5. November 2017 - 21. Sonntag nach dem Dreieinigkeitsfest


Predigt zu Matthäus 10,34-39

Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, Frieden zu bringen auf die Erde. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter. Und des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein.

Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert. Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und folgt mir nach, der ist meiner nicht wert. Wer sein Leben findet, der wird's verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird's finden.

Liebe Gemeinde!

„Familie und Freunde“ antworten viele auf die Frage, was ihnen am wichtigsten ist. Denn da werden wir akzeptiert wie wir sind, da finden wir Hilfe und Unterstützung. Heute erscheint uns das besonders wichtig, weil unsere Welt unübersichtlich scheint, Ortswechsel und Umzüge notwendig werden, Familien oft zerbrechen.

Früher war die Familie fast noch wichtiger ohne Alters-, Kranken- und Unfallversicherung. Da war die Familie für das Überleben notwendig. Ein Mensch ohne Familie hatte eigentlich keine Chance auf Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und seine Zukunft war ungewiss.

Wenn wir uns beides vor Augen stellen: wie wichtig Familie heute ist und wie lebensnotwendig sie früher war, wird uns klar, wie hart und anstößig dieses Wort Jesu ist.

Um Jesu willen kann es zu Auseinandersetzungen in Familien und Freundeskreisen kommen. Und im Streitfall fordert Jesus von seinen Jüngern, dass sie sich für ihn und gegen die Familie entscheiden.

Er will, dass wir für ihn streiten und nicht um eines faulen Friedens willen falsche Kompromisse machen.

Das alles sind aber nur Bilder für die eigentliche Herausforderung: sein Leben für Jesus einzusetzen. Auseinandersetzungen um seinetwillen wagen. Auch zum Leiden bereit sein.

Für die Jünger Jesu damals war das noch bedrängender als für uns in Deutschland heute. Denn wer sich damals zu Jesus bekannte, er musste mit Ablehnung rechnen. Durch die eigene Familie, die nicht verstand, warum hier jemand seinen Beruf aufgab und mit diesem Wanderprediger aus Nazareth durchs Land zog. Durch die Mächtigen im Land, die Jesus festnahmen und kreuzigten. Und unter Umständen auch seine Anhänger verfolgten.

Für die ersten Christen war es noch bedrängender: Die Römer verfolgten sie mit aller Härte – bis hin zu Prozessen und Hinrichtungen. Und in vielen Ländern heute ist es immer noch so – ob in Nordkorea oder in manchen islamischen Staaten. Dazu noch dort, wo nicht der Staat verfolgt, kann es in manchen muslimischen Familien passieren, dass Familienmitglieder, die Christen werden, aus der Familie ausgeschlossen werden.

Solche Situationen der Verfolgung hat Jesus vor Augen, wenn er hier seine Jünger vorbereitet. Wenn sie vor der Entscheidung stehen: Bekenne ich mich zu Jesus, auch wenn ich dafür von meinen engsten Familienangehörigen und Freunden angefeindet werde? Stehe ich zu meinem Glauben, wenn ich dafür ins Gefängnis geworfen werde?

Da sagt Jesus: Wer mit mir unterwegs ist, hat nicht immer ein friedliches Leben. Auf manche wartet das Schwert eines römischen Soldaten oder die Verhörzelle des nordkoreanischen Geheimdienstes. So wie auf Jesus selbst damals das Kreuz wartete.

Doch mit dieser Vorwarnung verbindet Jesus zugleich eine hoffnungsvolle Perspektive: „Wer sein Leben gewinnen will, der wird es verlieren; wer aber das Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen.“

Also: Natürlich kann es den Jüngern Jesu passieren, dass sie verfolgt werden wie Jesus, dass sie getötet werden wie er – aber dann werden sie auferstehen wie er zu einem neuen Leben. Ein Leben, das ihnen niemand rauben kann. Ein Leben in Gottes Nähe.

Das ist es, was das Leben mit Jesus seinen Jüngern bringt: Eine Hoffnung über den Tod hinaus. Ein Leben ohne Ende. Würden die Jünger Jesus nicht vertrauen, dann hätten sie vielleicht zunächst ein bequemeres und ruhigeres Leben. Das aber mit dem Tod endet.

Warum aber stoßen Jesus und seine Jünger auf so viel Widerstand, dass deshalb Familien zerbrechen und staatliche Zwangsmaßnahmen verhängt werden? Weil, wer an Jesus glaubt, die gewohnten Abläufe in Frage stellt. Der hat damals den römischen Kaiser eben nicht mehr als Gott verehrt, sondern ihn nur noch als Mensch gesehen. Das untergrub seine Gewaltherrschaft. Ebenso ist es heute bei Kim Jong Un in Nord-Korea. Er baut seine Herrschaft auf Personenkult auf. Den Christen nicht mitmachen. Weil sie eben Gott als Gott anerkennen und damit den Menschen als Menschen. In islamisch geprägten Gesellschaften ist es die Verwechslung von Religion und Gesellschaft. Wenn Christen dazukommen, dann wird die Gesellschaft plötzlich vielfältiger. Das empfinden viele als bedrohlich.

Deshalb ist es so wichtig, dass Christen sich nicht einschüchtern lassen von denen, die sich in ihrer Macht oder ihren Gewissheiten von ihnen hinterfragt und angegriffen fühlen. Denn nur wenn öffentlich deutlich wird, wer der wahre Gott ist, kann auch der Mensch sein, was er ist. Denn dort wo sich ein Mensch an die Stelle Gottes setzt, werden den anderen Menschen ihre Rechte genommen – ob es damals im Römischen Reich war, im Deutschland des Nationalsozialismus oder in den Diktaturen heute. Wer würde denn gerne freiwillig in Nordkorea leben? Und die Nazi-Diktatur mit ihren Millionen Toten durch Verfolgung und Krieg steht uns beim Blick auf jedes Kriegerdenkmal vor Augen oder beim Gedenken an den 9. November in wenigen Tagen. Deshalb braucht jede Gesellschaft, ja unsere Welt Christen, die sich nicht verstecken.

Die Jünger Jesu hatten sich damals nicht versteckt. Ebenso nicht die ersten Christen trotz des Drucks der Römer. Nur deshalb hat sich der christliche Glaube bis heute verbreitet – sonst wäre er untergegangen wie viele andere Religionen aus dieser Zeit. In vielen Ländern, in denen heute Christen verfolgt werden, verstecken sich diese Geschwister nicht und setzen damit ein deutliches Zeichen gegen Hass und Gewalt.

Wir in unserem Land haben es viel einfacher. Uns droht weder Gefängnis noch die Todesstrafe. Umso wichtiger ist es, dass wir Christen uns in unserer Gesellschaft nicht verstecken. Dass wir anderen sagen, was uns der Glaube an Jesus bedeutet. Das einzige, was uns passieren kann, ist vielleicht eine blöde Bemerkung oder ein schiefer Blick. Aber in einer Gesellschaft, in der viele nicht mehr automatisch vom christlichen Glauben erfahren, ist dies notwendig.

Ebenso wichtig ist, dass wir Christen uns nicht verstecken, wenn Menschen sich vergöttern und die Rechte anderer Menschen missachten. Wir leben in einer Zeit, in der viele Menschen Angst haben vor einer Welt, die sie als unübersichtlich empfinden, weil sie immer vernetzter und globaler wird. Diese Ängste möchten sie dadurch bewältigen, dass sie versuchen, sich vor dem Fremden abzuschotten. Sie suchen ihre Sicherheit bei Menschen, die ihnen das versprechen. Und Flüchtlinge, Asylbewerber, die Globalisierung oder was auch immer für die Unsicherheit verantwortlich machen. Damit zwar Hass produzieren, aber kein einziges Problem lösen. Hier abtauchen, wäre ein falscher Friede, der am Ende zu mehr Unfrieden führt. Da argumentieren, Brücken bauen, Menschen in ihrer Not helfen. Dazu sind wir Christen aufgerufen.

Wer mit Jesus lebt, soll nicht abtauchen. Sondern auftauchen, wo wir gefragt sind. Glauben, Liebe und Hoffnung stiften. Und damit bleibendes Leben bekommen. Amen.