4. September 2016 - 15. Sonntag nach dem Dreieinigkeitsfest


Predigt zu 1. Petrus 5,5c-11

Liebe Gemeinde!

"Das ist der größte Blödsinn, den ich je gehört habe!" So kritisierte vor Jahren ein Mann aus der Gemeinde meine Andacht bei einem Seniorennachmittag. Was war passiert? Es war in den Jahren bevor der Euro eingeführt wurde. Da gestaltete ein Mitarbeiter der örtlichen Volks- und Raiffeisenbank einen Seniorennachmittag zum Thema: „Was bringt uns der Euro?“ Und ich musste zuvor die Andacht halten und hatte mir überlegt: Was sagst du den Leuten? Und ich habe gemerkt, dass die Einführung des Euro – die ja faktisch schon lange geschehen war, bevor wir die Münzen und Scheine in der Tasche hatten, bei den Leuten Sorgen weckten. Obwohl es dafür von außen gesehen, keinen Grund gab. Aber so eine Veränderung weckt grundlegende Ängste in uns. So ähnlich, wie es jetzt wieder nach den Attentaten geschehen ist. Dass plötzlich eine Frau in einer Burka Befürchtungen weckt, obwohl alle Anschläge von Männern, die nicht verschleiert waren, ausgeübt wurden. Oder wenn ein Raucher Angst vor Islamisten hat, obwohl statistisch betrachtet, von seiner Zigarette eine viel höhere Lebensgefahr ausgeht. Das hängt mit der Tendenz von uns Menschen zusammen, das Unbekannte und damit auch die unbekannte Zukunft mit Sorge zu betrachten.

Deshalb hielt ich damals meine Andacht zu dem Bibelwort, das wir gerade gehört hatten: Alle eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch. Und das hat die harsche Reaktion jenes Mannes ausgelöst: Das ist der größte Blödsinn, den ich je gehört habe. Ich habe nachgefragt, was er dabei als Blödsinn empfindet. „Die Leute haben Angst um ihren Zahltag und Sie vertrösten sie auf Gott!“ war die Antwort. Wir haben dann noch lange über das Wesen unserer Sorgen diskutiert, kamen aber nicht weiter.

An dieser Diskussion zeigt sich, wie wir Menschen ticken: Wir halten unsere Sorgen für ein sehr berechtigtes, gut überlegtes Denken. Weil wir uns mit der ungewissen Zukunft beschäftigen. Weil es uns vorkommt, als ob unsere Befürchtungen doch reale Anhaltspunkte hätten. An den Beispielen von vorher: Euro - Es gab ja schon Geldentwertungen in Deutschland. Islamismus – es gab ja viele islamistische Anschläge. Ist also nicht wirklich es der größte Blödsinn, hier die Sorgen auf Gott zu werfen, anstatt sich den Befürchtungen zu stellen? Flüchten wir da nicht vor der Wirklichkeit in die Illusion eines Glaubens?

Aber müssen wir nicht umgekehrt fragen? Was ändern wir mit unseren Sorgen an unserer unbekannten Zukunft? Die Gefahr eines Anschlags wird dadurch genauso wenig geringer wie das Risiko einer negativen wirtschaftlichen Entwicklung. Die diffuse Sorge vor der Zukunft hindert mich vielmehr, die Gegenwart mit ihren Aufgaben realistisch und nüchtern in den Blick zu nehmen. Die diffuse Sorge verhindert eine verantwortungsvolle Vor-Sorge.

Deshalb zeichnet der Apostel Petrus hier ein anderes Bild: Das Bild der starken Hand Gottes, die unsere Welt hält. Nicht das, was bei uns Angst und Sorge auslöst, beherrscht diese Welt, sondern Gott. Wer glaubt, sich ständig über Dinge Sorgen machen zu müssen, die er nicht beeinflussen kann, setzt sich an die Stelle des Gottes, der alle Dinge wirklich in der Hand hat. Wer mit seinen Sorgen glaubt, die Welt beeinflussen zu können, den nennt der Apostel „hochmütig“. Wer der starken Hand Gottes vertraut, der wird demütig genannt. Demütig heißt hier: Ich weiß, welche Handlungsspielräume ich habe, in deren Rahmen ich mein Leben beeinflussen kann. Und ich weiß, wo meine Grenzen liegen. „Den Hochmütigen stellt sich Gott entgegen, den Demütigen gibt er Gnade“, das bedeutet: Wer alles durch seine eigenen Sorgen steuern will, wird gestoppt. Wer aber Gottes Hand vertraut, dem macht Gott den Weg frei.

Dabei ist der Apostel von allen Illusionen über den Zustand der Welt weit entfernt. Er nimmt die Welt wahr als eine, in der der Teufel los ist. Das Böse in dieser Welt wird mit einem brüllenden, gierigen Löwen verglichen. Ja – in dieser Welt geschieht viel Schreckliches. Ja, Leben ist bedroht.

Doch statt den Löwen noch größer zu machen durch Sorgen, lieber die Sorgen zu Gott abwälzen und dann dem Löwen nüchtern und wachsam begegnen.

Was heißt das konkret? Mir ging es seit der Jugendzeit so, dass ich manchmal das Gefühl hatte, mir sitzt ein Kloß im Hals. Ich habe dann mit meinen Sorgen mir immer schlimmere Krankheitsbilder zusammenphantasiert. Und mit jedem Artikel, den man irgendwo über Schilddrüsenerkrankungen, Speiseröhrenkrebs oder was auch immer lesen konnte, wurden die Phantasien noch mehr angeheizt. Bis ich mit über dreißig zum Arzt ging. Blutbild, Ultraschall, Lungenfunktion – alles normal. Das Ganze nur eine Austrocknung der Schleimhäute bei Erkältungen. Mein Sorgenballon schnurrte zusammen und seitdem schaue ich halt, dass wenn ich erkältet bin und sprechen muss, ich in Glas Wasser in Reichweite habe. Statt sorgenvoller Schreckensszenarien nur noch die realistische Vorsorge, eine Sprudelflasche einzupacken. Hätte ich gleich so gehandelt, hätte ich mir viele Ängste erspart.

Zur nüchternen und aufmerksamen Vorsorge gehört für den Apostel auch die Gemeinschaft der Christen. Dass wir uns gegenseitig dort unterstützen, wo es nötig ist. Und vielleicht auch gegenseitig die größten Sorgenballons zum Platzen bringen.

Oder bei den beiden Beispielen vom Anfang: Wenn wir wirtschaftliche Sorgen haben, realistisch und nüchtern in den Blick nehmen, wie wir mit unserem Geld klarkommen als alle Schuld auf den Euro, die Banken oder die EU abzuschieben, was uns keinen Euro mehr ins Portemonnaie bringt.

Beim Beispiel der Terrorgefahr: Statt jedem Fremden misstrauisch zu begegnen, ist wichtig aufmerksam und wohlwollend auf sie zugehen. Je besser die Menschen, die zu uns kommen, hier integriert sind, desto geringer die Gefahr der Radikalisierung. Und wir erkennen dann auch eher, wenn ein junger Mensch tatsächlich abdriftet. Und als Christen dazu beitragen, dass Religionen nicht die Spannungen zwischen Menschen verstärken, sondern abbauen.

Das heißt: Der starken Hand Gottes vertrauen und unsere Sorgen dort ablegen. Es gehört zum Wesen von uns Menschen, dass wir uns sorgen. Dann aber uns nicht treiben lassen, den Sorgenballon weiter aufzublasen. Sondern die Sorgen nüchtern betrachten: Was kann ich wirklich tun, um vorzusorgen? Und was überlasse ich getrost Gottes Hand? Oder wie es ein Sprichwort sagt: Du kannst nicht verhindern, dass die Vögel der Sorge über deinem Kopf kreisen, aber du kannst verhindern, dass sie dort Nester bauen.

Petrus schließt seine Gedanken mit einem Segenswunsch. Wir sprechen mit diesen Worten oft bei der Konfirmation jungen Menschen den Segen Gottes für ihren Lebensweg zu. Und halten unsere Hand über sie als Zeichen für die schützende Hand Gottes. Wenn wir uns unter diesen Segen Gottes stellen, baut das den falschen Sorgen vor. Wir gehen in die unbekannte Zukunft als Gesegnete.

Die Wirkung des Segens Gottes erkennen wir im Rückblick auf unser Leben. Das finde ich das Berührende und Bewegende bei Ehejubiläen und Konfirmationsjubiläen. Wenn deutlich wird, welche Sorgen die Paare oder die Jugendlichen damals beschäftigt haben, als ihnen der Segen zugesprochen wurde. Und was im Rückblick daraus geworden ist nach fünfzig oder mehr Jahren. Wie viele Sorgen sich aufgelöst haben und wie die Menschen bewahrt geblieben sind. Die Frage: Was ist aus dem geworden, worum wir uns vor einem Jahr gesorgt haben? Oft erinnern wir uns gar nicht mehr daran.

Deshalb: Es ist kein Blödsinn, Sorgen in Gottes Hand zu legen. Sondern höchst realistisch. Denn: Der Gott aller Gnade aber, der euch berufen hat zu seiner ewigen Herrlichkeit in Christus Jesus, der wird euch, die ihr eine kleine Zeit leidet, aufrichten, stärken, kräftigen, gründen. Ihm sei die Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.