31. Juli 2016 - 10. Sonntag nach dem Dreieinigkeitsfest


Predigt zu Römer 11,25-32

Liebe Gemeinde!

Wir leben in Zeiten der Verunsicherung. Spätestens seit den Anschlägen im Regionalzug bei Würzburg, im Olympiaeinkaufszentrum in München, beim Musikfestival in Ansbach wird uns nochmals deutlich, was vorher im Grunde schon klar war: Es gibt auf unserer Welt nirgends und nie absolute Sicherheit. Man könnte nun zur Tagesordnung übergehen und sagen: Trotz allem – die Gefahr, bei einem Verkehrsunfall zu Schaden zu kommen, ist ungleich höher als die, dass ich Opfer eines Terroraktes werde. Die Gefahr von Rauchen oder Bewegungsmangel ist größer als die des sogenannten Islamischen Staates. Aber so sind wir Menschen nicht. Sondern unsere Furcht treibt uns an, Grenzen zu ziehen. Ich werde misstrauisch, schaue einen Menschen, der fremdländisch aussieht, plötzlich kritischer an. Ich bin in öffentlichen Verkehrsmitteln gehemmter. Man wird anfällig für radikale Parolen: Härtere Strafen. Mehr Überwachung. Schnellere Abschiebung. Bessere Grenzkontrollen – obwohl das Beispiel Frankreich zeigt, dass das letztlich nichts hilft. Letztlich ist es gerade das, was die Terroristen erreichen wollen: Ängste wecken, Misstrauen, politische Radikalisierung.

Wir Menschen sind so strukturiert: Auf Verunsicherung reagieren wir mit Abgrenzung und Abwehr. Versuchen dadurch eine Sicherheit zurückzugewinnen, die es gar nicht gibt, nie geben kann. Wir verhärten uns – werden hart nach außen. Können Menschen nicht mehr offen begegnen.

Mit diesen Verhärtungen hatte bereits der Apostel Paulus in seiner Gemeinde in Rom zu tun. Deshalb schreibt er den vorher gehörten Abschnitt. Die Gemeinde war unter Druck des Staates. Und verunsichert dadurch, dass Juden den Glauben an Jesus als Christus ablehnten. Also Jesus nicht für den versprochenen Gesalbten, den Retter Israels hielten. Aber die Christen in Rom hätten die Unterstützung brauchen können. Denn es gab damals viel mehr Juden als Christen im römischen Reich. Zudem war der jüdische Glaube von den Römern geduldet – der christliche nicht. Deshalb hätte es das Leben der Christen sehr erleichtert, wenn die Juden Christen geworden wären. Warum aber geschieht das nicht?

Paulus erklärt das mit Verhärtungen auf beiden Seiten – Verstockung wie Luther das hier übersetzt. Das bedeutet: Man bleibt stecken auf dem Weg zueinander. Die Juden erkennen die Bedeutung Jesu Christi nicht. Und die Christen halten sich selbst für so klug, hochmütig auf Israel zu blicken.

Deshalb erklärt Paulus seiner Gemeinde das Geheimnis Gottes. Geheimnis bedeutet hier: Gottes Zukunftsplan mit den Menschen und mit der Gemeinde. Diesen Plan zeigt Gott dem Apostel.

Wie sieht dieser Plan aus? Nur weil Israel zunächst nicht an Jesus als Sohn Gottes glaubte, brachten die ersten Jünger die Botschaft Jesu über die Grenzen Israels hinaus zu den Völkern. Von Petrus und Philippus lesen wir das, vor allem aber von Paulus und seinen Begleitern. Wenn sie in Israel auf offene Ohren gestoßen wären, hätten sie nie den Blick auf alle Völker gerichtet. Der Gott Israels hat sich den Völkern gegenüber geöffnet durch die gute Nachricht von Jesus. Die Verhärtungen der Völker aufgelöst. Die Liebe Gottes gilt der ganzen Welt. Das nennt Paulus hier Gottes Erbarmen – über alle Grenzen hinweg.

Weil das so ist, bleibt Gottes Liebe zu Israel bestehen. Trotzdem Israel nicht Jesus als Christus akzeptiert. „Im Blick auf das Evangelium sind sie zwar Feinde um euretwillen, aber im Blick auf die Erwählung sind sie Geliebte um der Väter willen. Denn Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen.“

Die Völker und Israel sind in der Liebe Gottes zu seinem Volk und zu seiner Welt verbunden. Sein Erbarmen gilt den Menschen, die so oft verhärtet sind. Ob in Israel oder bei den Völkern. „Denn Gott hat sie alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme.“

Deshalb führt er Israel und die Völker in seine neue Welt. Die Fülle der Heiden und ganz Israel werden gerettet. Wie das geschehen wird, bleibt Gottes Geheimnis und Gottes Sache. Ob Israel zum Glauben an Jesus als Christus kommen wird oder ob unser einmal wiederkommender Christus zugleich der erhoffte Messias Israels sein wird, wissen wir nicht. „Die Christen hoffen auf den wiederkommenden Herrn, die Juden hoffen auf den kommenden Herrn – und vielleicht haben beide das gleiche Gesicht.“ Meinte einst der jüdische Philosoph Schalom-ben-Chorin.

Israel und die Völker, Christen und Juden gehören zusammen als die, die Gottes Erbarmen empfangen. Bei denen Gottes Liebe Verhärtungen auflöst, die Verstockung wegnimmt, sie auf dem Weg zueinander nicht steckenbleiben. Die offen und lernbereit einander begegnen.

Was bedeutet das in einer immer mehr verhärteten Welt? Als Menschen, die verunsichert sind? Zunächst: Uns selbst nicht verhärten lassen. Einer vermeintlichen Sicherheit und einfachen Lösungsmustern auf den Leim gehen. Sicherheit gibt es nicht in dieser Welt. Weder vor Terror noch vor Krankheiten noch vor Unfällen. Es gibt nur Geborgenheit: Bei dem Gott, der uns liebt. Der offen ist für uns. Der uns bei sich haben will.

Dann können wir ebenso offen auf andere zugehen. Ihnen begegnen. Unsere Unsicherheiten auffangen lassen von Gott. Damit uns nicht von Terrorangst niederzwingen lassen. Dadurch schaden wir den Terroristen mehr als durch Panikreaktionen. Weil wir dadurch den geflüchteten Menschen bei uns eine Perspektive geben, die sie nicht in die Hände von Radikalen fallen lässt. Weil wir nach wie vor die offene und freizügige Gesellschaft leben, die die Terroristen eigentlich zerstören wollen.

Auch das können wir von Israel lernen: die Gelassenheit angesichts der Gefahr. Wie rasch dort das Leben nach Anschlägen weitergeht. Ich weiß noch bei einer Israel-Reise vor vielen Jahren. Als mir an einem der ersten Abende bewusst wurde, wie nahe wir arabischen Milizen und palästinensischen Terrorgruppen waren. Aber unser Reiseleiter meinte: Das ist normal – wir passen schon auf Sie auf! Wenn Sie gestern einen Knall hörten – das war eine Bombe, aber die wurde rechtzeitig entschärft. Machen Sie sich keine Sorgen!

Doch diese Gelassenheit geht auch in Israel verloren. Weil Hardliner auf beiden Seiten sich durch schrille Töne ihre Macht sichern. Hier können wir Deutschen sicher keine Ratschläge geben – aber eine Offenheit von Israelis und Palästinensern füreinander statt zunehmender Verhärtung würde viel zum Frieden beitragen.

Christen und Juden sind gemeinsam Weltmeister im Hoffen – so formulierte es der jüdische Gelehrte Pinchas Lapide. Weil wir gemeinsam auf die neue Welt hoffen, die Gott schafft. Wo Israel und die Völker in Gottes Frieden sein werden. Das gibt uns Hoffnung, die allen Verhärtungen und Verstockungen entgegenwirkt. So wie es im bekannten Gedicht Wolf Biermanns heißt:

Du, lass dich nicht verhärten
in dieser harten Zeit.
Die allzu hart sind, brechen,
die allzu spitz sind, stechen
und brechen ab sogleich.

Du, lass dich nicht erschrecken
in dieser Schreckenszeit.
Das woll‘n sie doch bezwecken,
dass wir die Waffen strecken
schon vor dem großen Streit.

Du, lass dich nicht verbrauchen,
gebrauche deine Zeit.
Du kannst nicht untertauchen,
du brauchst uns und wir brauchen
grad deine Heiterkeit. Amen.