6. Januar 2016 - Erscheinungsfest


Predigt zu Epheser 3,2-3a.5-6

Liebe Gemeinde!

Vor einigen Jahren hatte ich die Konfirmation in Bernstadt und Hörvelsingen zu machen – die Konfirmationen in beiden Gemeinden getrennt, der Unterricht am Mittwochnachmittag und das Konfi-Wochenende zusammen. Am Wochenende ging es dann um die Zimmerbelegung und ich wollte eine Gruppe Jungs ins selbe Zimmer zusammen tun. Da sagte einer der Bernstadter Konfirmanden: „Aber den wollen wir nicht im Zimmer haben!“ Bei so einer Aussage gehen im Kopf des Gruppenleiters gleich alle Alarmleuchten an. Ich fragte: „Warum nicht?“ „Das ist ein Hörvelsinger!“ Ich schaute wohl etwas irritiert und fragte zurück: „Und was hat das mit der Übernachtung zu tun?“ Der Konfirmand schaute mich genauso irritiert an und wusste wohl nicht, warum mich sein Argument – „Das ist ein Hörvelsinger!“ – nicht überzeugte.

Ein Erlebnis, das mir zeigte: Wir Menschen sind ständig dabei uns abzugrenzen. Linien zu ziehen – sie mögen sinnvoll sein oder nicht. Es mag ja für das Vermessungsamt sinnvoll sein, Bernstadt von Hörvelsingen abzugrenzen – bei der Zimmerverteilung auf dem Konfi-Wochenende macht es nun definitiv keinen Sinn. Aber wir brauchen das offensichtlich trotzdem: Die Definition, wer gehört zu uns und wer nicht. Das gibt uns Sicherheit und Orientierung.

Wir erleben es ja in verschärfter Weise in der Flüchtlingsdiskussion. Wenn ich Menschen zu bestatten habe, die nach dem zweiten Weltkrieg als Heimatvertriebene hierher kamen, dann wird oft erzählt, wie schwer sie es am Anfang hatten. Wie stark sich die Einheimischen gegenüber den „Flüchtlingen“ abgrenzten. Nicht anders, als es heute oft gegenüber denen geschieht, die jetzt zu uns kommen. Wenn ich dann sage: Deutschland hat es in schwierigerer Zeit doch auch schon geschafft, Flüchtlinge aufzunehmen, dann kommt häufig rasch: Aber das waren damals doch Deutsche. Obwohl erst im Rückblick der evangelische Ostpreuße bei den katholischen Schwaben in Oberstotzingen als einer von ihnen gilt – nämlich erst nach 70 Jahren und im Vergleich zum kosovarischen Muslim heute. Damals war die Abgrenzung offensichtlich meist genauso groß.

Grenzlinien entsprechen also einem menschlichen Grundbedürfnis. Und sind dennoch ein Problem: weil sie uns der Chance berauben, Neues kennen zu lernen. Uns zu verändern. Weil wir vielleicht Menschen in Not nicht helfen, weil wir sie ausgrenzen. Oder – im Beispiel vom Anfang mit den Konfirmanden – damit eine unnötige Spannung in eine Gruppe tragen. Deshalb müssen wir sehr genau hinschauen, wenn wir uns abgrenzen: Ist die Grenze wirklich nötig? Was passiert, wenn wir sie öffnen oder wenn wir sie überschreiten?

An dieser Frage ist der Apostel Paulus mit seiner Gemeinde in Ephesus im eben gehörten Briefabschnitt. Auch dort gab es klare Grenzlinien: Christen, die vorher Juden waren, grenzten sich von denen ab, die griechische Götter verehrt hatten – Judenchristen gegen Heidenchristen, wie man es nannte. Natürlich standen – wie oft bei religiösen Grenzziehungen – soziale und landsmannschaftliche Grenzen im Hintergrund: zwischen Reichen und Armen, Mächtigen und Beherrschten, Griechen, Römern, Asiaten und Hebräern. Es geht um die Frage; Wer ist drinnen und wer draußen? Wer gehört zu uns und wer ist Außenseiter? In oder out?

Da gibt Paulus den Ephesern das Geheimnis Gottes weiter: Die Heiden gehören mit zum Leib Christi wie die Juden, die Gemeinde Jesu Christi ist eine Einheit.

Warum? Weil Christus die Grenzen zwischen den Menschen überwindet. Wir feiern das ja in diesen Tagen zwischen Weihnachten und dem heutigen Erscheinungsfest: Die Heiden, die Weisen aus dem Morgenland, kommen nach Jerusalem und Bethlehem und beten den Messias Israels an. Die Reichen legen Königsgaben – Gold, Weihrauch und Myrrhe – in einem armen Stall in einen Futtertrog. Der große Gott wird ein kleiner Mensch.

Dieses Geschehen beschreibt der Apostel hier etwas abstrakt mit den Begriffen „Gnade“ und „Offenbarung“. Gnade heißt: Gott öffnet sich. Offenbarung bedeutet: Gott zeigt uns sein Inneres. Das geschieht in diesem Kind von Bethlehem. Gott bewegt sich über die Grenzen auf uns Menschen zu.

Arabische Christen feiern deshalb in der Nacht zum Erscheinungsfest: Die Pforten des Himmels stehen offen.

Damit wird die Gemeinde Jesu Christi eine Gemeinschaft, die Grenzen überschreitet. Hier ist der Ort, wo Menschen sich begegnen. Dass das geschieht: Dazu will Paulus in seinem Amt beitragen.

Deshalb müssen wir als Christen bereit sein, uns stets zu hinterfragen: Welche Grenzen richten wir auf? Sind diese Grenzen nötig oder hindern sie Menschen, zu uns zu kommen? Strahlen wir Abgrenzung aus, wo es uns gar nicht bewusst ist?

Das gilt natürlich für die Fremden, die in unser Land kommen – und sich gerne integrieren möchten. Aber da ist uns Christen die Herausforderung so offensichtlich, dass uns da Offenheit verhältnismäßig leicht fällt. So habe ich es wieder bei der Weihnachtsfeier mit den Kosovaren hier in unserem Gemeindehaus erlebt.

Als viel schwieriger empfinde ich es bei unserem Umgang mit der immer vielfältiger werdenden Lebenswelt um uns herum. Was meine ich damit?

Ich sage es mal biographisch: Als ich Konfirmand war 1977/78 gab es in unserer Gemeinde den Predigtgottesdienst und den anschließenden Kindergottesdienst. Das genügte – beide waren gut besucht. Heute ist es nötig, hier eine größere Vielfalt zu entwickeln. Weil junge Eltern andere Bedürfnisse und Zeitstrukturen haben als Rentner, Jugendliche einen anderen Musikgeschmack als Erwachsene. Unsere Schwierigkeit ist, von denen her zu denken, die noch nicht da sind.

Wie schnell ziehen wir da Grenzen – Grenzen durch unsere Gewohnheiten mit der alten „Killerphrase“: „Das haben wir schon immer so gemacht!“. Ohne zu sehen, dass wir viele damit schon immer ausgeschlossen haben. Grenzen durch unsere Vorlieben: „Ich mag nun mal Paul-Gerhardt-Choräle.“ Ohne wahrzunehmen, dass andere Menschen andere Musikstile mögen. Grenzen durch unsere Bequemlichkeit: „Wenn wir jetzt für jeden Taufe feiern wie er will, dann sind wir ja wie im Supermarkt.“ Ohne zu erkennen, dass wir Dienstleister sind und anderen Lebensrhythmen entgegenkommen müssen.

Das geht nur mit größter Experimentierbereitschaft. Ausprobieren, sehen wie es läuft und weiterentwickeln. Mut haben, auch zu scheitern. Und immer wieder von denen jenseits unserer Grenze her zu denken. In der Nachfolge des Gottes, der sich öffnet zu den Menschen. Eine Gemeinde werden, die vielen Raum bietet. Amen.