5. Juni 2016 - Zweiter Sonntag nach dem Dreieinigkeitsfest


Predigt zu Epheser 2,17-22

Liebe Gemeinde!

Als Student habe ich insgesamt fünf Jahre lang in Wohngemeinschaften oder Wohnheimen gewohnt. Das war immer eine gewisse Herausforderung: Wenn unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Lebensgewohnheiten auf engstem Raum beieinander wohnen. Wann wer duscht, ausgiebig Geige übt, verschwitzte Wäsche vom Sport in den Gang hängt, laute Musik hört – das ist sehr unterschiedlich. Ebenso die Toleranzschwelle, ab wann eine gemeinsam genutzte Küche verschmutzt ist und man aufräumen sollte. Da geht es nicht ohne Reibereien und Spannungen – und nur mit gegenseitiger Rücksichtnahme und einer gewissen Toleranz füreinander.

Andere kennen so etwas aus ihrer Bundeswehr-Zeit oder sogar wenn ein Ehepaar frisch zusammenzieht und man schauen muss, wie unterschiedliche Gewohnheiten am besten synchronisiert werden können. Das Sofa, das für den einen der Inbegriff von Zuhause-Sein bedeutet, findet der andere nur schrecklich. Das Bild, das dem einen gefällt, weckt beim anderen Abscheu. Zusammenwohnen ist schön und wichtig, bringt aber auch Schwierigkeiten mit sich.

Deshalb ist es nicht weiter erstaunlich, dass der Apostel Paulus das Zusammenleben der Christen in einer Gemeinde mit einer solchen Wohngemeinschaft vergleicht. Da sind Menschen unterschiedlicher Generationen. Wenn jemand aus meiner Generation behauptet, das Lied „Ins Wasser fällt ein Stein“ sei ein neues Lied, liegt das daran, dass wir es irgendwann in den Siebzigerjahren als Kinder in der Jungschar gelernt haben, als es wirklich noch ganz neu war. Für einen Konfirmanden heute ist dieses Lied drei Mal so alt, wie er selber ist. Da sind Menschen, die unterschiedliche Erfahrungen gemacht haben und gewisse Ausdrucksformen unseres Glaubens als hilfreich oder als verletzend empfinden – ich hatte lange Jahre immer als Abendmahlsgebet gesprochen „Herr, ich bin nicht wert, dass du unter mein ach gehst, aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund.“ Ich fand das schön, weil ich es bei einer Fahrt nach Taizé kennen gelernt hatte und es uns mit der Messliturgie der katholischen Geschwister verbindet. Bis mir eine Kirchengemeinderätin damals deutlich machte, dass für sie das „ich bin nicht wert“ so schrecklich sei, dass sie jedes Mal Schwierigkeiten hätte, am Abendmahl teilzunehmen. Unterschiedliche Geschmackslagen: Es gibt bei uns Menschen, die stören sich am schwarzen Lautsprecher, finden aber die Pendelleuchten, die der Architekt nicht wollte, ganz in Ordnung – mir geht es genau umgekehrt. Für den einen macht erst die Orgel einen Gottesdienst zum Gottesdienst, die anderen gehen genau deshalb nicht in die Kirche.

Wir könnten diese Liste beliebig fortsetzen – und wissen, dass es eigentlich keine grundlegenden Glaubensfragen sind. Dennoch sind das die Fragen, die uns beim Zusammenleben in einer Kirchengemeinde ausgiebig beschäftigen können. Musik, Ästhetik, Stilfragen – ohne dass man richtig oder falsch entscheiden kann. Sondern nur mit unseren Unterschieden leben – wie in einer Familie oder einer Wohngemeinschaft. Aufeinander Rücksicht nehmen. Akzeptieren, dass unsere Lebensgeschichten und Glaubenserfahrungen unterschiedlich sind. Es gibt da kein richtig oder falsch.

Wie gehen wir damit um? Die Rundfunk- und Fernsehsender machen es so, dass sie unterschiedliche Programme für unterschiedliche Milieus ausstrahlen: Wer SWR 4 hört, kann vermutlich das Programm von SWR 3 nicht ertragen und umgekehrt. In der Kirche schlagen das auch viele vor: Unterschiedliche Gottesdienstprogramme. Unterschiedliche Milieugemeinden. Aber wäre das gut? Wenn wir nicht mehr einander verstehen und aufeinander Rücksicht nehmen müssten? Wenn nur gleich und gleich zusammenglucken würden?

Deshalb geht Paulus hier mit seiner Gemeinde in Ephesus einen anderen Weg. Dieser Gemeinde, die sich in dieser plural strukturierten kleinasiatischen Hafenstadt ebenfalls aus Menschen unterschiedlicher Generationen, sozialer Gruppen und landsmannschaftlicher Herkunft zusammensetzte. Dazu kam der geistliche Grundkonflikt zwischen Christen, die vorher Juden waren, und solchen, die früher Heiden waren – mit ihren unterschiedlichen Glaubensweisen.

Paulus wählt das Bild des Hauses Gottes, wo diese verschiedenen Menschen wie in einer Wohngemeinschaft oder wie in einer Familie zusammenleben. Das gelingt, weil nicht nur diese Menschen wie im Wohnheim miteinander irgendwie klarkommen müssen. Sondern weil Christus selbst in diese Wohngemeinschaft einzieht. Mit uns zusammenwohnt. Er lädt die verschiedenen Menschen ein, indem er durch die Taufe ihnen die Tür öffnet zu diesem Haus und ihnen Frieden zuspricht. Jeder soll sich einbringen und gemeinsam die Gemeinde gestalten.

Da ist dann keiner nur noch Gast, sondern jeder ist Mitbewohner Gottes und Mitbürger derer, die Gott heiliggesprochen hat – also zugesagt hat: Du gehörst zu mir und ich bin für dich da!

Dann ist auch klar, wer die Hausordnung für diese Wohngemeinschaft aufstellt: Christus als der Eckstein und Schlussstein dieses Hauses Gottes. Die Apostel und Propheten als das Fundament. Dann ist unsere Kernfrage bei dem, wie wir als Gemeinde Jesu zusammenleben: Gelingt es uns, die Türen so offen zu halten, dass Menschen die Botschaft Jesu hören können. Für sich annehmen: Gott spricht mir seinen Frieden zu. Ich darf glauben: Ich gehöre zu Gott und Gott ist für mich da. Und wir nicht die Schwellen des Hauses Gottes so hochmachen, die Türen zur Gemeinde so fest schließen, dass andere bereits durch äußere Formen abgeschreckt sind, bevor sie überhaupt die Botschaft Jesu hören können.

Wenn Christus die Hausordnung auf dem Fundament der Apostel und Propheten aufstellt, dann gilt nicht einfach die Hausordnung der drei Killerphrasen: „Das haben wir noch nie so gemacht! Wo kämen wir denn da hin, wenn wir das so machen würden! Da könnte ja jeder kommen!“

Das bedeutet nun nicht, dass wir alles tun können, dass alles verändert werden muss oder alles beibehalten. Aber das bedeutet, dass wir bei allem zunächst die inhaltliche Frage stellen: Steht das, wir tun oder was andere gerne tun würden auf dem Fundament der Apostel und Propheten? Gibt es inhaltliche Rückfragen, die wir klären müssen? Oder geht es um Äußerlichkeiten?

Aber auch Äußerlichkeiten sind nicht unerheblich. Wir müssen nachfragen: Warum ist diese Äußerlichkeit für jemand so wichtig? Oder warum so schwer zu ertragen? Und dann wie in jeder Wohngemeinschaft schauen, wie wir unsere unterschiedlichen Wünsche und Bedürfnisse berücksichtigen können – dass jeder sich zu Hause fühlt. Das gelingt nur durch Einander zuhören, miteinander reden, versuchen, sich gegenseitig zu verstehen. Und sich verbunden wissen im gemeinsamen Haus Gottes.

Deshalb bleibt dieses Haus Gottes auch eine ewige Baustelle. Der Bau wächst, schreibt der Apostel. Weil das Leben und die Menschen sich ständig verändern. Weil wir selber uns verändern. Lernen, uns korrigieren. So dass wir immer ähnlicher werden dem heiligen Tempel Gottes.

Darin ist natürlich immer ein Spannungs- und Konfliktpotential. Im Übrigen nicht nur zwischen Generationen. Gerade in der Jugendarbeit erleben wir es oft, dass Jugendliche deshalb sich engagieren, weil sie selber gute Erfahrungen gemacht haben. Und deshalb wollen sie als Mitarbeiter, dass alles so abläuft, wie sie es selbst erlebt haben. Deshalb gehören Jugendmitarbeiter häufig zu den konservativsten Menschen in einer Kirchengemeinde. Das führt dann vor allem zwischen Jugendmitarbeitern und Konfirmanden, die die Programmpunkte anders empfinden zu Spannungen. Auch hier zu lernen: Was mir gefällt, muss einem anderen nicht gefallen, ist eine wichtige Aufgabe.

So dass wir mit Gott zusammen in seiner Wohngemeinschaft leben können, seinen Frieden erfahren und andere dazu einladen können. Amen.