4. Juni 2017 - Pfingstsonntag


Predigttext (1.Mose 11,1-9) und Predigt

Es hatte aber alle Welt einerlei Zunge und Sprache. Als sie nun von Osten aufbrachen, fanden sie eine Ebene im Lande Schinar und wohnten daselbst. Und sie sprachen untereinander: Wohlauf, lasst uns Ziegel streichen und brennen! - und nahmen Ziegel als Stein und Erdharz als Mörtel und sprachen: Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, dass wir uns einen Namen machen; denn wir werden sonst zerstreut über die ganze Erde.

Da fuhr der HERR hernieder, dass er sähe die Stadt und den Turm, die die Menschenkinder bauten. Und der HERR sprach: Siehe, es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen und dies ist der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun. Wohlauf, lasst uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des andern Sprache verstehe!

So zerstreute sie der HERR von dort über die ganze Erde, dass sie aufhören mussten, die Stadt zu bauen. Daher heißt ihr Name Babel, weil der HERR daselbst verwirrt hat aller Welt Sprache und sie von dort zerstreut hat über die ganze Erde.

Liebe Gemeinde!

Als kürzlich ein Schüler meinte: Ich muss noch Englisch lernen! Antwortete ich: Wieso? Großbritannien macht den Brexit und in den USA baut Donald Trump die Mauer – was brauchen wir noch Englisch? Ebenso wenig Französisch – wenn Macron scheitert und Le Pen den Grenzen zu macht.

Ja merkwürdig: Wir lernen immer mehr Sprachen und können uns problemlos mit Menschen anderer Sprache verständigen – aber dennoch scheint es in unserer Welt immer mehr Grenzen und Abgrenzungen geben. Nach dem alten Motto aus dem Asterix-Comic: „Ich habe ja nichts gegen Ausländer – aber diese Ausländer sind nicht von hier!“ Ja – es scheint die Zeit der Parolen zu sein: We’ll make America great again! "Britain first!" „Au nom di peuple“. Abgrenzung scheint Sicherheit zu geben.

Kein neues Phänomen, sondern bereits im alten Babylonien so üblich. Wir haben es gerade gehört: Eine Sprache hatten sie. Zugleich die Angst, zerstreut zu werden. Deshalb bauten sie einen Turm, der bis in den Himmel reichen sollte. Dass sie sich damit einen Namen machen könnten. Die Menschen damals in Babel vertrauten auf die Stärke ihrer eigenen Technik – sie brauchten nicht mehr Steine aus am Steinbruch, sondern konnten sich ihre Ziegel brennen. Keine Grenze schien ihre Macht zu haben. So sollte die Nation groß werden, Sicherheit vermitteln.

Wenn der Mensch sich und seine Ziele großmachen will, wenn der Mensch selber Sicherheit schaffen möchte – dann begibt er sich in die Rolle Gottes. Der Turm muss hier bis in den Himmel ragen, Anführer lassen sich gottgleich verehren – ob es ägyptische Pharaonen, römische Kaiser, faschistische Führer oder nordkoreanische Diktatoren sind. Und auch die Präsidialdemokratien Frankreichs, der USA und neuerdings der Türkei scheinen solche Tendenzen zu haben.

Da ist es tröstlich, dass das nicht funktioniert. Der Mensch kann sich nicht an die Stelle Gottes setzen. Das wird hier deutlich, wenn die Menschen zwar einen Turm bis in den Himmel bauen wollen – aber Gott herunterkommen muss, um überhaupt zu sehen, was die Menschen da treiben. Der Mensch kann nicht Gott sein: weder sich selbst verherrlichen noch Allmacht beanspruchen noch selbst absolute Sicherheit schaffen.

Gott selbst lässt das gigantische Projekt scheitern. Statt „Make Babel great again“ kommt die Sprachverwirrung. Die Menschen verstehen sich nicht mehr, die Einheitsgesellschaft zerbricht. Das Leben wird pluraler, vielfältiger: Sie zerstreuen sich in alle Länder. Genau das, was die Menschen in Babel eigentlich verhindern wollten, passiert: Sie können sich nicht abgrenzen und abschotten, sondern gehen auseinander.

Eine Erfahrung, die seitdem alle machen, die gigantomanisch ihre Allmachtsphantasien ausleben wollen. Es gelingt nicht. Alle Gewaltherrschaften in dieser Welt sind zerbrochen – und nur wenige so friedlich wie die in der DDR im Herbst 1989. Die meisten nach schrecklichen Kriegen und Gewalttaten.

Was tritt an diese Stelle? Vielfalt, unterschiedliche Sprachen, Kulturen, Lebensweisen, Gesellschaften. Das ist die gute Ordnung Gottes, weil Vielfalt und Pluralität der beste Schutz ist vor Diktatoren und Gewaltherrschern. Deshalb fährt Gott seit Babel bis heute immer wieder nieder und zerstreut.

Aber warum bleiben dann diese Visionen von Einheitskultur, von Größe, von Stärke, von Macht so attraktiv bis heute? Warum findet ein Erdogan, ein Putin, ein Trump, eine Le Pen so viele Anhänger? Warum schafft es eine „Alternative für Deutschland“ ohne klares Programm auf Anhieb in die Parlamente?

Weil wir Menschen die Unsicherheit nicht aushalten, die eine plurale Welt mit sich bringt. Weil die gegenseitige Verständigung so viel Mühe macht – über Sprachen, Kulturen, Lebensstile hinweg – manchmal reicht sogar ein unterschiedlicher Musikgeschmack, um Streit zu bekommen. Fremdsprachen lernen ist mühsam und Verständnis für andere Kulturen aufzubringen noch mehr. Da ist der Turm von Babel bis heute eine Versuchung.

Aber Gottes Antwort auf diese Mühe ist eine andere. Und die haben wir vorhin in der Pfingstgeschichte gehört. Er steigt wieder herunter zu den Menschen in der Vielfalt der Sprachen, Kulturen und Lebensstile. Indem er seinen Geist sendet, der Verständigung schafft. Und zwar nicht wie in Babel mit Einheitssprache und Großprojekt. Sondern indem jeder in seiner Sprache von den großen Taten Gottes hört. Gottes Geist schafft keine Einheitskultur, sondern Verständigung zwischen den verschiedenen Kulturen. Das ist Pfingsten.

Sicherheit schafft der Geist Gottes nicht, aber Geborgenheit. Weil er die Kraft Gottes ist, die stärker ist als alles, was uns Angst macht. Wir leben in einer vielfältigen, anstrengenden, manchmal auch angsteinflößenden Welt. Aber wir leben in der Kraft des Geistes Gottes. In der Geborgenheit der Nähe Gottes, der zu uns herabsteigt. Denn der Geist Gottes ist kein Geist der Furcht, sondern ein Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit. Diese versöhnte und einander verstehende Vielfalt hat längeren Bestand als alle Allmachtsphantasien von Menschen. Bis Gott eines Tages uns in wirkliche Gemeinschaft führt. In sein Reich.

So lange müssen wir eben Englisch, Französisch und welche Fremdsprache auch immer lernen. Und noch mehr die Sprache des Herzens, die den anderen versteht. Dass Gott groß sei und nicht der Mensch. Amen.