5. Mai 2019 - Misericordias Domini


Predigt zu Johannes 10,11-16

Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe. Der Mietling, der nicht Hirte ist, dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen und verlässt die Schafe und flieht - und der Wolf stürzt sich auf die Schafe und zerstreut sie -, denn er ist ein Mietling und kümmert sich nicht um die Schafe. Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen und die Meinen kennen mich, wie mich mein Vater kennt; und ich kenne den Vater. Und ich lasse mein Leben für die Schafe.

Und ich habe noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stall; auch sie muss ich herführen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird eine Herde und ein Hirte werden.

Liebe Gemeinde!

Ob das gestern eine Vorentscheidung in der Deutschen Fußballmeisterschaft war? Die beiden Tore von Franck Ribéry - 36 Jahre alt - und Claudio Pizarro - 40 Jahre alt? In jedem Fall zeigen sie, was selbst ältere Fußballer noch leisten können. Doch meist verpassen Sportler (und Künstler) den richtigen Zeitpunkt zum Aufhören. Dann bleibt ihnen am Ende nur noch das Dschungelcamp mit Kakerlaken und undefinierbaren Getränken. Ja - es ist nicht einfach, den richtigen Zeitpunkt zum Aufhören zu finden. Auch außerhalb von Sport und Kunst. Viele fallen mit dem Ruhesttandseintritt in ein Loch. Mancher ältere Ehrenamtliche quält sich mit seiner Aufgabe und sagt häufig: Ich würde es gerne abgeben. Aber wehe, man organisiert eine Nachfolge und eine Verabschiedung - dann ist der Betreffende oft beleidigt: "Man will mich rausschmeißen!" Natürlich ist es schön, wenn Ältere noch so fit sind, dass sie sich engagieren können. Aber wenn ich merke, dass meine Kräfte abnehmen oder etwas Neues dran ist - warum ist es dann so schwer, etwas aus der Hand zu geben?

Ich denke, das hängt mit zwei Grundbedürfnissen von uns Menschen zusammen, die zugleich jeweils von einer Urangst begleitet sind:

  1. Mit dem Grundbedürfnis, von anderen anerkannt zu werden. Verbunden mit der Angst, ein sinnloses Leben zu führen.
  2. Mit dem Grundbedürfnis, unsterblich zu sein. Verbunden mit der Angst vor dem Tod.

Dabei sollte bei uns Christen ein anderer Blickwinkel da sein. Der Blickwinkel, den wir gerade in der Hirtenrede Jesu gehört haben. Jesus antwortet auf diese beiden Bedürfnisse von uns.

Zuerst: Wir wollen gefragt und anerkannt werden. Genau das bietet Jesus an in diesem Bild des guten Hirten: „Ich bin der gute Hirte und kenne die Meinen und die Meinen kennen mich.“ Er sagt jedem und jeder von uns zu: Ich kenne dich besser als du dich selbst kennst. Ich weiß, was du brauchst. Ich weiß, was dir fehlt. Ich weiß, welche Verletzungen und Kränkungen du mit dir herumträgst. Denn ich begleite dich – vom Anfang deines Lebens an.

Das sagt Jesus auch einem Kind wie unserem Täufling zu – mit der Taufe zu Beginn seines Lebens. Ich sorge für dich von Anfang an. Denn „kennen“ bedeutet für die Bibel mehr als eine bloße Bekanntschaft. Wenn Jesus sagt: Ich kenne dich, meint er damit: Ich stehe in einer engen Beziehung zu dir.

So eng kann unsere Beziehung zu einem anderen Menschen gar nie sein. So sehr wir uns darum auch bemühen: Sie als Eltern und als Familie zu Ihrem Kind. Wir als Kirchengemeinde zu den Menschen, die in dieser Gemeinde leben. Dass hier unsere Möglichkeiten begrenzt sind, das zeigt unser Beispiel vom Anfang. Dass trotz allem Bemühen es immer Missverständnisse und Enttäuschungen gibt.

Deshalb sollten wir eine andere Perspektive einnehmen: Nicht nach der Anerkennung, Wertschätzung und dem Lob der Mitmenschen schauen. Das wird es nie so geben, dass wir zufrieden gestellt wären. Sondern den guten Hirten Christus kennen lernen, in eine Beziehung zu ihm treten. Seine Zusage hören: Ich kann dich brauchen. Ich habe dich mit vielen Gaben beschenkt. Ich zeige dir den Platz, wo du sie einbringen kannst. Und dann schauen: Bei welcher Aufgabe finde ich Erfüllung? Passen meine Befähigungen? Dort mich einsetzen – da muss es dann von außen keiner mehr anerkennen, weil ich spüre: das ist mein Platz.

Das ist Kirche – Gemeinde Jesu Christi: Die, die Jesu Stimme hören und ihr folgen. Kein Freundeskreis, wo sich alle sympathisch sind und sich gegenseitig ständig ihrer Wertschätzung versichern. So sagt es Martin Luther: denn es weiß gottlob ein Kind von sieben Jahren, was die Kirche sei, nämlich die heiligen Gläubigen und „die Schäflein, die ihres Hirten Stimme hören“.

Und unser Täufling soll diesen guten Hirten ebenso kennen lernen. Der ihm in der Taufe diese Begleitung zusagt. Wenn Sie als Eltern und Paten mit ihm singen und beten, die Geschichten aus der Kinderbibel anschauen, durch die Angebote unserer Kirchengemeinde.

Wenn wir den guten Hirten kennen und der gute Hirte uns, dann sind wir anerkannt und gefragt – vom Herrn der Welt und Herrn der Kirche.

Dasselbe gilt von unserem zweiten Grundbedürfnis: Dass es uns so schwerfällt, zu akzeptieren, dass wir älter werden, unsere Kräfte abnehmen, wir manches aus der Hand geben müssen. Aber das zu verdrängen, ist unmöglich – Vergänglichkeit halten wir nicht auf. Da sagt Jesus zu seinen Jüngern: „Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe.“

Jesus setzt sein Leben ein für seine Gemeinde. Das haben wir wieder gefeiert zu Ostern. Dass er sein Leben hingegeben hat, dass selbst der Tod uns nicht von Gottes Liebe trennen kann. Dass wir sogar über dieses Leben hinaus beim guten Hirten geborgen sind.

Wer dieser Zusage vertraut, kann auch mit der eigenen Vergänglichkeit gelassener umgehen. Akzeptieren, dass ich zwar im Laufe meines Lebens manches aus der Hand geben muss – aber immer in der Hand des guten Hirten geborgen bleibe. Sogar im Tod und durch den Tod hindurch.

Ja, wir Menschen werden uns nie so begleiten können, wie wir es uns wünschen. Wir werden weder anderen so viel Lob und Anerkennung spenden können, wie sie brauchen noch umgekehrt so viel Lob und Anerkennung erhalten, wie wir es brauchen würden. Missverständnisse, Irritationen und Verletzungen werden sich nie vollständig vermeiden lassen. Immer wieder werden andere uns kränken und wir anderen Kränkungen zufügen – ohne dass wir es wechselseitig wollen.

Hier von uns und anderen wegsehen und die Stimme des guten Hirten hören. Geborgen bei ihm mit unseren Gaben und Grenzen weitergehen. Dann können wir miteinander Gemeinde Jesu Christi sein. Amen.