30. Oktober 2016 - 23. Sonntag nach dem Dreieinigkeitsfest


Predigt zu Philipper 3,17-21

Liebe Gemeinde!

Nicht nur Sie als Taufeltern fragen sich manchmal: Bin ich eigentlich ein gutes Vorbild für die Kinder und Jugendlichen, die mir anvertraut sind? Und was ist ein gutes Vorbild?

Manchmal denken wir, wir müssten Superman oder Superwoman sein – perfekt alles im Griff haben. Gerade junge Eltern versuchen Familie, Beruf, Haus tiptop zu halten. Setzen damit sich und andere unter Druck.

Und wie oft merken wir, dass wir das Superman-Image gar nicht aufrechterhalten können. Dass es da an allen Ecken und Enden spannt und drückt wie auf dem Bild. Dass wir unseren eigenen Ansprüchen nicht genügen – ja nicht genügen können.

Dieses Scheitern an den Ansprüchen, die ich an mich selber stelle, ist ganz normal. Denn ich bin ja ein Mensch mit Grenzen und Schwächen. Niemand ist als Superman auf der Welt.

Heute am Vortag des Reformationstages darf man erinnern: Zum Thesenanschlag in Wittenberg am 31. Oktober 1517 kam es nur, weil der Mönch Martin Luther erkannt hatte: Ich genüge meinen Ansprüchen an mein Leben nicht. Und er litt darunter, dass er in diesen Ansprüchen Gottes Ansprüche an sein Leben sah und deshalb zunächst vor der Strafe Gottes Angst hatte.

Seine Entdeckung, die in den Thesen veröffentlicht wurde: Gott legt ganz andere Maßstäbe an mein Leben an. Er sieht meine Schwächen und liebt mich trotzdem.

Ebenso der Apostel Paulus Deshalb stellt er im eben gehörten Bibelwort eine andere Art des Vorbilds der Gemeinde in Philippi vor Augen. Kein Superman, sondern sich selbst als Gescheiterten. Als einen, der weiß: Ich bin auf Gottes Zuwendung, auf seine Vergebung angewiesen. Mit meiner eigenen Kraft schaffe ich das nicht.

Er vertraut der Kraft Gottes, die vom Himmel kommt, die uns also von außen geschenkt wird. Nicht wir selber müssen alles perfekt in der Hand haben, sondern Gottes Hand hält uns.

Dieser Lebenshaltung, die auf Gottes Kraft vertraut, stellt Paulus eine Haltung gegenüber, die sich auf die eigene Kraft verlässt. Er nennt diese Lebenshaltung eine irdische Gesinnung, die den eigenen Bauch zum Gott macht. Wer sich nur auf sich selbst verlässt, muss sein ganzes Leben aus eigener Kraft meistern. Muss alles selber in der Hand behalten.

Eine solche Lebenshaltung ist zum Scheitern verurteilt. So hat es Martin Luther im Kloster erlebt. So erlebt man es, wenn man immer wieder an die Grenzen der eignen Kraft gerät. Und spätestens an der Grenze unseres Lebens ist diese Haltung an ihr Ende gekommen. Paulus schreibt: Ihr Ende ist Verderben. Denn keiner von uns hat Kraft, die stärker ist als der Tod.

Wer hingegen auf Gottes Kraft vertraut, der vertraut damit auf die Kraft, die stärker ist als der Tod. Die an Ostern Jesus aus dem Grab auferweckte in ein neues Leben. „Christus, der unseren geringen Leib verwandeln wird in die Gestalt seines verherrlichten Leibes mit der Kraft, mit der er sich alle Dinge untertan machen kann.“ Gott nimmt ihn gewissermaßen bei der Hand und führt ihn in ein neues Leben.

Als Martin Luther einst klar wurde, dass es auf Gott und nicht auf ihn ankam, fühlte er sich so, als ob die Tür zum Himmel geöffnet wurde.

Wir sind also dann den uns anvertrauten Kindern am besten ein Vorbild, wenn sie an uns keinen falsch verstandenen Perfektionismus abschauen brauchen. Sondern entdecken: Die Erwachsenen sind nicht immer stark. Sie sind nicht immer perfekt. Aber sie wissen, dass sie mit dem zu Gott kommen können. Sich Kraft holen.

Man wirft ja uns Christen manchmal vor, dass wir auch nicht besser sind als andere. Ja, sage ich dann immer, das stimmt: Christen sind keine besseren Menschen. Aber der Unterschied ist: Wir wissen, an wen wir uns mit unserer Schwäche wenden können.

Und natürlich heißt das nicht: Wir sind mit unseren Schwächen zufrieden. Gerade weil wir unsere Schwächen nicht verstecken müssen hinter der Fassade eines Supermans, können wir sie nüchtern in den Blick nehmen. Manche ausmerzen. Manche ausgleichen. Und mit manchen so ehrlich wie möglich leben.

Leben an Gottes Hand. Leben aus seiner Kraft. Amen.