31. Dezember 2019 - Altjahresabend


Predigt zu Hebräer 13,8-9b

Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit. Lasst euch nicht durch mancherlei und fremde Lehren umtreiben, denn es ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht durch Gnade.

Liebe Gemeinde,

ein Erlebnis in einem Skiurlaub vor vielen Jahren: Meine Stahlkanten an den Skiern waren wohl nicht mehr die besten und die Piste war ziemlich abgefahren und vereist. Plötzlich verlor ich den Halt, weil meine Ski keinen Griff mehr hatten. Rutschte, ohne etwas dran ändern zu können auf eine Skikurs-Gruppe zu, die sich im Schreck über meine damals vermutlich nur 80 Kilo, die herannahten, panisch auflöste. Gut – irgendwann kam ich wieder zum Halten. Sogar noch bevor ich die ersten Opfer im Skikurs produziert habe.

Diese Rutschpartie, bei der ich mich irgendwie hilflos fühlte – der Hang relativ steil und keine Möglichkeit, das Ganze irgendwie zu stoppen oder zu steuern -, ist für mich Symbol geworden für manche Lebensabschnitte. Man hat das Gefühl, alles kommt ins Rutschen, alle Bemühungen, zu bremsen oder zu steuern, sind vergeblich.

In unserem Leben ist es natürlich nicht der steile Skihang, sondern die vergehende Zeit, die dieses Gefühl verursacht. Je älter wir werden, desto steiler scheint dieser Hang zu werden, die Zeit rascher zu vergehen, die Veränderungen in immer dichterer Taktfolge über uns hinwegzugehen.

Natürlich kann ein steiler Abfahrtshang auch Spaß machen – wenn man auf seinen Ski sicher steht und die Geschwindigkeit nutzen kann. Und so hat ja die vergehende Zeit und die Veränderungen, die sie mit sich bringt, durchaus Vorteile. Auch schwierige Lebensabschnitte vergehen mit der Zeit – jeder der nach einer Verletzung oder einer Operation Wochen abwarten musste, bis alles verheilt war, war nicht unglücklich über die Zeit, die vergeht. Und die Entwicklungen und Veränderungen nutzen wir ja. Wer kann sich noch vorstellen, wie man gelebt hat, als es noch kein Smartphone gab – das erste I-Phone kam ja in Deutschland erst im Herbst 2007 in den Handel.

Dennoch: Es kann uns am steilen Hang der Zeit gehen, wie mir damals beim Skifahren: Man verliert das Gleichgewicht und den Halt. Kommt ins Rutschen. Kann die eigene Fahrt nicht mehr kontrollieren. Plötzlich ist wieder ein Jahr um. Mit dem zunehmenden Alter kommen die Beschwerden und Krankheiten. Erlebt es, dass man immer häufiger zu Trauerfeiern gehen muss, weil der eigene Freundeskreis so langsam sich von dieser Welt verabschiedet. Es fällt immer schwerer, mit den technischen und gesellschaftlichen Entwicklungen Schritt zu halten. Der Eindruck verdichtet sich: Unsere Zeit wird schnelllebiger – ob das real so ist oder nur gefühlt, kann ich nicht beurteilen.

Dann ist die Frage: Wer oder was gibt uns an diesem Steilhang der Zeit Halt? Stabilisiert unser Abwärtsgleiten in der Zeit? Fängt uns auf, wenn wir aus dem Tritt kommen und fallen?

Interessanterweise sind nicht erst wir es, die es so empfinden: Die Zeit vergeht immer rascher. Wir verändern uns mit der Zeit. Gehen dem Ende des Lebens entgegen. Sind dieser Vergänglichkeit ausgeliefert.

Wir haben vorhin die Lesung aus dem Hebräerbrief gehört. Diese Gemeinde, bei der zum Zeitdruck noch der Druck einer feindlichen Umwelt kam. Die verunsichert wurde durch alle möglichen Meinungen und Ansichten. Die griechische Stadt bot auf ihrem Marktplatz vermutlich ein solches Gemisch aus Informationen, Gesprächsfetzen, Nachrichten, Gerüchte und fake news wie uns heute unsere sozialen Netzwerke im Internet. Wie leicht lassen sich Empörungen zum Shitstorm steigern – damals in Echtzeit, heute digital. Da weist der Autor auf den hin, der im Durcheinander Halt gibt: Jesus Christus – gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.

Jesus Christus gestern: Beständig und zuverlässig war Jesus da! Hat die Abfahrt eures Lebens am Steilhang der Zeit begleitet. Blickt doch zurück. So ein letzter Tag eines Jahres wie heute bietet ja Gelegenheit zum Rückblick. In der Skifahrersprache: Gewissermaßen den Einkehrschwung einlegen heute Abend. Zurückblicken auf die zurückgelegte Strecke. Mit der Frage: Wofür bin ich dankbar? Welche Sorgen habe ich mir am Jahresanfang gemacht – was ist daraus geworden? Wo bin ich behütet und bewahrt geblieben?

Wer so dankbar die Begleitung Gottes gestern entdeckt, der vertraut: So ist Jesus heute da. An diesem Übergang zwischen den Jahren. Die scheinbar immer rascher vergehende Zeit ändert eines nicht: Wir leben immer im Heute, in der Gegenwart. Jesus Christus heute: Er hält und trägt uns. In all der Informationsflut, in all den Aufgeregtheiten, Chats, Gerüchten, Fake News macht er unser Herz fest durch Gnade. Durch seine Zuwendung. Er der stärker ist als der Tod, steht an unserer Seite. Gibt uns bei dieser Abfahrt im Hang der Zeit Halt. Stabilität. Jederzeit können wir mit ihm reden – beten. Egal, wer oder was uns verunsichert.

Wer bewusst mit Christus im hier und heute lebt, der kann aus dem ständigen Trubel ausbrechen. Kann Meinungen hinterfragen, Informationen prüfen, muss nicht von jedem Gerücht sich beunruhigen lassen. Wie gesagt: Der Einkehrschwung ist bei der Abfahrt des Lebens so wichtig wie bei der auf der Skipiste.

Wer auf die Begleitung durch Jesus Christus gestern zurückblickt. Seiner Nähe heute vertraut, der kann auch zuversichtlich in die Zukunft blicken. Jesus Christus – derselbe auch in Ewigkeit!

Der Schreiber blickt nicht nur auf morgen. Naheliegender hätte der Satz ja gelautet: Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch morgen. Aber es heißt bewusst: Derselbe auch in Ewigkeit. Alles, was kommt, morgen, übermorgen, an jedem Tag des Jahres 2020 bleibt im Horizont der Ewigkeit. Also des Lebens, das nicht vergeht. Das stärker ist als der Tod. In das der auferstandene Christus uns führt, wenn die Abfahrt des Lebens in dieser Welt endet. Egal, was kommt – das Ziel unserer Fahrt ist Gottes Ewigkeit. Da läuft der Steilhang der Zeit aus. Zeit spielt dann keine Rolle mehr.

Aber auch hier ist es wie beim Skifahren: Viele Unfälle passieren ja kurz vor dem Ziel im Tal, weil man da unkonzentriert wird. Deshalb: Trotz der Perspektive der Ewigkeit jeden Tag ernst nehmen in diesem neuen Jahr. Bewusst hineingehen. Sagen: Jesus Christus heute. Er ist für mich da und macht durch seine Zuwendung, seine Nähe, seine Gnade, mein Herz fest. Fährt mit mir auf dem Hang der Zeit. Fängt mich auf, wenn ich falle. Hilft beim Aufstehen.

So fahren wir auf dem immer steiler werdenden Hang der Zeit. Gleiten ins neue Jahr hinüber. Aber wir waren begleitet von Jesus Christus gestern. Er ist da heute. Er gibt uns Stabilität und fängt uns auf im neuen Jahr. Bis zur Ewigkeit. Amen.