6. November 2016 - Drittletzter Sonntag im Kirchenjahr


Predigt zu Römer 14,7-9

Liebe Gemeinde!

Wozu ist die Kirche da? Bei manchen scheint das recht klar zu sein: Besitzer von Wanderzirkussen, die gerade jetzt Nahrung für ihre Tiere kaufen müssen, Rumänen, die dringend eine Fahrkarte nach zu Hause brauchen, jemand der in einer wichtigen Familienangelegenheit nach Österreich muss, aber kein Geld zum Tanken hat, Blindenwerkstätten, die Putzlappen oder Tischdecken verkaufen wollen … Die Enttäuschung nicht deshalb, weil man nicht gerne einem Menschen in Not helfen will. Sondern weil mich das Gefühl beschleicht: Da tischt mir einer eine erfundene Geschichte auf, um Geld zu bekommen. Ich komme mir da immer ausgenutzt vor. Und frage mich: Ist das der Daseinszweck von Kirche – finanzieller Notnagel von gescheiterten Zirkus-Geschäftsmodellen? Zubrotspender für Migranten, die in ihrer Unterkunft versorgt sind? Geldgeber für Menschen in finanzieller Klemme? Ich habe erst im ständigen Pfarrdienst gelernt, wie viele Wanderzirkusse und Blindenwerkstätten es in Deutschland gibt.

Bitte keine Missverständnisse: Ich helfe gerne, wenn jemand in Not ist. Aber dazu würde ich ihn gerne länger begleiten, um zu wissen, welche Hilfe er braucht. Aber daran sind die Menschen an der Haustür nicht interessiert. Kirche als Geldquelle, wenn es klemmt. So werden wir wohl oft in den Augen vieler gesehen.

Andere Zeitgenossen – materiell bessergestellt – weisen der Kirche andere Aufgaben zu: Sie ist dazu da, Werte und Normen zu vermitteln. Die Moral hochzuhalten. Das sehen wir in den Bildungsplänen für den Religionsunterricht, die hier einen starken Schwerpunkt haben.

Für andere ist die Kirche ein wichtiger Anbieter von Sozialleistungen. Nicht nur im Sinne meiner Beispiele vom Anfang. Sondern ebenso als Träger von Kindertagesstätten und Sozialstationen, von Betreuungsmöglichkeiten für Jugendliche und Angeboten für Senioren. Das sind zweifellos wichtige kirchliche Handlungsfelder – aber letztlich nicht der erste Daseinszweck der Kirche. Denn schaut man in die entkirchlichten Gebiete Ostdeutschlands, weiß man: Alle diese Angebote können auch Sozialverbände außerhalb der Kirchen, außerhalb von Diakonie und Caritas machen: die Arbeiterwohlfahrt oder die Volkssolidarität, das Rote Kreuz oder der Paritätische Wohlfahrtsverband.

Schließlich halten manche die Kirche für die Hüterin der Tradition. Bewahrerin von schönen Erinnerungen an die Kindheit und Jugend. An Krippenspiele und Zeltlager, an Lieder und Geschichten. Und natürlich haben wir eine lange Tradition der Glaubensgeschichte zu pflegen. Aber manchmal klebt man dabei sehr am Vergangenen. Immer wieder rufen mich ehemalige Konfirmanden oder Schüler an, ob ich sie trauen würde. Einerseits finde ich das immer sehr ermutigend, weil ich im Unterricht offensichtlich doch nicht ganz so abschreckend gewirkt habe. Andererseits aber macht mich das sehr traurig, weil mir die Anfrage zeigt, dass diese Menschen in den letzten zehn oder fünfzehn Jahren mit keinem Pfarrer mehr zu tun hatten und mit ihrer Anfrage nicht sich an ihre Wohnortgemeinde richten – und damit in die Zukunft – sondern an jemand aus ihrer Vergangenheit.

Moral, Soziales, Traditionelles – sicher wichtig. Aber ist das wirklich der erste Grund, warum es die Kirche gibt? Wäre sie dann nicht einem Verein oder einem Sozialverband zu ähnlich? Würden nicht – wenn es keine Kirche mehr gäbe – diese Aufgaben von anderen Organisationen problemlos übernommen und weitergeführt werden? Was also ist – wie man das im Geschäftsleben so sagt – das „Alleinstellungsmerkmal“ der Kirche?

Dieses Alleinstellungsmerkmal stellt der Apostel Paulus der Gemeinde in Rom vor Augen. Er tut es, weil dieses Alleinstellungsmerkmal bei den Römern ebenso aus dem Blick zu geraten droht, wie häufig bei uns. Die Römer damals stritten sich um Speisegebote und anderes. Da sagt Paulus: Nehmt euch und das, was euch wichtig ist, nicht zu wichtig. Sondern ihr gehört nicht euch selbst. Nicht im Leben und schon gar nicht im Sterben.

Und das ist das Zentrum der Kirche als der Gemeinde Jesu Christi: „Denn unser keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber. Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn. Denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, dass er über Tote und Lebende Herr sei.“

Das Zentrum ist also: Wir haben einen Herrn, der stärker ist als der Tod. Mit dem wir eng verbunden sind – und diese Verbindung löst sich selbst mit dem Ende unseres irdischen Lebens nicht auf.

Das unterscheidet unsere Beziehung zu Christus von allen anderen Beziehungen unseres Lebens sonst. Alle Gemeinschaft, alle Gespräche, alles Miteinander enden mit dem Tod. Nur die Gemeinschaft mit Christus nicht.

Dafür hat Jesus den Tod und die Auferstehung auf sich genommen. Dass er seine Macht über den Tod zeigt. Darum kann uns nichts und niemand aus seiner Hand reißen. Deshalb hat die Gemeinschaft mit Jesus Bestand.

Deshalb ist die Kirche kein bloßer Verein oder Sozialverband. Denn diese Vereinigungen sind Vereinigungen von Menschen. Die auch mit dem Tod eines Mitglieds enden. Da bleibt das „ehrende Andenken“, das in Nachrufen häufig beschworen wird, aber mehr nicht.

Anders ist das bei der Gemeinde Jesu Christi. Weil Christus selbst Teil dieser Gemeinschaft ist. Er trägt diese Gemeinschaft. Er prägt sie. Und er hält sie sogar über den Tod hinaus. Die Gemeinde Jesu Christi umfasst die Lebenden und die, die uns bereits in Gottes Ewigkeit vorausgegangen sind.

Als ich Konfirmand war, wurden in unserer Gemeinde die Verstorbenen immer mit diesem Bibelvers abgekündigt. In der großen Gemeinde war das häufig der Fall und so habe ich diesen Satz oft gehört. Die dort genannten Menschen kannte ich meist nicht, aber ein Bild stand mir vor Augen: Auch wenn ein Mensch aus diesem Leben fällt, wird er von Gott aufgefangen.

Deshalb gibt es die Kirche, die Gemeinde Jesu Christi. Dass diese Hoffnung lebendig gehalten, diese Botschaft weiter gesagt wird: Christus ist der Herr über Lebende und Tote. Christus ist stärker als alles, was unser Leben bedroht. Wir bleiben in seiner Hand geborgen.

Wer sonst soll diese Botschaft weitergeben, wenn nicht wir Christen, die auf Jesu Tod und Auferstehung vertrauen? Das ist unser Alleinstellungsmerkmal. Deshalb muss diese Botschaft laut werden, wenn wir Soziales, die Moral oder die Tradition pflegen. Nicht immer durch unsere Worte, aber durch unser Tun, durch das, was wir ausstrahlen. Also wie ich der Vertreterin des Wanderzirkus begegne. Ich habe für mich den Grundsatz: Ich gebe erst Geld, wenn ich ein Gespräch geführt habe. Und einmal sagte mir tatsächlich ein Wohnsitzloser danach: Viel wichtiger als das Geld, das Sie mir gegeben haben, war, dass Sie mir zugehört haben.

In unserer Arbeit mit Kindern und Jugendlichen muss zum Ausdruck kommen, was die Ordnung des Evangelischen Jugendwerks so sagt: „Das Besondere der evangelischen Jugendarbeit besteht in ihrem Verkündigungsauftrag. Dieser hat seinen Grund und seinen Inhalt im Werk und Leben des geschichtlichen Jesus von Nazareth und in seiner Auferweckung durch Gott.“ Und nur, wenn das von aller unserer Arbeit gilt, haben wir unseren Daseinszweck als Kirche Jesu Christi. Amen.