6. März 2016 - Laetare


Predigt zu 2. Korinther 1,3-7

Liebe Gemeinde!

Wenn wir einen Menschen beim Start ins Leben begleiten, dann fragen wir manchmal: In was für eine Welt ist er hineingeboren? Was kommt da auf ihn zu im Leben in dieser Welt? Da gibt es vieles, wo wir denken: Darauf kann er sich freuen! Und manches, wo wir denken: Unsere Welt ist nicht so, wie sie sein sollte. Wie können wir ihn beim Start in diese Welt begleiten?

Meine Zehntklässler haben es noch drastischer geschrieben. Auf meine Anfrage zu Beginn des Schuljahres: Wenn ich Gott eine Frage stellen könnte…, schrieb einer: „Warum passiert so viel Scheiße in der Welt?“ Fragen, die jeder von uns kennt. Wenn wir in diese Welt blicken. Eine Welt im Stress, eine Welt unter Druck. Man könnte auch sagen: Eine Welt, die nicht ganz bei Trost ist.

Vieles, was in dieser Welt geschieht, löst bei uns Angst aus. Diese Angst führt zur Abwehr von allem, was uns Angst macht. Und zur Aggression gegen alles, das uns Angst macht.

Wir merken diese Angst und Aggression derzeit vor allem in der Flüchtlingsdiskussion. In der Forderung nach Obergrenzen. In der Gewalt gegen Menschen und Sachen. Im Zuspruch, den die einfachen Lösungen radikaler Parteien finden. Doch ängstliches und aggressives Verhalten löst Verletzungen aus. Verletzungen, die zu weiteren Ängsten und Aggressionen führen.

Das ist nicht erst heute so. Auch der Apostel Paulus schreibt die eben gehörten Zeilen an eine Gemeinde, in der es Angst, Aggression und Verletzungen gibt. Weil diese Gemeinde in der griechischen Hafenstadt Korinth unter Druck ist. Unter Druck eines feindlichen Regimes. Unter Druck ihrer nichtchristlichen Umwelt. Das führt zu Verletzungen.

Wir Menschen tun dann einander weh, wenn wir uns danach sehnen, dass das aufhört, was uns Angst macht. Wenn wir Trost brauchen und nicht bekommen. Deshalb hat die Gemeinde unter Druck in Korinth auch Paulus angegriffen. Und er antwortet: Ihr müsst getröstet werden und trösten. Aber wie soll das geschehen?

Es sind drei Schritte:

  1. Getröstet von Gott
  2. Getröstet durchhalten
  3. Getröstet trösten

Zuerst: Getröstet von Gott. Gott lässt sich auf diese Welt ein, wie sie ist. Auf diese Welt unter Druck. Die nicht so ist, wie wir sie uns wünschen. Die wir manchmal so beschreiben: Das Leben ist kein Ponyhof. Oder: Das Leben ist kein Wunschkonzert. Oder in der Sprache des Zehntklässlers: Es passiert so viel Scheiße in der Welt.

In diese Welt begibt sich Gott hinein in Jesus von Nazareth. Er setzt sich dem Leid aus von der Geburt im Viehstall bis zum Tod am Kreuz. Aber darin würde noch kein Trost stecken. Was hilft es den Leidenden, wenn Christus ebenso leidet?

Tatsächlich: Wenn der Karfreitag das Ende des Weges Jesu gewesen wäre, könnte Gott in Christus nicht trösten. Aber Jesus hat das Leid besiegt durch seine Auferstehung. Und damit gezeigt: Es gibt in dieser Welt eine Kraft, die stärker ist als das Leid. Die Kraft Gottes, die Leben schafft. Die Christus auferweckt hat. Von diesem Weg Jesu ins Leid und aus dem Leid hinaus sagt Paulus: „Wie die Leiden Christi übermäßig in uns sind, werden wir auch getröstet durch Christus.“ Deshalb kann er Gott als Vater der Barmherzigkeit – also des Mitleides – und Gott allen Trostes bezeichnen. Durch diese Kraft werden wir getröstet von Gott. Das war der erste Schritt.

Und der zweite: Getröstet durchhalten. Wer dieser Lebenskraft Gottes vertraut, hat Hoffnung. Dass Gott einen Ausweg hat aus dem Leid. Eine Perspektive über diese Welt, die nicht ganz bei Trost ist, hinaus. Das gibt Widerstandskraft gegen alles Böse. Dann brauche ich auf das Leid in dieser Welt nicht mit Angst und Aggression reagieren. Mich nicht in den Hass und das gegenseitige Verletzen hineinziehen lassen. Weder Optimismus noch Hoffnung brauche ich mir nehmen zu lassen. Ich habe Geduld. Getröstet halte ich durch – der zweite Schritt.

Daraus folgt der dritte: Getröstet trösten. Wer erlebt, dass Gottes Kraft ihn trägt, der kann anderen zur Seite stehen die Trost brauchen. Das heißt nicht unbedingt: Mit schönen Worten das Leid der anderen zukleistern oder Durchhalteparolen ausgeben. Sondern: Für jemand da sein, der Schweres durchmacht. Vielleicht ganz praktisch helfen.

Ich weiß noch, wie ich als Grundschüler mir irgendwann überlegt hatte, was eigentlich ein Pfarrer den ganzen Tag arbeitet. Ich erlebte in meinen ersten drei Schuljahren den Pfarrer eigentlich nur bei den Schuljahresanfangsgottesdiensten. Und vom Hörensagen wusste ich, dass der wohl so etwas Ähnliches am Sonntagmorgen macht. Aber das ist ja nicht viel Arbeit. Das kann ja nicht alles sein. Und so fragte ich meine Mutter: Was arbeitet ein Pfarrer? Und sie antwortete mit einem Satz, der sich mir ganz tief eingeprägt hat: „Der tröstet die Leute, die traurig sind.“ Das hat mir sofort eingeleuchtet, dass das wichtig ist und dass man dafür viel Zeit braucht. Heute weiß ich, dass meine Mutter Recht hatte – aber auch, dass wir manchmal in der Kirche einen Betrieb entfalten, der uns nur noch wenig Zeit dafür lässt. Doch genau dafür sind wir da. Zeit zu haben für Menschen in einer Welt, die nicht ganz bei Trost ist. Als Kirche, die getröstet von Gott getröstet durchhält und getröstet tröstet. Amen.