7. Mai 2017 - Jubilate


Predigt zu Johannes 16,16-23a

Noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht mehr sehen; und abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen. Da sprachen einige seiner Jünger untereinander: Was bedeutet das, was er zu uns sagt: Noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht sehen; und abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen; und: Ich gehe zum Vater? Da sprachen sie: Was bedeutet das, was er sagt: Noch eine kleine Weile? Wir wissen nicht, was er redet.

Da merkte Jesus, dass sie ihn fragen wollten, und sprach zu ihnen: Danach fragt ihr euch untereinander, dass ich gesagt habe: Noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht sehen; und abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen? Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ihr werdet weinen und klagen, aber die Welt wird sich freuen; ihr werdet traurig sein, doch eure Traurigkeit soll zur Freude werden. Eine Frau, wenn sie gebiert, so hat sie Schmerzen, denn ihre Stunde ist gekommen. Wenn sie aber das Kind geboren hat, denkt sie nicht mehr an die Angst um der Freude willen, dass ein Mensch zur Welt gekommen ist. Auch ihr habt nun Traurigkeit; aber ich will euch wiedersehen, und euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen. Und an jenem Tage werdet ihr mich nichts fragen.

Liebe Gemeinde!

„Zweifeln Sie daran, dass Sie verheiratet sind? Genauso wenig zweifle ich daran, dass Gott da ist.“ So erklärte es mir vor Jahren ein Gesprächspartner als ich meinte, dass Zweifel an Gottes Wirklichkeit zum Glauben gehören. Ist es wirklich so einfach? Kann man das Verheiratet sein vergleichen mit dem Glauben an Gott? Oder rede ich mir das nur ein? Denn eine Eheschließung ist ein mit Augen und Ohren wahrnehmbarer und vor Zeugen vollzogener Akt. Das ist der Glaube an Gott so nicht. Vielleicht hätte ich den Mann fragen sollen: „Sie brauchen nicht zu zweifeln, dass Sie verheiratet sind. Aber zweifeln Sie manchmal daran, ein guter Ehemann zu sein?“ Denn auf der Beziehungsebene ist das nicht mehr so eindeutig feststellbar – es sind weiche Kriterien. Und solche weichen, nicht messbaren Kriterien unterliegen automatisch dem Zweifel.

Der Glaube an Gott kann also nicht mit der Eheschließung als solcher verglichen werden, sondern eher mit einem Beziehungsgeschehen zwischen Ehepartnern. Das kann durch Missverständnisse und Misstrauen, durch Zweifel an sich und dem anderen belastet sein. Es gibt keine objektiven, messbaren Faktoren. Und wir wissen es: Wenn in Beziehungen nach objektiv messbaren Liebesbeweisen gefragt wird, ist die Beziehung meist kurz vor dem Scheitern. Jede Beziehung zwischen Menschen lebt von Vertrauen – oder sie ist tot.

Das gilt analog auch für unsere Beziehung zu Gott. Sie lebt vom Vertrauen. Damit gehören Zweifel, Fragen, Sorgen mit dazu. Gerade in Krisenzeiten fragt man sich: Ist Gott wirklich da? Hilft er mir? Führt er mich zu einem guten Ziel? Verstärkt wird das durch Erfahrungen, die uns traurig machen.

Wer sich über diese Erfahrungen von ungelösten Lebensfragen, Zweifeln an Gottes Nähe hinwegsetzen will durch scheinbar naheliegende Analogien wie die einer Eheschließung, der macht es sich zu einfach. Dessen Vertrauen auf Gott wird einer wirklichen Krise kaum standhalten. Da trifft zu, was Dietrich Bonhoeffer 1931 in einem Brief schrieb:

„Die Unsichtbarkeit Gottes macht uns kaputt. Wenn es wenigstens etwas zu sehen gäbe. Aber dieses wahnwitzige dauernde Zurückgeworfensein auf den unsichtbaren Gott selbst, das kann doch kein Mensch aushalten.“

Jesus wusste darum, dass diese Fragen, Zweifel und Traurigkeit auf seine Jünger zukommen wird, wenn er nicht mehr bei ihnen ist. Schon nach seiner Verhaftung und Kreuzigung, dann aber auch nach seiner Himmelfahrt. Deshalb hält Jesus seinen Jüngern diese Abschiedsreden vor seiner Verhaftung, aus denen wir vorhin einen Abschnitt gehört haben: „Noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht mehr sehen. Ihr werdet weinen und klagen, aber die Welt wird sich freuen.“

Aber Jesus bleibt bei dieser Beschreibung nicht stehen. Sondern er verspricht: „Noch eine kleine Weile, dann werdet ihr mich nicht mehr sehen; und abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen. Eure Traurigkeit soll in Freude verwandelt werden.“

Wie für jede Beziehung, so ist auch für die Beziehung zu Gott förderlich, wenn man in Kontakt bleibt. Jesus bleibt in Kontakt zu seinen Jüngern. Er ist ihnen nach seinem Tod wieder begegnet: Als Auferstandener wurde er wieder sichtbar. Das meint Jesus zunächst mit der Zusage: Abermals eine kleine Weile, dann werdet ihr mich sehen. Die Zweifel an seiner Nähe waren weg.

Aber das Wiedersehen mit dem Auferstandenen war ja auf die vierzig Tage zwischen Ostern und Himmelfahrt begrenzt. Danach galt wieder: Ihr werdet mich nicht sehen! Seitdem leben wir mit dieser Unsichtbarkeit, verbunden mit Zweifeln, Fragen und Trauer. Oder wie es ein Grundschüler sagte, nachdem ich die Ostergeschichte erzählt hatte: „Und wann ist der Jesus dann richtig gestorben?“ Natürlich habe ich dann davon erzählt, dass er nicht gestorben, sondern zu Gott gegangen ist. Aber der Junge hat doch etwas Richtiges mit seiner Frage erfasst: So wie bei den Jüngern nach Ostern ist Jesus ja offensichtlich nicht mehr bei uns.

Aber seine Zusage gilt: Ihr werdet mich sehen. Wir warten auf seinen Tag am Ende der Zeit, an dem er sichtbar wiederkommt. An dem Trauer in Freude verwandelt wird. An dem seine Zusage gilt: „An dem Tag werdet ihr mich nichts mehr fragen.“ Die Zwischenzeit bis dahin vergleicht Jesus mit einer Schwangerschaft und einer Geburt. Die neun Monate Wartezeit sind auch eine Zeit der Fragen, manchmal der Beschwerden, der Zweifel. Eine Geburt war vor allem zur Zeit Jesu mit Schmerzen verbunden. Doch das alles ist vergessen, wenn das Kind gesund in den Armen der Eltern liegt.

Doch seit fast zweitausend Jahren leben wir Christen in dieser Zeit der Fragen, Trauer und Schmerzen. Seitdem begleitet uns der Zweifel. Wie gesagt: Darüber können wir uns nicht hinwegbeamen wie mein Gesprächspartner, der einfach seine Zweifel leugnete und meinte: „Ich zweifle ja auch nicht daran, dass ich verheiratet bin.“

Wie gehen wir damit um? Darauf vertrauen, dass Jesus immer wieder in unser Leben tritt – wie der Auferstandene zu seinen Jüngern. Dass er Traurigkeit in Freude verwandelt, Zweifel in Hoffnung, dass er seine Liebe immer wieder sichtbar macht. So wie jede Liebesbeziehung sicher nicht von Beweisen leben kann, aber doch von Zeichen, mit denen sich die Liebenden ihrer Liebe versichern.

Wo gibt es diese Hinweise auf Jesu Nähe? Ich entdecke sie immer dann, wenn Menschen nach einer Phase der Trauer ins Leben sich zurückkämpfen. Natürlich bleibt da eine Wunde, aber sie bestimmt nicht mehr das ganze Leben. Wenn Ehepartner nach dem Tod des anderen wieder hinausgehen, am Seniorennachmittag oder am Vereinsleben wieder teilnehmen. In meinem Beruf, an dem man ja mit seiner ganzen Person beteiligt ist, gibt es Phasen der Traurigkeit, wenn es ungute Auseinandersetzungen gibt, wenn man hinter den Erwartungen zurückbleibt, die andere und vor allem die ich selbst an mich richte. Dass diese Phasen immer wieder ein Ende nahmen und neue ermutigende Erfahrungen dazu kamen. Das sind solche Zeichen der Nähe des unsichtbaren Christus.

Natürlich hilft in einer Zeit der Trauer, der Fragen, des Zweifels das nur wenig, dass wir erleben: Die Zeit der Trauer klingt ab, eine Phase des Misserfolgs geht vorüber. Aber vielleicht hilft uns der Rückblick auf bereits überstandene Krisen, die gegenwärtigen Krisen leichter durchzustehen.

Jesus spricht von beiden Phasen, denen der Trauer und denen der Freude, von denen des Zweifels und denen Ermutigung von „einer kleinen Weile“. Sie werden sich immer wieder ablösen. So lange wir zwischen den Zeiten leben – zwischen der Auferstehung Jesu und seinem Wiederkommen. Aber wir vertrauen darauf, dass Jesus selbst immer wieder seine Nähe sichtbar macht. So können wir trotz aller Zweifel und Fragen optimistisch in unser Leben gehen.

Nochmals mit Worten von Dietrich Bonhoeffer:

Optimismus ist in seinem Wesen keine Ansicht über die gegen­wärtige Situation, sondern er ist eine Lebenskraft, eine Kraft der Hoffnung, wo andere resignierten, eine Kraft, den Kopf hochzuhalten, wenn alles fehlzuschlagen scheint, eine Kraft, Rückschläge zu ertragen, eine Kraft, die die Zukunft niemals dem Gegner läßt, sondern sie für sich in Anspruch nimmt. Es gibt gewiß auch einen dummen, feigen Optimismus, der verpönt werden muß. Aber denOptimismus als Willen zur Zukunft soll niemand verächtlich machen, auch wenn er hundertmalirrt. Er ist die Gesundheit des Lebens, die der Kranke nicht anstecken soll. Es gibt Menschen, die es für unernst, Christen, die es für unfromm halten, auf eine bessere irdische Zukunft zu hoffen und sich auf sie vorzubereiten. Sie glauben an das Chaos, die Unordnung, die Katastrophe als den Sinn des gegenwärtigen Geschehens und entziehen sich in Resignation oder frommer Weltflucht der Verantwortung für das Weiterleben, für den neuen Aufbau, für die kommenden Geschlechter. Mag sein, dass der Jüngste Tag morgen anbricht, dann wollen wir gern die Arbeit für eine bessere Zukunft aus der Hand legen, vorher aber nicht.

Amen.