8. April 2018 - Quasimodogeniti


Predigt zu Kolosser 2,12-15

Mit Christus seid ihr begraben worden in der Taufe; mit ihm seid ihr auch auferweckt durch den Glauben aus der Kraft Gottes, der ihn auferweckt hat von den Toten. Und Gott hat euch mit ihm lebendig gemacht, die ihr tot wart in den Sünden und in der Unbeschnittenheit eures Fleisches, und hat uns vergeben alle Sünden. Er hat den Schuldbrief getilgt, der mit seinen Forderungen gegen uns war, und hat ihn aufgehoben und an das Kreuz geheftet. Er hat die Mächte und Gewalten ihrer Macht entkleidet und sie öffentlich zur Schau gestellt und über sie triumphiert in Christus.

Liebe Gemeinde!

Als Kind fand ich Magnete faszinierend. Wenn man den Magnet hinlegte und sich Metallspäne oder gar Büroklammern auf diesen Magneten ausrichteten. Sie drehten sich in der Richtung des Magnetfeldes. Man merkte auch rasch, wie weit das Kraftfeld des Magnetes reichte. Und wenn man den Magneten woanders hinlegte, dann veränderte sich die Position der Metallteile.

Solche Magnete gibt es im übertragenen Sinn auch sonst im Leben. Kraftfelder, die uns beeinflussen, unsere Richtung bestimmen, uns beeindrucken.

Das können bestimmte Menschen sein. Der Chef im Beruf, die Lehrerin in der Schule, der Trainer im Sport. In der Familie, wo Eltern vieles für ihre Kinder tun und umgekehrt für Kinder ihre Eltern wichtig sind. Besonders wenn jemand Hilfe braucht – ein kranker oder betagter Angehöriger beispielsweise -, beeinflusst uns das sehr. Manchmal geben wir anderen Menschen aber auch Macht und Einfluss in unserem Leben, die uns nicht durch Familienbande, Arbeitsverträge oder Freundschaften verbunden sind. Stars, die wir bewundern. Oder umgekehrt: Menschen, denen wir die Schuld an unserer gegenwärtigen Lage geben. In jedem Fall spüren wir ein Kraftfeld, das von dieser Person ausgeht und uns beeinflusst. Diese Kräfte empfinden wir manchmal als positiv, manchmal als belastend.

Kraftfelder, die auf uns Einfluss ausüben, können auch nur mittelbar von Personen ausgehen: Eine Krankheit, die mich lahmlegt oder zumindest mein Leben beeinflusst, eine Krise in einer Beziehung oder Partnerschaft, banale Dinge wie eine Autopanne oder das Versagen eines technischen Geräts im Haushalt. Oder positiv: Liebe, die Frühlingssonne, Erfolgserlebnisse. Dinge, die positive Kräfte wecken.

Mancher Magnet, der Kraft auf uns ausübt, liegt in der Vergangenheit. Positive Erinnerungen ebenso wie Situationen, die uns peinlich waren. Schuld, die wir auf uns geladen haben und die uns belastet.

Im eben gehörten Bibelwort spricht der Apostel Paulus viele der eher negativ erfahrenen Kräfte an. Die Macht von Schuld und Tod. Die Erfahrung des Versagens. Mächte und Gewalten, die uns scheinbar unfrei machen. Kräftige Magnete, die uns herunterziehen. Angst machen.

Doch beim Spielen mit Magneten als Kinder konnten wir eine Entdeckung machen: Wenn man ins Kraftfeld eines Magneten einen noch stärkeren Magneten brachte, dann veränderten sich die Kraftlinien. Die Metallstücke richteten sich nach dem stärkeren Magneten aus.

So beschreibt hier der Apostel Paulus ebenso wie ein stärkeres Kraftfeld aufgebaut wird. Ein Kraftfeld, das die Kraftfelder von Schuld und Tod wirkungslos macht. Gott hat gewissermaßen den Magneten, die uns runterziehen und uns Angst machen, einen stärkeren Magneten entgegengesetzt. Das geschah an Ostern durch die Kraft Gottes, die Jesus von den Toten auferweckt hat. Am ersten Osterfest stellte Gott ein Kraftfeld her, das stärker ist als die Kräfte von Tod, Schuld und Leid.

Alles das, was uns Angst macht, hat seine Kraft verloren – wie ein schwacher Magnet im Kraftfeld des stärkeren. Die Todesmächte können uns nicht auf Dauer beherrschen.

Natürlich ist jeder Mensch sterblich. Natürlich gehen wir alle dem Tod entgegen. Müssen um liebe Menschen trauern. Die Mächte des Todes sind noch da. Aber sie können uns nicht für immer festhalten. Wie sie auch Jesus nicht im Grab festhalten konnten. Wir gehen nicht nur dem Tod entgegen, sondern zugleich dem neuen Leben in Gottes Nähe.

Wenn diese Mächte in das Kraftfeld Gottes gestellt sind und ihre Macht verloren haben, haben damit auch alle Kräfte ihre Macht verloren, die uns Angst machen. Das gilt von Menschen, die uns beherrschen. Wir brauchen uns ihnen nicht mehr kritiklos anpassen. Uns vor ihrer Macht fürchten. Wir können sie hinterfragen. Ihnen widersprechen. Streiten. Denn sie können uns nicht schaden.

Weil ich mir das schon immer getraut habe, war ich als Schüler irgendwann Klassensprecher. Und ich habe bisher noch in jedem Kirchenbezirk, in dem ich tätig war, irgendwann Krach mit dem Dekan bekommen – außer hier in Heidenheim, weil wir einen Dekan haben, der Widerspruch aushält und aufnimmt, wie ich es noch selten erlebt habe. Auch in einem Kirchengemeinderat muss man bereit sein, um die Sache zu streiten. Nur dadurch kommen wir weiter, nicht durch falsche Harmonie, die Kontroversen unter den Teppich kehrt. Selbstverständlich geht es nicht um ein Streithammelgehabe und um Rechthaberei, sondern um eine faire Auseinandersetzung in der Sache. Wenn wir in unseren Gemeinden gerade diskutieren, wie wir mit den Vorgaben des Pfarrplans umgehen, ist auch so ein offener Austausch von Ideen, Fragen, Bedenken, Sorgen und Überlegungen zu den Chancen, die in der Zusammenarbeit stecken, wichtig. Wenn wir denken: 2024 ist noch weit weg, dann überrollt uns die Entwicklung mehr, als dass wir sie gestalten. Also: Nur keinen Streit vermeiden.

Aber nicht nur vor Menschen brauchen wir hier keine falsche Scheu haben. Dasselbe gilt auch von den Kräften aus der Vergangenheit. Manchmal quälen uns Fehler, die wir gemacht haben. Menschen, an denen wir schuldig geworden sind, fallen uns ein. Ungeklärte Dinge aus unserer Lebensgeschichte schleppen wir mit uns. Sachen, die wir heute nicht mehr ändern können. Fehler, die nicht mehr ungeschehen gemacht werden können. Worte, die wir nicht mehr ausradieren können. Dies alles hat im Kraftfeld Gottes keine Macht mehr. Der Schuldbrief mit seinen Forderungen ist ans Kreuz geheftet, schreibt der Apostel.

Wenn das keine Macht mehr über mich hat, kann ich Menschen um Verzeihung bitten, denen ich Unrecht getan haben. Und bei denen, wo das nicht mehr geht, es getrost in Gottes Hände legen. Dann neu anfangen. Wie neu geboren – so heißt der lateinische Name dieses Sonntages nach Ostern: Quasimodogeniti. Wir brauchen uns nicht mehr vom Gestern das Morgen bestimmen lassen. Die Vergangenheit ändern wir nicht mehr, aber die Zukunft können wir gestalten. Uns immer wieder neu ins Kraftfeld Gottes stellen.

Zeichen dieses Kraftfeldes Gottes ist die Taufe. So schreibt der Apostel: „Durch die Taufe seid ihr mit Christus begraben worden. Mit Christus seid ihr auch auferstanden durch den Glauben aus der Kraft Gottes, der ihn auferweckt hat von den Toten.“ Im Taufgeschehen spiegelt sich das Ostergeschehen. Und zu unserer Taufe dürfen wir immer wieder zurückkehren und neu anfangen. Wie es Martin Luther im Großen Katechismus formuliert: „Man muss wissen, was die Taufe bedeutet und warum Gott gerade ein solch äußerliches Zeichen und Handeln für dieses Sakrament anordnet, durch das wir erstmals in die Christenheit aufgenommen werden. Das Werk aber oder die Gebärde ist das: man senkt uns ins Wasser hinein, so dass es über uns hergeht, und zieht uns nachher wieder heraus. Diese zwei Stücke, das Untersinken unters Wasser und das Wiederherauskommen, deuten auf die Kraft und Wirkung der Taufe, die nichts anderes sind als die Tötung des alten Adam, darnach die Auferstehung des neuen Menschen. Beides soll unser Leben lang in uns weitergehen, so dass ein christliches Leben nichts anderes ist als ein tägliches Taufen, das einmal angefangen hat und in dem immer weitergegangen wird.“ (BSLK, S.704,19-35)

Vieles und viele beeinflussen unser Leben – wie Magnete, die uns nach ihren Kraftlinien ausrichten. Manches positiv, anderes negativ. In jedem Fall sollen wir alle diese Kraftlinien in das große Kraftfeld Gottes stellen lassen. Dass das Positive verstärkt und das Negative entmachtet. Und damit die Kraft von Ostern auch in unserem Alltag wirkt. Amen.