30. März 2018 - Karfreitag


Predigt zu Hebräer 9,15.26b-28

Und darum ist Christus auch der Mittler des neuen Bundes, auf dass durch seinen Tod, der geschehen ist zur Erlösung von den Übertretungen unter dem ersten Bund, die Berufenen das verheißene ewige Erbe empfangen. Nun aber, am Ende der Zeiten, ist er ein für alle Mal erschienen, um durch sein eigenes Opfer die Sünde aufzuheben. Und wie den Menschen bestimmt ist, einmal zu sterben, danach aber das Gericht: so ist auch Christus einmal geopfert worden, die Sünden vieler wegzunehmen; zum zweiten Mal erscheint er nicht der Sünde wegen, sondern zur Rettung derer, die ihn erwarten.

Liebe Gemeinde!

Der ältere Herr schien mit dem Autofahren etwas überfordert – er fuhr über den Zebrastreifen, über den wir als Fußgänger gerade gehen wollten. Wir warteten bis er vorbei war und traten auf die Straße. Neben uns ein Schlag – er war auf ein parkendes Auto gefahren. Legte den Rückwärtsgang ein und schoss wieder auf uns auf dem Zebrastreifen zu. Wir zurück auf den Gehsteig, er wieder im Vorwärtsgang nochmals auf das parkende Auto. Jetzt stieg er aus und schimpfte: Mit uns Fußgängern, die nicht aufpassen können. Mit dem Autofahrer, der inzwischen zu seinem demolierten Auto gekommen war, dass er völlig falsch geparkt hätte. Mit seiner Frau, die ihn als Beifahrerin nicht gewarnt hätte. Alle anderen waren schuld an der Situation – nur er selbst nicht.

Eine Haltung, die wir nicht nur bei überforderten Verkehrsteilnehmern erleben. Sondern auch sonst im Leben: Alle anderen sind schuld an meiner Situation – nur ich nicht. Psychologen sprechen hier von einer Opferhaltung: Ich bin das arme Opfer und die anderen sind die Bösen, die meine missliche Lage verursacht haben. Ich kann da nichts dafür.

Eine solche Haltung ist natürlich bequem. Ich muss nichts verändern. Zugleich verändert sie meine Lage nicht, in der ich mich offensichtlich gefangen fühle, sie verändert nichts zum Positiven. Meine Situation verbessert sich nicht – ich bleibe Opfer, ich bleibe passiv. Wer in der Opferrolle bleibt, erkennt seine Handlungsspielräume nicht.

Wie gesagt, dieser Autofahrer flüchtete sich in die Opferhaltung, weil er überfordert war. Wir flüchten uns gerne in diese Rolle, weil unsere Welt uns unübersichtlich vorkommt. Wir oft das Gefühl haben: Ich bin allein. Die Fähigkeiten und Kräfte, die ich mitbringe, reichen nicht für die Aufgaben, vor die mich das Leben stellt.

Stimmt das aber wirklich, dass wir von der Welt überfordert und alleine gelassen sind mit unserem Leben? Der Schreiber des Hebräer-Briefes versucht in den eben gehörten Zeilen, seiner Gemeinde eine andere Perspektive zu vermitteln.

Er beschreibt den Weg Jesu ans Kreuz mit zwei Begriffen: Jesus ist der Mittler zwischen Gott und Mensch. Zugleich: Jesus ist das Opfer, das Sünde und Tod aufhebt. Was geschieht da?

Wir Menschen fühlen uns mit unserem Leben überfordert und allein gelassen, weil wir getrennt sind von Gott. Abgekoppelt von der Kraftquelle unseres Lebens. So wie wenn ich bei einem Elektrogerät den Stecker ziehe. Ihm geht der Saft aus. Diese Trennung von Gott nennt die Bibel Sünde. Darin steckt das Wort Sund – Trennung. Wenn uns dadurch die Lebenskraft ausgeht, dann tun wir das, was wir eigentlich nicht wollen. Und wir suchen Schuldige für diese Misere – machen uns selbst zu Opfern der anderen und der Umstände.

Dadurch bekommen wir aber keine neue Kraft, sondern bleiben in unserer Schwäche stecken. Die Lage verändert sich nur, wenn der Stecker wieder eingesteckt wird. Wenn wir mit Gott, der Quelle unseres Lebens, wieder verbunden sind. Die Trennung von Gott überwunden ist. Die Sünde überbrückt.

Genau das macht Jesus am Kreuz. Er kommt ganz auf die Seite der Menschen, die sich als schwache Opfer fühlen. Macht sich selbst zum Opfer. Indem er selber schwach wird. Stirbt. Damit kommt Gottes Kraft in Schuld, Leid und Tod. Die Verbindung zwischen Gott und Mensch wird wiederhergestellt. Das bedeutet in der Sprache des Hebräer-Briefes „Mittler“. Jesus ist die Verbindung zwischen dem starken Gott und uns schwachen Menschen.

Wenn wir das technische Bild vom gezogenen Stecker, der wieder eingesteckt wird, noch ein bisschen ausdeuten: Dass der Stecker eingesteckt wird, ist das eine. Dazu kommen muss aber noch das andere: Das Gerät muss wieder eingeschaltet werden. Auf den Weg Jesu übertragen: Karfreitag bedeutet – Gott stellt die Verbindung zum Menschen her. Durch den Mittler, der sich zum Opfer macht. Ostern lässt diese Kraft hervortreten. Betätigt gewissermaßen den Schalter. Gottes Kraft wird sichtbar. Die Kraft, die stärker ist als der Tod.

Karfreitag zeigt: Der starke Gott tritt an unsere Seite. In Jesus als Mittler an die Seite von uns Menschen, die sich so oft überfordert fühlen. Jesus ist ein für alle Mal das Opfer, das uns befreit aus unserer Opferhaltung. Damit ist keiner mehr allein – sogar im Tod nicht. Denn selbst in dieser Situation der größten Schwäche ist der gekreuzigte Christus bereits da. Und hilft uns. Er, der stärker ist als der Tod.

Damit hat er uns eine Kraft verliehen, die über unser Leben hinausgeht. Mit den Worten des Hebräer-Briefes: „Zum zweiten Mal wird Christus nicht der Sünde wegen erscheinen, sondern denen, die auf ihn warten, zur Rettung.“ Jesus kommt wieder und rettet aus dem Tod in ein bleibendes Leben.

Wenn wir so Christus als Mittler zur Kraft Gottes auf unserer Seite wissen, ihn in unserer Schwachheit wissen. Wenn wir die Hoffnung auf die endgültige Rettung haben – dann brauchen wir uns nicht mehr in die Opferrolle flüchten. Nicht mehr andere beschuldigen und damit nichts an unserer Situation ändern. Sondern wir vertrauen: Ich bin nicht allein. Gottes Kraft ist da. Ich kann Verantwortung übernehmen. Ich habe immer noch Handlungs­möglichkeiten. Weil selbst der Tod keine Grenze ist.

Ein alter Satz lautet: Wer etwas nicht will, findet Gründe. Wer etwas will, findet Wege. Mit Christus an der Seite können wir neue Wege gehen. Sogar in ein Leben, das nicht vergeht.

Der Autofahrer vom Anfang hätte das zum Anlass nehmen können, seine Überforderung einzugestehen. Alternativen zum Auto überlegen. Neue Wege gehen. Sich Hilfe und Unterstützung holen. Wir sollen aus der Opferrolle herauskommen. Verantwortung für unsere Situation übernehmen. Schuld eingestehen und Neues versuchen. Nur dann können wir etwas zum Besseren verändern. Amen.