7. April 2019 - Judica


Predigt zu Johannes 18,28-19,5

Da nahm Pilatus Jesus und ließ ihn geißeln. Und die Soldaten flochten eine Krone aus Dornen und setzten sie auf sein Haupt und legten ihm ein Purpurgewand an und traten zu ihm und sprachen: Sei gegrüßt, König der Juden!, und schlugen ihm ins Gesicht.

Und Pilatus ging wieder hinaus und sprach zu ihnen: Seht, ich führe ihn heraus zu euch, damit ihr erkennt, dass ich keine Schuld an ihm finde. Da kam Jesus heraus und trug die Dornenkrone und das Purpurgewand. Und Pilatus spricht zu ihnen: Sehet, welch ein Mensch!

Liebe Gemeinde!

Es ist gut, dass es Schubladen gibt – die machen das Leben leichter. In Schränken, Schreibtischen, Nachtkästchen … überall kann dank der Schubladen vieles verstaut, geordnet und aufgeräumt werden. Nur manchmal packe ich so viel Dinge in meine Schubladen, dass es zwar von außen ordentlich aussieht, ich aber in der Schublade nichts mehr finde. Dinge in der Schublade vergessen werden, dass ich gar nicht mehr weiß, dass ich sie überhaupt besitze.

Doch Schubladen gibt es nicht nur in Möbelstücken. Sie gibt es genauso in unseren Köpfen. Zumindest im übertragenen Sinn. Auch da sind Schubladen hilfreich, um Ordnung zu schaffen. Dinge, die mir begegnen, kann ich rasch einordnen. Doch oft schiebe ich andere Menschen allzu rasch in Schubladen. Sie gehen dann in meinen Schubladen im Kopf so verloren, dass sie keine Chance haben, mehr herauszukommen.

Beispiele gibt es genug: Es ist erwiesen, dass Lehrer einem Kind, das Kevin oder Jaqueline heißt, schon mit Vorurteilen begegnen. Es wird gleich in die Kategorie „Störer“ einsortiert. Nur vom Namen her, ohne die Kinder zu kennen. Oder: Dass Schwaben grundsätzlich sparsam, Rheinländer immer fröhlich und Hamburger stets arrogant seien. Wir merken rasch: Schubladen im Kopf werden einem Menschen nie gerecht, weil wir ihn nicht als eigenständige, individuelle Persönlichkeit wahrnehmen.

Und besonders hart wird es für uns, wenn wir merken: Die anderen haben mich in eine Schublade einsortiert, aus der ich nicht mehr herauskomme. Ich kann machen, was ich will: alles wird immer nur negativ gesehen. Ich habe das glücklicherweise selten erlebt – aber manchmal spürte ich das in meinem Leben in Schulklassen oder Konfi-Gruppen, wo ich wusste: Die halten alles, was ich mit ihnen mache, grundsätzlich für doof – und mich dazu ganz besonders. Da strengt man sich zunächst mehr an, um die Blockade zu überwinden. Wenn es aber nichts bringt, dann macht man alles nur noch irgendwie – weil es doch nicht wertgeschätzt wird.

Andere kennen das vielleicht von Mobbing-Situationen unter Kollegen oder Nachbarn – wenn man mal in der „Opfer-Schublade“ drin ist, kann man nichts mehr recht machen.

So etwas gab es zu allen Zeiten – das haben wir gerade gesehen am Bericht vom Verhör Jesu durch Pilatus. Der römische Verwalter in Israel – Pontius Pilatus – hatte nur zwei Schubladen: „Macht“ und „Wahrheit“.

Macht: da wurden die Menschen einsortiert, die ihm gefährlich hätten werden können.

Wahrheit: In Auseinandersetzungen wird oft um die Deutung der Wahrheit gekämpft. Jeder will recht haben und seine Sicht auf die Welt durchsetzen. Deshalb werden heute Fake News in die Welt gesetzt. Werden Menschen verleumdet. Deshalb gibt es den Satz: In jedem Krieg stirbt die Wahrheit als Erstes.

Nun aber steht Jesus vor Pilatus. Er wird ihm angezeigt als neuer König, der die Machtansprüche der Römer bekämpft. Also als gefährlicher Aufständischer. Muss Pilatus ihn in die Schublade „Macht“ einsortieren?

Doch Jesus entzieht sich allen Schubladen. Er sagt: Ja ich bin ein König – aber mein Reich ist anders als die Reiche dieser Welt. Ich bin gekommen, dass ich die Wahrheit bezeuge.

Das passt weder in die Schublade „Macht“ noch in die Schublade „Wahrheit“ bei Pilatus. Er weiß nicht, was er mit Jesus anfangen soll. Er peitscht ihn aus. Er will ihn freilassen und dann doch wieder nicht. Er will ihn statt eines anderen Gefangenen freigeben im Rahmen einer Amnestie zu Passa, macht nach Protesten aber wieder den Rückzieher. Schließlich gibt Pilatus Jesus in die Hand seiner Soldaten, die sich über Jesu Machtanspruch und über Jesu Wahrheitsanspruch nur lustig machen. Ihm die Dornenkrone aufsetzen. Wenn ich jemand nicht einsortieren kann, kann ich ihn nur lächerlich machen. Gewissermaßen nach Macht und Wahrheit noch die dritte Schublade: Witzfigur.

Jesus bleibt bei seinem Anspruch, der in keine Schublade passt. Und lässt sich von Pilatus, der Menschenmenge und den Soldaten in deren Schubladen pressen. Er wird zum Objekt der anderen gemacht. Er wird Opfer ihres Machtstrebens und ihrer Wahrheitsdeutungen. Er nimmt dieses Leid auf sich. Und am Ende sagt Pilatus: Seht, was für ein Mensch.

Damit spricht der Römer mehr aus, als er selbst ahnt. Jesus ist ein Mensch, der leidet unter den anderen Menschen. Die ihn in Schubladen einsortieren und aburteilen. Der damit sich auf die Seite aller Opfer stellt. Auf die Seite aller, die bis heute leiden unter der Macht von Unterdrückern. Über die falsche Wahrheiten in Umlauf gebracht werden. Keiner von ihnen ist mehr allein – und wenn die Unterdrücker sie noch so einsam machen wollen. Diesen Menschen steht der Mensch Jesus zur Seite.

Zugleich ist Jesus mehr als nur ein Mensch, der unter der Gewalt anderer Menschen leidet. Denn sonst könnte er ja keinem Leidenden helfen. Menschen im Leid könnten fragen: „Was bringt es mir, dass Jesus mit mir leidet?“

Doch in Jesus ist Gott selbst Mensch geworden. In ihm kommt Gott an die Seite der Leidenden. Mit der ganzen Kraft Gottes. Deshalb kann Jesus sagen: Ja, ich bin ein König. Ja, ich bin ein Herrscher – aber meine Herrschaft ist anders als die der Herrscher dieser Welt.

Der Gewalt, der Unterdrückung, der Willkür der Römer und der Volksmenge setzte Jesus die Kraft der Liebe Gottes entgegen. Und sie sprengte alle menschlichen Schubladen – am Ostermorgen sogar das Grab und den Tod. Als Jesus auferweckt wurde, wurde sein Zeugnis für die Wahrheit von Gott bestätigt. Seitdem gibt es eine Perspektive über unsere menschlichen Schubladen hinaus. Über unsere menschlichen Machtansprüche und Wahrheitsdeutungen hinaus. Die Perspektive auf Gott, der das alles besiegt. Der seine neue Welt schaffen wird, in der nicht Gewalt, sondern Liebe regiert, nicht die Lüge herrscht, sondern Gottes Wahrheit.

Deshalb soll uns diese Macht Jesu und diese Wahrheit Jesu prägen. Die in keine Schubladen passt. Die Schubladen öffnet. Die Schubladen sprengt. Wenn wir dem Menschen Jesus folgen, der Gottes Macht der Liebe in diese Welt brachte, dann können wir nicht mehr andere in Schubladen einsortieren. Jedem Menschen offen begegnen. Einordnungen, Wertungen, Vorurteile kritisch hinterfragen – in unserem eigenen Denken und bei den Worten der anderen. Den anderen mit dem Blick der Liebe Gottes ansehen.

Wir werden überrascht sein, welche neue Seiten wir an unseren Mitmenschen entdecken. Ich weiß noch, wie ich eine neu eine siebte Klasse in Ulm übernommen habe. Ich fand einen „Kevin“ auf der Klassenliste. Zunächst dachte ich: „Auch das noch!“ Dann schaltete sich mein Verstand ein: Jetzt schau dir erst diesen Jungen an. Und tatsächlich war er ein sehr angenehmer Schüler. Und eine „Jaqueline“, die ich in einer Mitarbeiterschulung kennenlernte, erwies sich nachher als tolle Jugendmitarbeiterin. Das Leben wird dann vielleicht komplizierter, aber reicher.

Und auch wenn wir von anderen in Schubladen einsortiert werden, nicht resignieren. Wir vertrauen dem Gott, der Schubladen sprengt. Immer wieder neu auf diese Menschen zugehen. Ich erinnere mich noch an ein Gespräch mit einer Mutter. Ich unterrichtete ihre Tochter zwei Jahre in der Grundschule und konfirmierte sie einige Jahre später. Danach sagte die Mutter: Jetzt bin ich froh – meine Tochter ist von Anfang an gerne zu Ihnen in den Konfirmandenunterricht gegangen, obwohl sie in der Grundschule Sie immer so doof fand. Ich habe das als Lob verstanden.

„Seht, welch ein Mensch!“ Was Pilatus über Jesus sagte, sollen wir sagen, wen wir wieder andere in Schubladen einsortieren. Den anderen als Menschen ahrnehmen. Von Gott gewollt. Von Gott geschenkt. Amen.