31. März 2019 - Laetare


Predigt zu Johannes 6,47-51

Liebe Gemeinde!

Wann hatten wir das letzte Mal Hunger? Die meisten von uns, die nicht mehr die Kriegs- und Nachkriegszeit erlebten, vermutlich noch gar nie richtig. Weil das Hungergefühl, das sich manchmal nach einigen Stunden ohne Essen bei uns einstellt, ja eigentlich kein Hunger ist. Keine Sorge ums Überleben. Denn die Gefahr des Verhungerns besteht bei uns in unseren Breitengraden nicht.

Für die Menschen der Antike war das anders. Sie waren davon abhängig, dass ihre Felder genügend Ertrag brachten. Einmal ungünstige Witterung, eine Missernte und es wurde lebensgefährlich. Deshalb ist Hunger immer zugleich ein Symbol dafür: Ich bin auf viele Dinge angewiesen, die ich zum Leben brauche.

Das wird uns deutlich, wenn wir ein Kind sehen: Sie ist darauf angewiesen, dass Vater und Mutter ihr geben, was sie zum Leben braucht. Dazu gehört natürlich ganz elementar der Hunger und der Durst – Nahrung und Trinken. Sonst schreit sie rasch. Dazu gehört selbstverständlich noch mehr: Geborgenheit – Schutz und Hilfe, Liebe, Wärme, Anerkennung, Ermutigung, Trost, wenn sie traurig ist.

Und im Grunde gilt das so ein Leben lang. Natürlich verändern sich unsere Grundbedürfnisse im Laufe des Erwachsen-Werdens. Hunger und Durst spielen wie gesagt nicht mehr die Rolle in unserem Land und zu unserer Zeit. Dafür nimmt der Hunger nach Sicherheit zu – obwohl statistisch gesehen unser Leben immer sicherer wird, die Kriminalität faktisch zurückgeht, das Unfallrisiko trotz steigenden Verkehrs immer geringer wird, dennoch haben wir immer mehr Angst. Angeheizt durch Sensationsjournalismus, einer ständigen Alarmstimmung durch aufgeregte Postings in sozialen Netzwerken, durch politische Scharfmacher, die davon zu profitieren hoffen. Dann soll alles Fremde ausgewiesen und um meinen Bereich eine schützende Mauer gezogen werden. Und durch den Verkehr bewege ich mich am liebsten mit einem SUV. Dabei ist dieser Hunger nach Sicherheit nicht zu stillen. Weil es nie absolute Sicherheit im Leben geben wird.

Oder der Durst nach Anerkennung – im Kirchendeutsch: Wertschätzung. Da bin ich wie ein trockener Schwamm, der gierig jedes positive Signal aufsaugt. Sich über jeden Like-Daumen auf Facebook freut. Andererseits rasch gekränkt, wenn es ausbleibt oder gar etwas Kritisches geäußert wird. Auch das führt – zumindest bei mir – zu einer ständigen Alarmstimmung. Es gibt halt kein Leben, wo immer alles „im grünen Bereich“ ist. Wo wir gewissermaßen auf einer Welle der Anerkennung surfen.

Wir sind in dieser Hinsicht unersättlich und gierig. Unser Hunger und Durst nach Anerkennung und Sicherheit können nicht gestillt werden. Deshalb suchen wir das bei Gott – das Bedürfnis nach Sicherheit und Anerkennung ist eine Wurzel jeder Religion.

Damit sind wir ganz nahe bei den Zuhörern Jesu im eben gehörten Bibelwort. Sie erwarten die Stillung ihres Hungers von Jesus. Dabei haben sie oft erlebt, wie Gott tatsächlich ernährt und versorgt: Jesus hatte zuvor 5000 Menschen mit fünf Broten und zwei Fischen ernährt. Sie haben sich erinnert, wie die Israeliten in der Wüste beim Auszug aus Ägypten vor dem Verhungern bewahrt geblieben sind durch das Brot vom Himmel, das Manna.

Aber das konnte die Menschen nicht so sättigen, dass sie zufrieden waren. Die Israeliten in der Wüste murrten immer wieder gegen Gott und gegen Mose. Die Zuhörer Jesu verlangten von ihm Brot, das ihren Hunger für immer stillt. Sie wollen immer mehr.

Und wir? Gott versorgt uns Tag für Tag. Eigentlich haben wir auf dieser Erde so viele Lebensmittel, dass niemand hungern müsste. Warum schaffen wir es nicht, diese gerecht zu verteilen? Zugleich gibt Gott uns Schutz und Geborgenheit – wie oft ist unser Leben schon bewahrt geblieben. Warum verlangen wir trotzdem immer mehr an Sicherheit und registrieren nicht dankbar, wo wir Bewahrung erlebt haben? Es ist doch bei niemand von uns selbstverständlich, dass wir noch wohlbehalten hier sitzen. Gott schenkt uns so viel, das uns zeigt: Dein Leben ist wertvoll! Warum trotzdem diese Gier nach noch mehr Anerkennung? Noch mehr Likes?

Diesen Wettlauf um immer mehr Sättigung kann selbst Jesus nicht gewinnen – nein: er will ihn nicht gewinnen. Sondern er bietet seinen Zuhörern ein anderes Brot an. Er stellt ihr Leben mit seinem Hunger und Durst nach mehr als nur Brot und Wasser gewissermaßen in einen neuen Rahmen. Er sagt: Ich bin das Brot des Lebens. Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel gekommen ist. Wer von diesem Brot isst, wird in Ewigkeit leben. Wer davon isst, stirbt nicht.

Weil Jesus ein Leben gibt, das mit dem Tod nicht endet. Er kommt vom Himmel und gibt sein Leben hin. Das bedenken wir jetzt in der Passionszeit. Er besiegt den Tod – das feiern wir in wenigen Wochen zu Ostern. So führt er auch uns am Ende unseres irdischen Lebens in ein neues Leben. Die enge Gemeinschaft mit Jesus – hier mit Essen und Trinken beschrieben – wird auch im Tod nicht aufgelöst.

Wenn wir diese Lebensperspektive haben, verliert unser Hunger nach Sicherheit und Anerkennung seine Macht. Weil beide letztlich aus der Angst vor Tod und Vergänglichkeit kommen. Wer vertraut, dass der Tod uns nicht schaden kann, der braucht keine absolute Sicherheit mehr – weil seine Geborgenheit bei Gott nicht endet. Wer weiß, dass das letzte Urteil über mein Leben von Gott gesprochen wird und nicht von Menschen, die mich anerkennen oder auch nicht, lebt nicht von seinen Likes und Streicheleinheiten, sondern von Gottes Nähe. Diese Perspektive über die Grenzen unseres Lebens hinaus, verleiht uns Gelassenheit. Wir können uns an dem freuen, was unseren Hunger stillt – vorläufig: An Essen und Trinken, an Erfahrungen der Geborgenheit, an kleinen Zeichen der Anerkennung. Aber nicht nach diesen gieren, von ihnen abhängig sein. Sondern von Jesus, der sagt: Ich bin das Brot des Lebens. Amen.