4. November 2018 - 23. Sonntag nach Trinitatis


Predigt zu Römer 13,1-7

Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit außer von Gott; wo aber Obrigkeit ist, ist sie von Gott angeordnet. Darum: Wer sich der Obrigkeit widersetzt, der widerstrebt Gottes Anordnung; die ihr aber widerstreben, werden ihr Urteil empfangen. Denn die Gewalt haben, muss man nicht fürchten wegen guter, sondern wegen böser Werke. Willst du dich aber nicht fürchten vor der Obrigkeit, so tue Gutes, dann wirst du Lob von ihr erhalten. Denn sie ist Gottes Dienerin, dir zugut. Tust du aber Böses, so fürchte dich; denn sie trägt das Schwert nicht umsonst. Sie ist Gottes Dienerin und vollzieht die Strafe an dem, der Böses tut.

Darum ist es notwendig, sich unterzuordnen, nicht allein um der Strafe, sondern auch um des Gewissens willen. Deshalb zahlt ihr ja auch Steuer; denn sie sind Gottes Diener, auf diesen Dienst beständig bedacht. So gebt nun jedem, was ihr schuldig seid: Steuer, dem die Steuer gebührt; Zoll, dem der Zoll gebührt; Furcht, dem die Furcht gebührt; Ehre, dem die Ehre gebührt.

Liebe Gemeinde!

Vor einem Jahr haben wir Reformationsjubiläum gefeiert. „Freiheit!“ So stand es als Motto über den Feierlichkeiten. Das scheint heute das zentrale Wort der Reformation zu sein. Lange Jahrhunderte evangelischer Kirchengeschichte war es aber ganz anders.

„An Luthers Geburtstag brannten die Synagogen!“ So lautet der Titel eines Buches, das eine württembergische Pfarrerin geschrieben hat. Es erinnert an das Geschehen vor 80 Jahren als in der Nacht vom 9. auf 10. November 1938 die Nazis Synagogen in Brand steckten. In der Nacht auf Martin Luthers 455. Geburtstag am 10. November.

Hinter dem Buchtitel steckt das Entsetzen darüber, dass im Land der Reformation so ein schreckliches Geschehen stattfinden konnte an jenem 9. November 1938. Als Synagogen zerstört und Menschen jüdischen Glaubens verfolgt wurden. Warum hatte die Reformation keine Wirkung in Deutschland - oder vielleicht doch eine negative Wirkung?

Das wird deutlicher, wenn wir uns bewusst machen, warum ausgerechnet der 9. November so ein deutsches Schicksalsdatum ist. Auslöser war der 9. November vor 100 Jahren als 1918 die Republik ausgerufen wurde. Ein Sieg der Demokratie und des Friedens nach einem schrecklichen Weltkrieg – so sehen wir das heute dankbar. Damals aber sah es die lutherische Kirche nicht als Grund zur Dankbarkeit – denn die Monarchie endete. Und damit das endete Bündnis zwischen Thron und Altar, zwischen Fürstenhäusern und evangelischen Landeskirchen, das seit der Reformation den lutherischen Kirchen in Deutschland Stabilität gab. Deshalb standen die Erben Luthers der demokratischen Republik kritisch gegenüber.

Dagegen begrüßten sie, wenn die Gegner der Republik diesen 9. November als Protestdatum gegen die Demokratie nutzten. Hitlers Marsch auf die Feldherrnhalle 1923, eben die Pogromnacht gegen die Juden 1938 in der Folge der Jubiläumsfeiern zu diesem Ereignis. Und sie blieben sehr distanziert, als bei der Jubelfeier ein Jahr später der Königsbronner Georg Elser versuchte, einen Anschlag auf Hitler durchzuführen.

Diese Distanz der lutherischen Kirchen zu Demokratie und Republik einerseits und ihre Nähe zu Monarchie und Diktatur andererseits hing zusammen mit der Wirkungsgeschichte jenes Bibelwortes, das wir vorher gehört haben.

„Jede staatliche Gewalt ist von Gott eingesetzt.“ Deshalb soll jeder sich ihr unterordnen. So schrieb es der Apostel Paulus an seine Gemeinde in Rom. Das sahen die Reformatoren in ihren Landesherren verwirklicht. Die Reformation nun verdankte sich der Unterstützung ihrer jeweiligen Landesfürsten. So sorgte Luthers Landesherr Friedrich der Weise dafür, dass in Kursachsen die Reformation überhaupt Fuß fassen konnte und Luther nicht gleich nach der Verurteilung durch den Kaiser getötet wurde. So wie die Herzöge Ulrich und Christoph die Reformation in Württemberg einführten und sicherten. Ebenso die Stadträte in Giengen und Ulm – und auch Heinrich vom Stain in seinem Teil Niederstotzingens. So war für das evangelische Kirchenwesen von Anfang an klar, dass Gott durch die jeweiligen Landesherren in dieser Welt handelte. Schwerer taten sie sich mit dem Kaiser und anderen katholischen Herrschern. Oder gar mit den muslimischen Türken. Doch auch hier war klar, dass die Ordnungsfunktion dieser Herrscher akzeptiert wurde, nicht aber ihre Unterdrückung des evangelischen Glaubens. Dass dann die Demokratie auch eine von Gott eingesetzte Ordnung ist, war in diesem Denken schwer zu begreifen. Zu viel Auseinandersetzung gab es, Parteienstreit, Interessenskonflikte. Da sehnten sich vor hundert Jahren viele zurück in Zeiten, als noch ein Herrscher angeblich über den Parteien und Einzelinteressen für ein Gemeinwohl sorgte. Deshalb waren viele auch nicht abgeneigt, den Nationalsozialisten zu folgen.

Erst dann öffneten sich langsam die Augen: Dass durch ein autoritäres Regime Minderheiten unterdrückt wurden. Dass ein grausamer Krieg angezettelt wurde. Dass sich Menschen an die Stelle Gottes setzten.

Dadurch wurden die Worte des Paulus in einen neuen Horizont gestellt. Ja – ein Staatswesen ist von Gott eingesetzt, um Frieden, Ordnung und Gerechtigkeit zu schaffen. Um böse Werke zu bestrafen wie Paulus sagt. Also das Gewaltmonopol zu haben, dass jeder sicher und in Frieden leben kann. Dadurch ist die Staatsgewalt Gottes Dienerin zu unserem Vorteil. Deshalb sollen sich Christen dieser Gewalt unterordnen – weil sonst jeder Selbstjustiz üben würde und jede menschliche Gemeinschaft durch Mord und Totschlag zerstört würde.

Das sah Paulus sogar beim römischen Staat gewährleistet. Allerdings gilt das nur, so lange der Staat sich als Gottes Diener versteht. Setzt er sich selbst an die Stelle Gottes, ist Widerstand geboten. Diese Haltung wurde gegen die Traditionen des deutschen Protestantismus hart errungen von denen, die als Christen Widerstand leisteten gegen die Nazi-Diktatur. So formulierte die Barmer Erklärung 1934: Wir verwerfen die falsche Lehre, als solle und könne der Staat über seinen besonderen Auftrag hinaus die einzige und totale Ordnung menschlichen Lebens werden und also auch die Bestimmung der Kirche erfüllen.

Uns ist heute bewusst, dass dies bisher am besten im demokratischen Staat gewährleistet ist. Weil dieser Staat seine Allmacht selbst beschränkt – durch Gewaltenteilung. Durch parlamentarische Opposition und durch eine unabhängige Justiz. Durch Meinungs- und Pressefreiheit. Die Demokratie ist die einzige Staatsform, die mit der menschlichen Schwäche rechnet und damit nicht alle Gewalt auf wenige Personen konzentriert. Uns Christen ermöglicht sie – anders als die römische Monarchie, die Paulus vor Augen hatte – Glaubensfreiheit. Ja, sogar an der Gestaltung dieses Gemeinwesens mitzuarbeiten – durch unsere Diakonie, durch unsere Kindertagesstäten, dadurch, dass wir auch als Kirchen gehört werden von den Verantwortlichen.

Nehmen wir das nicht zu selbstverständlich. Viele unserer Mitchristen in der ganzen Welt wären dankbar, in einer freiheitlichen Demokratie, in einem Rechtstaat, in unserem Sozialstaat zu leben. Bringen wir also unserem Gemeinwesen den Respekt entgegen, den Paulus dem römischen Reich entgegenbrachte. Treten wir allen entgegen, die im Namen einer vermeintlichen Sicherheit dieser Freiheit einschränken wollen. Bringen wir uns ein bei Wahlen, in Gremien und Parlamenten, in Parteien, Gewerkschaften, Sozialverbänden und Vereinen. Reden wir diesen Staat nicht schlechter als er ist. Sondern machen wir ihn durch unser Engagement besser!

Das wird an einem Punkt deutlich, den Paulus hier nennt: das Steuerzahlen. Da sind wir Deutschen ja merkwürdig: wir jammern, dass wir so viel Steuern zahlen müssten. Andererseits schimpfen wir, wenn dieser Staat nicht genügend Geld in Schulen, Kindergärten, Polizei, den Bahnverkehr und den Straßenbau steckt. Doch dieses Geld kann der Staat nur durch Steuern einnehmen, das er dafür ausgeben muss.

Steuer, dem die Steuer gebührt. Aber Ehre dem, dem Ehre gebührt. Das ist im Letzten nur Gott. Deshalb einem Staat entgegentreten, der sich Allmacht anmaßt. Sich selbst groß machen will. Das haben die evangelischen Christen gelernt. Deshalb gibt es nicht nur die denkwürdigen 9. November 1918, 1923, 1938 und 1939. Sondern 50 Jahre nach dem Attentat von Georg Elser öffnete sich in Berlin die Mauer. Das Gewaltregime der DDR brach zusammen. Ausgegangen war diese friedliche Revolution von den Kirchen. Von den Friedensgebeten. Ein hochrangiger DDR-Funktionär sagte später: Wir waren auf alles vorbereitet, nur nicht auf Kerzen und Gebete. Weil man Gott die Ehre gab, wurden die abgelöst, die sich selbst ehrten.

Nehmen wir unser Gemeinwesen bei allen seinen Mängeln dankbar als Geschenk Gottes. Verteidigen wir die Freiheit auch desjenigen, der anders denkt als wir. Nutzen wir die Möglichkeiten, die uns die Demokratie bietet. Und beten für Frieden in unserem Land und dieser Welt. Amen.