6. Januar 2017 - Erscheinungsfest


Predigt zu Johannes 1,15-18

Johannes zeugt von Jesus und ruft: Dieser war es, von dem ich gesagt habe: Nach mir wird kommen, der vor mir gewesen ist; denn er war eher als ich.

Von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade. Denn das Gesetz ist durch Mose gegeben; die Gnade und Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden. Niemand hat Gott je gesehen; der Eingeborene, der Gott ist und in des Vaters Schoß ist, der hat es verkündigt.

Liebe Gemeinde!

„Brauchst Du Hilfe?“ Können Sie diese Frage genau so wenig leiden wie ich? Denn wenn uns das jemand fragt, haben wir nach außen offensichtlich einen hilflosen Eindruck gemacht. Und den will ja niemand nach außen vermitteln. Meine Antwort ist dann meist: Wenn ich Hilfe brauche, sage ich es schon!

Ja – auf Hilfe angewiesen sein, will niemand. Im eigenen Leben fällt uns das vielleicht weniger auf, als in dem unserer Mitmenschen. Senioren sagen das oft so: Nur nicht jemand zur Last fallen. Nur nicht auf fremde Hilfe angewiesen sein. Mir wurde das deutlich als ich mein Freiwilliges Soziales Jahr in der Diakonie-Sozialstation machte. Wenn wir unsere Patienten versorgten, mussten sie sich nach unseren Arbeitsrhythmen richten. Das hat mich manchmal nachdenklich gemacht: Wenn andere für mich entscheiden, wann ich aufstehen, mich anziehen, essen, duschen, auf die Toilette gehen, zu Bett gehen soll – das muss doch schlimm sein.

Oder in meiner Ulmer Zeit hat wir ein Jahr lang eine Berufskollegiatin, die an einer autistischen Störung litt. Das heißt, sie war stark auf sich selbst konzentriert. Wenn sie bei uns im Café während des Schülermittagstischs viele Bestellungen aufnahm, versuchte sie alleine alle Getränke einzuschenken und alle Essen an den Tisch zu bringen. Das hätte sehr lange gedauert. Meine Frage: „Soll ich dir helfen?“ beantwortete sie stets mit „Nein!“ Ich habe dann gelernt, dass ich ihr so helfen musste, dass es ihr System nicht störte. Wenn sie sich gerade mit den Getränken beschäftigte, trug ich schon das Essen auf oder umgekehrt. Dann war sie auch froh über die Hilfe.

Ich habe gelernt: Wirksame Hilfe darf den anderen nicht bevormunden, abwerten, einschränken, durcheinanderbringen. Die Dinge tun, die der andere gerade nicht auf den Schirm bekommt. Am besten unaufdringlich und unbemerkt handeln.

Eigentlich merkwürdig: Jeder von uns hilft lieber, als dass er Hilfe in Anspruch nimmt. Denn Hilfe geben, entspricht eher unserem Selbstbild einer starken Person. Und wir wollen wie gesagt gerne nach außen stark wirken. Aber wir wissen im Grunde unseres Herzens: So stark sind wir nicht, dass wir alles alleine meistern könnten. Jeder Mensch ist auf Hilfe angewiesen – die Herausforderungen in unserer Welt sind so, dass sie niemand als Supermann des Alltags im Alleingang schafft. Sondern wir stehen den Herausforderungen oft hilflos gegenüber.

Diese merkwürdige Schizophrenie: Auf Hilfe angewiesen sein und doch nicht als hilflos erscheinen zu wollen, sie wirkt sich auch aus auf unser Verhältnis zu Gott. Ich denke da an einen Schüler, den ich vor vielen Jahren in einer achten Klasse hatte. Er hielt Glaube für unnötig er sei doch selber so stark, dass er keinen Gott brauche, der ihm hilft. Deshalb war er sehr erstaunt, als ich eine Statistik präsentierte, dass die Menschen immer stärker an Gott glauben je älter sie werden. Das passte nicht zu seiner Vorstellung, dass der Glaube nur etwas für kleine Kinder sei. Ich sagte ihm dann: Weißt du, mit vierzehn denken viele: Ich habe alles im Griff! Ich kann alles selber! Aber je älter man wird, desto mehr erlebt man: Ich kann nicht alles! Ich erlebe mein Scheitern und meine Grenzen.

Diese Erfahrung steht wohl auch hinter dem Satz des Täufers Johannes, der im eben gehörten Bibelwort zitiert wird: Er weist auf Jesus hin, der vor ihm und nach ihm ist. Nicht Johannes steht im Mittelpunkt, sondern Jesus. Johannes kann sich selbst nicht so wichtig nehmen und deshalb die Menschen auf Jesus aufmerksam machen. „Nach mir wird kommen, der vor mir gewesen ist, denn er war früher als ich.“ Niemand von uns kann sein Leben beginnen, wenn nicht zuvor schon vieles vorbereitet ist. Das Leben selbst mit allen unseren Fähigkeiten und Begabungen ist uns geschenkt. Wir waren von Anfang an auf Menschen angewiesen, die für uns gesorgt haben. Darin zeigt sich die Güte Gottes, der wir unser Leben verdanken.

Aber das geht ein Leben lang so weiter. Im Zeugnis des Täufers heißt es: Von seiner – Jesu - Fülle haben wir alle genommen Gnade über Gnade. Das Wort Gnade bedeutet: Gott ist für uns da. Er schenkt uns vieles, über das wir uns freuen können. Wir können weder einen Sonnenaufgang selber machen noch das Wetter. Ja selbst, ob wir gesund bleiben, ist nur zum Teil von uns beeinflussbar. Wir leben von dieser Gnade Gottes. Von seiner Hilfe. Von seinen Geschenken.

Das wird hier nochmals verdeutlicht an Zeichen von Gottes Zuwendung: das Gesetz des Mose. Wo Gott seine Leute in der Wüste begleitet. Sie nicht alleine lässt. Die Gnade und Wahrheit durch Jesus Christus. Dass da einer freundlich und verlässlich an unserer Seite steht. Gott zeigt sich als der, der für uns da ist.

Deshalb wird hier zusammengefasst: „Niemand hat Gott je gesehen, aber der einzige Sohn – also Jesus Christus -, der Gott ist und in des Vaters Schoß ist, der hat ihn uns verkündigt.“ Wir nehmen oft Gott gar nicht wahr, obwohl wir von seiner Gnade, seinen Geschenken an uns, leben. So lange es uns gut geht, führen wir das häufig eher auf unsere eigene Leistung zurück. Weil das zu unserem Selbstbild eines starken, von Hilfe unabhängigen Menschen passt. Nach Gott fragen wir oft erst, wenn unser Leben nicht wunschgemäß verläuft. Man fragt dann: „Warum lässt Gott das Böse zu?“ Aber vorher nicht: „Warum schenkt mir Gott so viel Gutes?“

Wenn wir aber auf Jesus Christus sehen, auf seine Hilfe für die Menschen, für uns, dann wird etwas sichtbar von Gottes Wirklichkeit. Wer eingesteht: Ich bin auf die Fürsorge und Hilfe Gottes angewiesen, nimmt Gott wahr.

Im Behördendeutsch gibt es die Bezeichnung „Zuwendungsbestätigung“. Das bedeutet: Eine gemeinnützige Organisation wie ein Verein oder eine Kirchengemeinde bestätigt einem Spender, dass sie eine Spende von ihm erhalten hat. In Bezug auf Gottes Hilfe könnten wir dieses Wort anders gebrauchen: Gott schenkt uns seine Zuwendung. Und Jesus Christus ist die Zuwendungsbestätigung Gottes an uns. An ihm sehen wir: Gott ist für uns da!

Brauchst du Hilfe? Gerne lassen wir uns so nicht fragen. Aber wenn wir ehrlich sind, wissen wir: Wir sind auf Gott und seine Hilfe angewiesen. Und wie ich es am Anfang von unserer Hilfe sagte, so ist es auch bei Gottes Hilfe für uns: Wirksame Hilfe darf den anderen nicht bevormunden, abwerten, einschränken, durcheinanderbringen. Die Dinge tun, die der andere gerade nicht auf den Schirm bekommt. Am besten unaufdringlich und unbemerkt handeln.

So hilft uns Gott, ohne dass wir ihn oft bemerken. Wenn wir aber Gottes Zuwendung bewusst erkennen – durch Jesus Christus, Gottes „Zuwendungsbestätigung“ -, dann erkennen wir etwas von Gottes Wirklichkeit. Das schützt uns vor Selbstüberschätzung und Selbstüberforderung. Und davon, vor den Herausforderungen unseres Lebens zu verzweifeln. Sondern wirklich aus Jesu Fülle „Gnade um Gnade“ zu empfangen. Seine Hilfe in Anspruch nehmen, statt autistisch nur auf uns fixiert zu sein. Dann gilt heute am Ende der Weihnachtszeit und am Anfang eines neuen Jahres der Vers des bekannten Weihnachtsliedes:

Steht auch mir zur Seite,

still und unerkannt,

dass es treu mich leite

an der lieben Hand. Amen.