8. Dezember 2019 - 2. Sonntag im Advent


Predigt zu Lukas 21,25-33

Jesus sagt zu seinen Jüngern: Und es werden Zeichen geschehen an Sonne und Mond und Sternen, und auf Erden wird den Völkern bange sein, und sie werden verzagen vor dem Brausen und Wogen des Meeres, und die Menschen werden vergehen vor Furcht und in Erwartung der Dinge, die kommen sollen über die ganze Erde; denn die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen. Und alsdann werden sie sehen den Menschensohn kommen in einer Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit. Wenn aber dieses anfängt zu geschehen, dann seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.

Und er sagte ihnen ein Gleichnis: Seht den Feigenbaum und alle Bäume an: wenn sie jetzt ausschlagen und ihr seht es, so wisst ihr selber, dass der Sommer schon nahe ist. So auch ihr: Wenn ihr seht, dass dies alles geschieht, so wisst, dass das Reich Gottes nahe ist.

Wahrlich, ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis es alles geschieht. Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte werden nicht vergehen.

Liebe Gemeinde!

„Für mich ist eine Welt zusammengebrochen!“ Wenn das ein Mensch sagt, dann hat er einen Schock hinter sich. Ob es eine erschreckende Diagnose des Arztes ist, das Zerbrechen einer Ehe, der Verlust eines als sicher geglaubten Arbeitsplatzes, das Durchfallen durch eine Prüfung, der Tod eines nahestehenden Menschen. Man kann von außen gar nicht sagen, welcher Schock am schlimmsten ist – für jeden vermutlich das, was er selbst erlebt. Und sagt: „Für mich ist eine Welt zusammengebrochen!“

Wenn die Welt zusammenbricht, fühle ich mich ohnmächtig, hilflos, ratlos, ängstlich. Alles kommt ins Rutschen. Weil ich scheinbar nirgends Halt finde – jede Hoffnung wieder zunichtewird. Die aufmunternd und gut gemeinten Sätze der Mitmenschen hohl klingen. Da wird der Wunsch aus einem Lied der Gruppe Silbermond verständlich: „Gib mir ein kleines bisschen Sicherheit in einer Welt, in der nichts sicher scheint. Gib mir in dieser schnellen Zeit irgendwas das bleibt.“

Gerade diese Tage vor Weihnachten sind da sehr doppeldeutig: Einerseits fürchten viele diese Tage, weil sie da stärker als sonst die Realität dieses persönlichen Weltuntergangs spüren: ohne einen lieben Menschen, der sonst immer dazu gehörte. Ohne die Familie, von der man nun getrennt ist. Allein mit den eigenen trüben und ängstlichen Gedanken in der weihnachtlichen Ruhe, wo ich keine Ablenkung finde.

Andererseits ist Weihnachten ein Sehnsuchtsort, dass wir da dieses kleine bisschen Sicherheit finden. Die glückliche Geborgenheit aus Kindertagen wiederbeleben können. Das, was in dieser schnellen Zeit bleibt. Aber finden wir da wirklich Sicherheit in unseren zusammenbrechenden Welten?

Jesus spricht im eben gehörten Bibelwort ebenso von Welten, die zusammenbrechen. Zeichen am Himmel bei Sonne, Mond und Sternen machen den Menschen Angst. Ebenso das Brausen des Meeres. Also das, was vom Anfang der Schöpfung an der Welt Ordnung, Struktur und Stabilität gab, kommt aus dem Tritt. Die Bahnen der Gestirne, die Wassermassen. Gott zieht gewissermaßen seine ordnende Hand ab von dieser Welt und überlässt sie sich selber.

Das ist ja genau das, was wir empfinden, wenn wir sagen: „Für mich ist eine Welt zusammengebrochen.“ Das, was für unser Leben bisher selbstverständlich war, ist nicht mehr da. Unser bisher so wohlgeordnetes Dasein verliert Halt und Struktur. Wir verwenden ja dieselben Bilder wie Jesus hier, wenn wir das beschreiben: Ich habe keine Sonne mehr. Mein Leben steht unter keinem guten Stern. Ich blicke nicht mehr durch. Das Wasser steht mir bis zum Hals. Bei mir geht es drunter und drüber. Ich habe Land unter. Wir fühlen uns von Gott und seiner guten Hand verlassen – allein auf uns selbst gestellt.

Doch Jesus bleibt nicht stehen bei der Beschreibung einer Welt, die zusammenbricht. Nicht der Untergang, das Chaos, das Ende kommt – sondern er selbst kommt. Jesus, der Menschensohn. Er kommt in diese zusammenbrechende Welt mit einer Wolke. Die Wolke war bereits bei der Wanderung des Volkes Israel durch die Wüste Zeichen der Begleitung durch Gott. Egal, was geschah: die Wolkensäule war da. Gott kommt mit Kraft und Herrlichkeit.

Das sagt Jesus natürlich von seinem zweiten Advent. Wenn er das zweite Mal auf diese Welt kommt und sie verwandeln wird. Aber er sagt das genauso, wenn er in unsere persönlichen Zusammenbrüche und Weltuntergänge kommt. Mit seiner Begleitung – dafür steht die Wolke. Mit seiner Kraft. Mit der Herrlichkeit – der Hoffnung über alles Dunkel hinaus.

Aber wie geschieht das? Wie kommt Jesus in unser Leben hinein? Wie hält er Advent?

Das kann ganz unterschiedlich passieren. Zunächst indem er eine schwierige Situation wendet. Eine Diagnose erweist sich als weniger dramatisch als zuerst gedacht. Eine Operation gelingt oder eine Behandlung schlägt an. Einem Streit folgt die Versöhnung. Jemand findet neue Menschen, die ihm Halt und Geborgenheit geben. Ein Arbeitsloser bekommt eine neue Stelle. Nehmen wir solche Wendepunkte nicht zu selbstverständlich. Achten wir darauf.

Dann gibt es die Erfahrung: Selbst, wenn meine Welt zusammenbricht, kann ich weitergehen. Das, was wir so oft beobachten, wenn wir Menschen begegnen, die einen Trauerfall erleben mussten. Die damals nicht wussten, wie es weitergehen soll. Und nach einem Jahr oft selbst staunend sagen: Es ist weitergegangen. Klar, es ist nicht mehr wie vorher. Der Schmerz bleibt. Aber die Tage sind vorbei, von denen ich damals nicht wusste, wie sie weitergehen sollten.

Und dann noch - wenn Silbermond davon singt: Gib mir irgendwas, das bleibt. Dann bietet Jesus genau das: Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen. Jesu Worte bleiben, selbst wenn eine Welt vergeht.

Das ist mir in einer Situation vor Jahren in der Ulmer Notfallseelsorge deutlich geworden. Ich wurde zu einem häuslichen Unfall gerufen. Ein junger Mann hatte bei Arbeiten im Haus einen tödlichen Stromschlag erlitten. Die Großfamilie und die Nachbarschaft in hellem Aufruhr. Als etwas Ruhe einkehrte, wurde der katholische Gemeindepfarrer verständigt. Er kam, legte seine Stola um und begann mit der Aussegnungsliturgie. Die Worte waren vielen der Anwesenden vertraut. Sie sprachen mit. Mit diesen vertrauten Worten der Bibel und der Liturgie ordnete sich das Chaos. Wurde eingebettet in den großen Zusammenhang des Segens Gottes. Natürlich wurde dadurch ein allzu früh Verstorbener nicht wieder lebendig. Es dauerte auch noch lange, bis die Polizei die Unfallursache aufgeklärt hatte. Einen Sinn wird bis heute noch niemand in diesem Geschehen erkennen können. Aber die Worte gaben Halt und Orientierung.

Vielleicht kennen wir Ähnliches aus unseren unübersichtlichen Situationen: ein Losungswort, ein Konfirmationsdenkspruch, ein Wort, das mir jemand anderes sagt, das neue Perspektiven eröffnet.

Jesu Wort trägt aber noch weiter. Denn Jesu Worte bleiben sogar im größten Dunkel, das es gibt: im Dunkel des Todes. Jesus selbst sprach am Kreuz mit denen, die neben ihm am Kreuz waren, und mit denen, die unter dem Kreuz standen. Er betete mit den Worten der Psalmen. Und diese Worte haben Bestand über den Tod hinaus: Er ruft zur Auferstehung. Darüber haben wir ja vorletzten Sonntag am Ewigkeitssonntag nachgedacht.

Für mich ist das das größte Vorrecht, das wir Christen haben angesichts des Todes. Dass wir auf Jesu Wort uns verlassen dürfen. Mir wurde das im Kontrast klar, als ich letztes Jahr in meiner Verwandtschaft bei einer Trauerfeier für einen konfessionslosen Onkel war. Die freie Rednerin mache das sehr liebevoll und einfühlsam – aber musste bei einem ausführlichen Lebenslauf stehen bleiben. Nach fast einer Stunde in der Aussegnungshalle ging es ans Grab – aber außer den vom Verstorbenen noch geernteten Walnüssen gab es nichts. Keinen Trost, keine Hoffnung – nur Rückblick auf ein Leben. Wie gut, dass wir die Worte Jesu haben, die über den Tod hinaus Bestand haben und Hoffnung geben.

Welten brechen zusammen. Das was uns Halt und Sicherheit verspricht, vergeht. Sogar diese ganze Welt – Himmel und Erde. Aber Jesus kommt. Er kommt zu den Menschen, denen alles zerbrochen ist. Er kommt in die Welt des Todes und schafft Leben. Er kommt am Ende der Zeit und schafft einen neuen Himmel und eine neue Erde. Das ist der zweite Advent. Das ist, was bleibt. Mehr als ein kleines bisschen Sicherheit. Amen.