31. Dezember 2018 - Altjahrabend


Predigt zu Jesaja 51,4-6

Merke auf mich, mein Volk, hört mich, meine Leute! Denn Weisung wird von mir ausgehen, und mein Recht will ich gar bald zum Licht der Völker machen. Denn meine Gerechtigkeit ist nahe, mein Heil tritt hervor, und meine Arme werden die Völker richten. Die Inseln harren auf mich und warten auf meinen Arm. Hebt eure Augen auf gen Himmel und schaut unten auf die Erde! Denn der Himmel wird wie ein Rauch vergehen und die Erde wie ein Kleid zerfallen, und die darauf wohnen, werden wie Mücken dahinsterben. Aber mein Heil bleibt ewiglich, und meine Gerechtigkeit wird nicht zerbrechen.

Liebe Gemeinde!

Das Jahresende ist die Zeit der Bilanzen: Soll und Haben von Unternehmen, Vereinen, Ländern und Kommunen wird aufgelistet. Welchen Ertrag hat dieses Jahr gebracht, welche Verluste haben wir eingefahren?

Aber nicht nur kaufmännische Bilanzen werden gezogen – auch persönliche Lebensbilanzen: Was hat mir 2018 gebracht? Was habe ich 2018 verloren? Solche Lebensbilanzen fallen naturgemäß sehr unterschiedlich aus. Je nachdem wie mein persönliches Jahr 2018 verlaufen ist. Erinnerungen an gelungene Urlaube, an erfolgreiche Prüfungen, an schöne Familienfeste, ermutigende Begegnungen – sie stehen auf der Haben-Seite. Auf der anderen Seite - das, was uns heute Abend das Herz schwer macht: Geplatzte Hoffnungen, gesundheitliche Einschränkungen, unüberbrückbare Konflikte, schmerzhafte Niederlagen, Trauer um liebe Menschen, die nicht mehr da sind – das sind die Verluste. Zu jedem Leben gehören wohl beide Seiten. In unterschiedlichen Mischungen.

Diese gemischten Bilanzen haben wir heute hierher mit in die Kirche gebracht. Dankbar für die Haben-Seite. Für Gott, der uns vieles auch 2018 wieder geschenkt hat. Wir neigen ja manchmal dazu, die Habenseite zu rasch abzuhandeln, um uns dann umso hingebungsvoller den Verlusten zu widmen. Nach dem schwäbischen Motto: Nicht geschimpft, ist schon genug gelobt. Aber bleiben wir doch zunächst beim Haben. Fragen uns: Wofür bin ich an diesem Abend dankbar? Ich bin sicher, dass niemand eine leere Haben-Seite vorzuweisen hat. Danken wir Gott dafür! Dann entdecken wir: Gott war uns ganz nahe in diesem Jahr 2018. Er hat uns wieder beschenkt.

Aber genauso breiten wir vor Gott die Verluste aus: Klagen und weinen vor ihm. Gerade, dort wo wir stark geliebt, hingebungsvoll uns eingesetzt, mutig uns engagiert haben – da tun Verluste besonders weh. Wenn wir um einen Verstorbenen weinen, zeigt das: Wir haben ihn geliebt. Auch damit kommen wir zu Gott.

Jetzt haben wir vorhin in der Lesung ein Wort Gottes gehört, das beide Erfahrungen aufnimmt. Die Verlässlichkeit und Treue Gottes ebenso wie die Vergänglichkeit unseres Lebens. Beide Erfahrungen, die zu einer Jahresbilanz gehören.

Zunächst: Verlässlich ist Gott da. Seine Hilfe steht allen Völkern zur Seite – bis an die fernsten Inseln. Er ist ein Licht für die Völker. Sein Arm, also seine Macht, kommt jedem Menschen nahe. Unwiderruflich. Unzerstörbar.

Wenn wir auf 2018 zurückblicken mit der Frage: Wofür bin ich heute Abend dankbar? Dann entdecken wir die Spuren von Gottes Licht, von Gottes Hilfe, von Gottes Treue in unserem Leben. Dann macht uns das zugleich Mut, voll Zuversicht ins neue Jahr zu gehen.

Diese Zusagen Gottes rahmen in unserem Bibelwort die andere Seite der Jahresbilanz ein. Die Erfahrung des Verlustes und der Vergänglichkeit. „Hebt eure Augen zum Himmel und schaut unten auf die Erde: Denn der Himmel wird wie ein Rauch vergehen und die Erde wie ein Kleid zerfallen, und die darauf wohnen, werden wie Mücken dahinsterben.“

Das bedeutet: Nichts ist in dieser Welt stabil und unerschütterlich. Es gibt die Situationen, wo wir denken: Der Himmel stürzt über uns ein, der Boden gerät ins Wanken, das Leben verfliegt. Manchem ging es vorgestern vermutlich so, als er hier in die Kirche zum Konzert wollte und plötzlich einem brennenden Haus, einer schrecklichen Tragödie gegenüberstand. Ja – solche Situationen gab es 2018 und es wird sie – leider – auch 2019 geben. Wo Fragen aufkommen, auf die es keine raschen Antworten gibt. Wo wir uns hilflos fühlen.

Doch diese Verlust-Erfahrungen sind hier eingerahmt durch die Zusagen Gottes: „Meine Rettung bleibt ewiglich und meine Treue wird nicht zerbrechen!“ Gott hat uns auch bei der Verlust-Seite 2018 nicht alleine gelassen. Und er wird es 2019 ebensowenig tun.

Nun kann man fragen: Wo zeigte sich diese Treue Gottes gerade in den schweren Situationen? Schon darin, dass ich weitergehen konnte. Dass der schwankende Boden doch getragen hat. Dass mir Menschen zur Seite gestanden sind. Dass neue Perspektiven sich öffneten. Der Schmerz über den Verlust bleibt – doch wir konnten damit leben.

Und wer gerade erst so eine Krise erlebt hat: Einfach den nächsten Tag leben. Nicht fragen, was morgen oder nächste Woche ist. Einen Schritt vor den anderen setzen. Und uns bei diesen Schritten gegenseitig nicht alleine lassen.

So können wir dieses Jahr 2018 abschließen: Dankbar das Haben bilanzieren. Dadurch unser Vertrauen auf Gott stärken. Vor Gott die Verluste klagen. Ihn um seine Kraft bitten für den nächsten Schritt. Voll Vertrauen aus 2018 herausgehen und voll Vertrauen ins Jahr 2019 hinein. Amen.