31. Oktober 2017 - Reformation


Predigttext (Matthäus 10,26b-33) und Predigt

Denn es ist nichts verborgen, was nicht offenbar wird, und nichts geheim, was man nicht wissen wird. Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das verkündigt auf den Dächern.

Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können; fürchtet viel mehr den, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle. Verkauft man nicht zwei Sperlinge für einen Groschen? Dennoch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater. Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Haupt alle gezählt. Darum fürchtet euch nicht; ihr seid kostbarer als viele Sperlinge.

Wer nun mich bekennt vor den Menschen, zu dem will ich mich auch bekennen vor meinem Vater im Himmel. Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem Vater im Himmel.

Liebe Gemeinde!

Meine erste Skifreizeit als Zwölfjähriger ist mir noch in traumatischer Erinnerung. Schon das Skifahren-Lernen gestaltete sich schwierig. Und am vorletzten Tag sollten auch wir Anfänger mit dem Sessellift auf den Berg fahren. Nun war ich damals und bin auch heute noch ein Mensch mit Höhenangst. Der Sessellift war mir deshalb suspekt. Aber die erste Sektion im Doppelsessel mit einem der Mitarbeiter an der Seite schaffte ich. Nun mussten wir in einen Einzelsessel umsteigen. Da wurde ich panisch. Dass das für das Mitarbeiterteam eine schwierige Situation war, weiß ich heute. Man muss dreißig Jugendliche auf einen Berg bringen und da stellt sich plötzlich einer quer. Zunächst die Frage ans Liftpersonal, ob der parallellaufende Doppelsessellift noch starten würde. Nein, heute läuft nur der Einzelsessel. Dann viel gutes Zureden, dass das doch alles gar nicht so schwer sei. Aber das erreichte mich nicht. Schließlich wurde die fromme Keule ausgepackt – man war ja als CVJM unterwegs: „Glaubst du eigentlich nicht an unseren Heiland? Glaubst du, dass der dich abstürzen lassen würde?“ Dadurch fühlte ich mich nur noch schlechter. Voll Angst, die Blamage vor den anderen, und der Glaube auch noch zu schwach. Wie gesagt – heute verstehe ich diese Reaktionen der Mitarbeiter - bevor einer mich wieder herunterbrachte zur Talstation und ins Freizeitheim.

In den folgenden Jahren lernte ich das Skifahren und heute setze ich mich – wenn auch manchmal mit flauem Gefühl – in jeden Sessellift. Aber damals hatte ich in meinem Glauben eine Spannung zu bewältigen: Einerseits meine Ängste, andererseits das Wissen: Ich müsste dem Gott vertrauen, der mich festhält und nicht abstürzen lässt.

Heute weiß ich: Angst zu haben ist normal und eine gute Eigenschaft. Sie bewahrt mich vor gefährlichen Situationen. Schwierig wird das, wenn Angst sich zur Panik auswächst, die mich lähmt. Doch Panik kann man nicht irgendwie vom Kopf her steuern. Weder mit technischen Argumenten für die Sicherheit eines Sesselliftes noch mit frommen Hinweisen auf Gottes Hilfe.

Wir müssen mit Angst leben lernen. Und mit unseren Ängsten zu Gott kommen. Nicht denken, dass wir irgendwie minderwertig wären mit Angst. Letztlich standen die Ängste des jungen Martin Luther am Anfang der Reformation. Die Angst vor dem Gewitter trieb ihn ins Kloster, die Angst vor Gottes Ansprüchen, denen er nicht gerecht werden konnte, trieb ihn zu seiner Erkenntnis des liebenden Gottes.

Auch die Jünger Jesu wurden oft von Angst oder gar Panik heimgesucht. Deshalb haben wir eben ein Wort Jesu gehört an seine ängstlichen Jünger. Da verweist er sie auf Gottes Fürsorge. Gott ist uns nahe. Gott sorgt für die Sperlinge, selbst wenn sie abstürzen. Ist uns so nahe, dass er unsere Haare zählen kann. Bei mir hat er es da zwar einfacher als bei anderen – aber entscheidend ist: Gott ist dem Geschöpf näher als es sich selbst sein kann – wie Martin Luther sagte.

Gott hält uns fest, sogar über die Grenzen unseres Lebens. Menschen, die uns schaden können, haben daher nur begrenzte Macht, sagt Jesus. Dieser Fürsorge Gottes, die stärker ist als alle und alles, das uns Angst macht, können wir uns mit unseren Ängsten anvertrauen. Sie sind dann nicht weg, aber ihre Macht ist begrenzt. Schon dadurch, dass ich mir meine Ängste eingestehen kann ohne Angst vor Blamage.

Nicht ich muss ein Held sein, um zu Gott zu kommen. Sondern Gott kommt zu mir trotz meiner Schwächen – oder gerade wegen meiner Schwächen. Bei unseren ökumenischen Info-Abenden zu Jahresbeginn sagte ich zum evangelischen Glauben: Ich bin gerne evangelisch, weil das die Form des Christentums ist, die am stärksten mit unserer menschlichen Schwachheit rechnet. Gott kommt zu uns. Unser Leben steht in seiner Hand.

Doch diesen tragenden Grund unseres Lebens sollen wir anderen mitteilen. Das was uns Jesus bedeutet, leben wir im Geheimen, im Inneren. Aber es soll nicht geheim bleiben. Die anderen sollen es wissen.

Wir feiern heute 500 Jahre Thesenanschlag in Wittenberg, weil Martin Luther das nicht für sich behalten hat, was er als tragenden Grund seines Lebens erfahren hat – die Zuwendung Gottes in Christus.

Und auch wir sollen das nicht für uns behalten. Ich frage mich schon, warum wir so gerne von unseren guten Erfahrungen mit dem Thermomix oder einem Putzmittel erzählen, aber so wenig von unseren guten Erfahrungen mit Gott.

Manchmal klagen Christen, dass Muslime zu stark wahrgenommen werden in unserer Gesellschaft. Ein Erlebnis hat mir klargemacht, warum das so ist. Vor Jahren in einer siebten Realschulklasse habe ich das Thema Islam unterrichtet. Nach der Pause kamen die nicht evangelischen Schüler wieder zurück ins Klassenzimmer. Ein türkischstämmiger Schüler schaute meinen Tafelanschrieb interessiert an. Ich fragte ihn: Hättest du nächste Stunde Lust, Fragen deiner Klassenkameraden zum Thema Islam zu beantworten? Er sagte sofort zu und meisterte das souverän. Da fragte ich mich: Würden unsere Konfirmanden einer Gruppe muslimischer Jugendlicher auch so Rede und Antwort stehen können, was christlicher Glaube ist? Nicht der Islam ist zu stark in Deutschland, sondern die Christen sind zu verschämt und zu versteckt.

Nur wer selbstbewusst das nach außen vertritt, was er glaubt, kann auch mit anderen Religionen in Dialog treten. Deshalb: 500 Jahre Thesenanschlag sind kein Grund, nostalgisch zurück zu blicken. Sondern sich darauf zu besinnen: Das was uns trägt, möglichst vielen nahe zu bringen. Selbstbewusst evangelisch sein. Denn so sagt Jesus: „Wer mich bekennt vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater.“ Amen.