5. Februar 2017 - Letzter Sonntag nach dem Erscheinungsfest


Predigt zu 2. Mose 3,1-14

Liebe Gemeinde!

In der Fußball-Bundesliga gibt es ja die „Einlauf-Kinder“: Mädchen und Jungen aus Sportvereinen, die an der Hand der Profis mit im Stadion auflaufen dürfen. Das muss ein tolles Erlebnis für diese Kinder sein. Das wurde mir vorletzten Freitag wieder bewusst, als das erste Spiel nach der Winterpause frei im Fernsehen zu sehen war. Als ein kleines Mädchen an der Hand des Weltmeisterschaftskapitäns Philipp Lahm ins Schwarzwaldstadion einlaufen durfte. Da strahlt etwas ab vom Glanz des Stars auf das Kind – man wird selbst ein bisschen ein Promi. Zur besten Sendezeit am Freitagabend im Fernsehen und alle Freunde und Verwandte daheim sehen es.

Geht es uns eigentlich in unserem Glauben an Gott ganz ähnlich? Die Hoffnung, dass uns da jemand an der Hand nimmt, der mehr Macht hat als wir? Dass da ein bisschen Glanz vom Himmel in unseren oft tristen Alltag fällt? Das Einlaufkind beim Fußball muss einfach das Glück haben, ausgewählt zu werden, an der Hand des Stars aufzulaufen. Aber wie erleben wir es, dass Gott uns bei der Hand nimmt? Unser Leben hell macht? Wenn wir doch viel eher das Dunkle sehen? Uns so oft allein fühlen?

Wir haben gerade eine Geschichte aus der Bibel gehört, die uns seit langem vertraut ist – meist seit der dritten Grundschulklasse. Wir haben gehört, wie Gott gewissermaßen den Mose an seiner Hand nimmt. Der Glanz vom Himmel in sein Leben fällt. An diesem Geschehen können wir etwas davon erkennen, wie es auch in unserem Leben geschehen kann.

Mose entdeckt Gottes Nähe, denn er ist

  1. offen für Unscheinbares
  2. offen mit Ohr und Auge
  3. offen für seine Aufgabe.

Das Erste: Mose ist offen für Unscheinbares. Mose ist hier bei seiner alltäglichen Arbeit. Er hütet die Schafe seines Schwiegervaters. Es ist gewissermaßen seine Resozialisierung: Nach dem Mord an einem ägyptischen Aufseher musste er fliehen und landete bei Jitro in Midian. Er heiratet dessen Tochter und seitdem ist der ehemalige Prinz aus dem Pharaonenpalast ein Hirte. Doch er widmet sich aufmerksam seiner Aufgabe. Und so entdeckt er ein merkwürdiges Phänomen am Wegesrand: einen Dornbusch, der brennt aber nicht verbrennt.

Da begegnet er Gott in diesem Busch mitten bei seiner ganz normalen Berufstätigkeit. Gott spricht ihn an, der Arbeitsplatz des Hirten wird zum Heiligen Land.

Wir glauben ja oft, Gott müsste sich in unserem Leben zeigen mit einem großen Wunder, mit einem klaren Zeichen. Mit einem Phänomen, das alle Zweifel wegwischt. Aber gibt es so etwas überhaupt? Würden wir nicht über kurz oder lang jedes Wunder umdeuten als Zeichen unseres Glücks, des Zufalls oder menschlichen Geschicks? Ist nicht jedes Zeichen, jeder Hinweis zumindest doppeldeutig?

Nein: Gott zeigt sich, wenn wir aufmerksam und offen in unserem Alltag leben. Gewissenhaft unsere Arbeit tun, aber uns auch unterbrechen lassen von den Dingen, die am Wegesrand sind. Das kann an meinem Schreibtisch am frühen Morgen sein, wenn man die Sonne hinter der Alpenkette aufgehen sieht. Ein Mensch, der uns im Zug oder Bus ein Lächeln schenkt. Ein unerwartet abgesagter Termin, der mir Zeit-Spielräume gibt. Ein Lob. Die herrliche Winterlandschaft in diesen Tagen. Nehmen wir diese unscheinbaren Dinge nicht zu selbstverständlich. Sondern wie Mose als Zeichen für Gott an unserem Wegesrand. Durch die er uns anredet, unseren Alltag zum Heiligen Land macht.

Wenn wir dafür offen sind, diese Dinge sammeln – ob in unserem Herzen oder sie notieren. Dann greift Gott nach unserer Hand. Dann fällt sein Glanz in unser Leben. Das war das Erste.

Und das Zweite: Mose ist offen mit Ohr und Auge. Er sieht das merkwürdige Naturphänomen und hört Gottes Stimme. Gott spricht Mose an. Gott stellt sich vor als der Gott der Väter. Der bereits seine Hilfe und Treue gezeigt hat im Leben von Abraham und Sara, von Isaak und Rebekka, von Jakob, Lea und Rahel. Mose hört und sieht auf die Wege Gottes mit seinen Leuten in der Vergangenheit. Er blickt zurück.

Wenn wir so unsere Augen und Ohren öffnen für das, was wir bereits mit Gott erlebt haben. Für das, was andere mit ihm erlebten. Dann wird uns bewusst: Wie oft Gott seinen Glanz in unser Dunkel hat fallen lassen. Wie oft er uns bei der Hand genommen hat.

Ich brauche da nur auf meine über dreißig Jahre als Autofahrer schauen. Wie oft ich da bewahrt geblieben bin, wie oft Situationen im Straßenverkehr hätten ganz anders ausgehen können. Weil gerade kein Auto kam als ich ins Rutschen geriet und die Gegenfahrbahn brauchte, dass der andere rechtzeitig abgebremst hat oder ausgewichen ist, dass ich aufmerksam war und den Radfahrer ohne Licht im Dunklen bemerkte.

Oder wenn wir am Abend zurückblicken auf den Tag. Fragen: wofür bin ich heute dankbar? Worüber habe ich mich gefreut? Wenn wir so mit Ohr und Auge offen sind, dann greift Gott nach unserer Hand. Dann fällt sein Glanz in unser Leben. Das war das Zweite.

Und das Dritte: Mose ist offen für seine Aufgabe. Gott spricht weiter zu Mose: Er hat gesehen, wie die Israeliten in Ägypten leiden. Gott ist nicht egal, dass es anderen schlecht geht. Er ist heruntergestiegen zu den Sklaven. Er steigt bis heute herunter an die Krankenbetten und in die Pflegeheime, in die Häuser, in denen gelitten wird. In die Krisengebiete und Flüchtlingslager.

Deshalb hat Gott eine Aufgabe für Mose. Gott will Mose ebenso dorthin schicken. Mose soll Gottes Werkzeug sein, um die Sklaven zu befreien.

Diese Aufgabe hat Gott bis heute für seine Leute: Dort hingehen, wo Menschen leiden. Damit etwas sichtbar machen von Gott, der uns an der Hand nimmt. Etwas weitertragen von dem Glanz, der vom Himmel auf die Erde fällt.

Wir glauben ja manchmal: Es geht uns besser, wenn wir uns abschotten vom Leid in dieser Welt. Aber wir verdrängen damit nur die Not aus unserem Bewusstsein, bis sie uns einholt.

Als ich vor fast 33 Jahren mein Freiwilliges Soziales Jahr in der Diakonie-Sozialstation in Metzingen begann, war ich am ersten Arbeitstag nur geschockt. Wir gingen von einem Haushalt zum anderen und überall nur kranke und pflegebedürftige Menschen. Ich dachte: Gibt es in dieser Stadt nur Pflegefälle? Ich wäre am liebsten davongelaufen. Dann kam mir: Auch in meinem Heimatort gibt es so viele hilfsbedürftige Menschen – nur habe ich das bisher noch nicht wahrgenommen. Mit der Zeit habe ich gelernt: Man kann helfen. Nur, wenn wir das Leid nicht verdrängen, wird es gelindert. Und nur dann hilft auch uns jemand, wenn wir leiden.

Mose zweifelt an seinen Fähigkeiten, so wie ich damals als FSJler an meinen Fähigkeiten gezweifelt habe und bis heute manchmal an meiner Eignung zum Pfarrdienst zweifle. Mit Mose frage ich: Wer bin ich, dass ich das tun könnte? Aber Gott macht Mose klar: Es kommt nicht auf Mose an, sondern auf Gott. Gott begleitet Mose mit seiner Zusage, die zugleich Gottes Name ist: Ich werde für euch da sein.

Das hat Gott bestätigt im Weg des Mose und des Volkes Israel, das durfte ich damals in meiner Metzinger Zeit erleben: Für mein Vorpraktikum hätte ich nur ein halbes Jahr Dienstzeit gebraucht. Doch als das halbe Jahr vorbei war und meine Chefin meinte: Wir haben keinen Nachfolger für Sie, wollen Sie nicht erst ein halbes Jahr später Ihr Studium beginnen? Da habe ich sofort zugesagt. Und ich erlebe das bis heute so. Immer wieder staune ich, dass Gott mich in seiner Gemeinde brauchen kann. Das erlebe ich, wenn ich offen bin für meinen Auftrag.

Das Einlaufkind vorletzte Woche konnte wenig dazutun, dass es ausgesucht wurde, Philipp Lahm auf dem Weg ins Stadion zu begleiten. Wir können wenig dazutun, dass Gott uns an seiner Hand nimmt. Wir können nur offen sein für Unscheinbares, offen mit Ohr und Auge, offen für unsere Aufgabe. Und dann mit Gott auflaufen in die Arena unseres Lebens. Dabei entdecken: Er ist wirklich der, der sich vorstellt als: Ich werde für euch da sein. Amen.