – eine vertraute Umgebung, einen sicheren Schlafplatz. Wir wissen, wie wichtig dieses Gefühl der Geborgenheit ist. Deshalb sind Übergriffe wie in Hamburg vor wenigen Wochen oder in Schorndorf so angsteinflößend. Fühlen wir uns sicher, verlangen wir nach der nächsten Stufe der Pyramide: nach Beachtung, Gemeinschaft und Anerkennung – darüber haben wir ja vorletzten Sonntag nachgedacht. Ist das alles erfüllt, wollen wir unser Leben selbst gestalten können. Wir brauchen also manches, um ein erfülltes Leben zu haben.

Deshalb ringen wir Menschen ja nicht nur darum, genug Essen und Trinken zu bekommen, sondern kämpfen um unsere Sicherheit, tun einiges dafür, von den anderen beachtet und anerkannt zu werden. Wir suchen auch nach Menschen, Institutionen, Instanzen, die uns das verschaffen. Vermutlich sind diese Grundbedürfnisse auch Keimzelle unseres Fragens nach einem tragenden Grund in unserem Leben, nach Gott. Sie sind Keimzelle jeder Religion.

Aber: Wo finden wir diesen tragenden Grund für unser Leben? Wer verdient unser Vertrauen? Wem trauen wir also zu, Leben, Nahrung, Schutz, Gemeinschaft und Anerkennung uns zu verschaffen?

Martin Luther hat im Großen Katechismus so erklärt, was ein Gott ist: Woran du dein Herz hängst und worauf du vertraust, das ist dein Gott. Woran hängen wir also unser Herz? Worauf vertrauen wir für unser Leben?

Oft vertrauen wir auf unsere eigene Kraft. Der Kampf ums Essen – den müssen wir bei uns Gott sei Dank nicht mehr führen. Deshalb kämpfen wir für die Erfüllung der anderen Grundbedürfnisse umso härter. Und spüren zugleich, dass wir sie uns gar nicht erkämpfen können: Absoluten Schutz und absolute Sicherheit gibt es nicht, Beachtung und Anerkennung stellen sich umso weniger ein, je mehr wir uns darum bemühen.

Wem also vertrauen wir, der uns das schenken kann? Also: wer oder was ist Gott für uns? Finden wir Anhaltspunkte, wer unser Vertrauen verdient?

Damit sind wir bei den Fragen, die die Gesprächspartner Jesu ihm stellen im eben gehörten Bibelwort. Sie haben ja durchaus bereits erlebt, wie Jesus ein Grundbedürfnis gestillt hat: er hat 5000 Menschen zu essen gegeben. Aber können sie ihm vertrauen, dass er es ist, der auch andere Bedürfnisse stillen kann?

Deshalb die Fragen: Welche Beweise hat du? Was sind die Zeichen, die deinen Anspruch bestätigen? Was tust du für uns? Denn Menschen zu speisen, das haben die Israeliten bereits bei der Wüstenwanderung erlebt – als Gott sie mit Manna und Wachteln versorgte. Was macht Jesus, um zu beweisen, dass er Vertrauen verdient?

Fragen, die wir kennen. Wenn wir einen zuverlässigen Handwerker, ein gutes Restaurant, einen geeigneten Arzt suchen, dann wollen wir auch Indizien für die Qualität: Fragen andere Menschen nach ihren Erfahrungen, lesen Internet-Bewertungen, holen Referenzen ein. Und bei Gott? Von dem wir uns die Erfüllung der Grundbedürfnisse versprechen? Welche Referenzen, welche Indizien, welche Beweise gibt es da? Wie oft höre ich den Satz: „Ich würde ja so gerne glauben, aber Gott müsste mir einen Beweis liefern.“

Doch Jesus macht seinen Gesprächspartnern deutlich, dass das nicht so einfach funktioniert. Denn es gibt im Leben für nichts eindeutige Beweise. Ich kann Gott genauso wenig beweisen, wie ich meine Liebe beweisen kann. Sobald ich Liebe an eindeutigen Kriterien festmachen möchte, ist sie im Grunde schon tot. Jeder Beweis, jeder Hinweis, jedes Indiz kann auch anders gedeutet werden. Selbst die angeblich so „harten“ Naturwissenschaften halten sich immer dafür offen, angeblich feststehende, bewiesene Tatsachen wieder im Licht neuer Erfahrungen neu zu bewerten. Jedes Naturgesetz gilt nur so lange, bis es widerlegt wird.

Das ist ja auch sonst im Leben so, wenn wir Angebote von Firmen sichten. „Testen Sie uns“ – so werben manchmal Firmen, wenn sie einen Auftrag von uns wollen. Wir bemühen uns, Ihre Wünsche zu erfüllen! Wir sichern Ihnen die ordnungsgemäße Erledigung Ihres Auftrages zu! Solche Erklärungen sind wir aus dem täglichen Geschäftsleben gewohnt. Man kann also die Zuverlässigkeit eines Partners nur entdecken, wenn man sich auf ihn und sein Angebot einlässt.

Deshalb sagt Jesus: Die Versorgung der Israeliten in der Wüste mit Brot vom Himmel war kein Beweis für Gott, sondern war Geschenk Gottes. Zeichen dafür, dass Gott uns das Leben gibt. Dass er Grundbedürfnisse erfüllt.

Da wollen die Gesprächspartner genau das: „Gib uns immer solches Brot!“ Sorge dafür, dass es uns gut geht. Da gehören Brot und Wasser, aber eben auch Schutz und Sicherheit, Gemeinschaft und Anerkennung dazu.

Aber Jesus entzieht sich dem: „Ich bin das Brot des Lebens: wer zu mir kommt, der wird nie mehr hungern, und wer an mich glaubt, der wird nie mehr Durst haben.“

Statt eines Beweises oder eines sicheren Zeichens gibt Jesus sich selbst. Wenn wir uns danach sehnen, dass die Grundbedürfnisse unseres Lebens gestillt werden, dann müssen wir uns auf Jesus einlassen. Ihm vertrauen, zu ihm kommen. Er stillt dann unseren Hunger und Durst nach Leben.

Wir nehmen dankbar Nahrung und die Luft zum Atmen. Jeder Atemzug, jeder Schluck Wasser, jeder Bissen Brot sagt uns: Jesus ist für uns da. Bei ihm finden wir Schutz und Geborgenheit. Natürlich nicht in dem Sinne, dass uns nichts mehr passieren könnte. Sondern, dass er uns ein Leben schenkt, das mit dem Tod nicht endet. Ein Leben, aus dem uns keine Gefahr vertreiben kann – sogar der Tod nicht. In einer Welt, die uns oft verunsichert, finden wir Halt und Geborgenheit. Denn wie gesagt: absolute Sicherheit können wir nirgends haben – außer in uns selbst, in einem Raum, in dem Gott uns begegnet. Wenn wir in Angst durchatmen und zu Jesus sagen: Sei du bei mir.

Jesus schenkt uns damit eine Gemeinschaft, von der uns nichts trennen kann. Anerkennung bei ihm. Wenn wir so vom wahren Brot des Lebens unser Leben empfangen. Dann erreichen wir die Spitze der Bedürfnispyramide: Wir gestalten unser Leben in Freiheit – frei von der Sorge um Essen und Trinken, frei vom Bemühen um Schutz und Sicherheit, frei vom Ringen um Zugehörigkeit und Anerkennung. Dann können wir einfach leben.

Wovon leben wir? Woran hängen wir unser Herz? Worauf vertrauen wir? Machen wir uns abhängig von uns selbst oder von anderen Menschen? Oder wissen wir: Wir sind Beschenkte. Beschenkt von Gott. Abhängig vom Brot des Lebens – von Jesus. Wenn wir deshalb nicht mehr so angestrengt um unser Leben, um unsere Selbstverwirklichung kämpfen – dann fällt uns manches davon von selbst zu. Weil wir ihm glauben, zu ihm kommen – zu Jesus dem wahren Lebensbrot. Das ist Zeichen genug für Gottes Liebe. Amen.