8. Mai 2016 - Exaudi


Predigt zu Epheser 3,14-21

Liebe Gemeinde!

Vor einigen Jahren haben wir im Urlaub im Harz den Brocken bestiegen. Diesen markanten hohen Berg. Am Anfang war es ein sehr schöner, angenehmer Weg durch dichte Wälder, an Bächen entlang. Im Schatten trotz der immer höherstehenden Sonne. Der Schlussabschnitt aber war steil, ausgesetzt in der Sonne auf einer Betonpiste aus den Zeiten der Nationalen Volksarmee der alten DDR. Das Merkwürdige war: Eigentlich war der Schlussteil des Weges viel beschwerlicher als der erste Teil. Und dennoch fiel dieser zweite Teil viel leichter als der erste. Warum? Auf dem ersten Wegabschnitt sah man nur die Bäume und den Wald. Auf dem Schlussabschnitt jedoch den Gipfel – also das Ziel der Wanderung, wie es immer näher rückte. Wenn man sieht, wie man dem Ziel näherkommt, verleiht das neue Kraft.

Im übertragenen Sinne gilt das oft im Leben: Wenn ich sehe, dass mich meine Anstrengung meinem Ziel näherbringt, fällt es mir leichter, Kraft aufzuwenden. Flow nennen das die Psychologen – wie ein Fluss, der mich mitträgt, fließt plötzlich Kraft.

Aber es gibt doch so viele Bereiche in unserem Leben, wo wir uns abmühen ohne diese Perspektive, dass wir einem Ziel näherkommen. Beispielsweise wenn wir einen pflegebedürftigen älteren Menschen versorgen und wissen: Es wird nicht besser. Oder wenn wir in unserer täglichen Arbeit keinen Sinn sehen. Da spüren wir: Die Kraft nimmt ab. Die Motivation geht langsam gegen Null. Der Weg wird mühsam. Woher kommt da die Perspektive? Wie kommt das Ziel in den Blick?

Zu solchen Menschen scheint der Apostel Paulus zu sprechen im eben gehörten Bibelabschnitt. Da scheinen sich diese Christen in der Großstadt Ephesus abgemüht zu haben – ohne sichtbaren Erfolg. Da sagt Paulus: Ihr sollt die Dimensionen eures Glaubens begreifen. Ihr sollt erkennen, wie Christus euch liebt.

Denn das ist die Zielperspektive des Glaubens: Dass unsere Welt getragen ist von Gott als Schöpfer, als Vater über alles – in ihrer Breite, Länge, Höhe und Tiefe. Dass wir geliebte Menschen sind.

Wenn wir diese Perspektive haben, erkennen wir, dass diese Welt trotz allem, was wir nicht verstehen und mit allem, was uns die Zuversicht raubt, dass diese Welt doch geborgen bleibt bei Gott. Das ist wie der Blick auf den näher rückenden Berggipfel.

Aber wie bekommen wir in unserem Leben diese Perspektive des Glaubens? Die Antwort des Apostels: Durch das Gebet. Er betet für die Epheser, dass Gott ihnen Kraft gibt. Und der Abschnitt endet mit einem Lobpreis Gottes.

Denn wer betet, blickt hinaus über seinen begrenzten Horizont. Im Bild von vorher: Der tritt aus dem Wald hinaus ins Freie und sieht das Ziel seines Lebensweges. Weil ich im Gebet im Kontakt bin mit Gott. Weil ich das, was mich ratlos macht, was mir die Kraft raubt, Gott sagen kann. In der Bitte für meine Anliegen und in der Fürbitte für andere, lege ich das in Gottes Hände, was mir selbst zu schwer erscheint, um es zu tragen. Und im Lobpreis blicke ich auf Gottes unbegrenzte Möglichkeiten, die weiterreichen als meine begrenzten Kräfte.

Dadurch kommt Christus in mein Leben hinein. Füllt mich mit seiner Kraft. Wirkt in uns. Das ist der Flow, der aus dem Glauben kommt.

Worin sehen wir diese Kraft? Damals in Ephesus: Die Gemeinde hatte Bestand. Der Glaube an Christus verbreitete sich. Heute beispielsweise an einer Erfahrung aus der Krankenhausseelsorge. Vorige Woche erzählte mir eine Klinikseelsorgerin, dass viele Patienten zunächst auf ihren Besuch ablehnend reagieren. Man manchmal auch die ganze Bandbreite an Ressentiments gegen die Kirche abbekommt vom Papst über die Badewanne des Bischofs von Limburg bis hin zu einem cholerischen Pfarrer in der Konfirmandenzeit. Doch oft entwickelt sich dann ein gutes Gespräch, dem weitere folgen. Und viele treten nach so einer Begleitung in der Krankheitszeit danach wieder in die Kirche ein.

Ähnliches habe ich in der Seelsorge in Altenheimen erlebt. Ich erinnere mich noch an eine Begegnung in so einer Einrichtung. Ich kam zum Gottesdienst und es wurden nahezu alle Bewohner in den Speisesaal geschoben – schließlich ist das Pflegepersonal froh, wenn eine halbe Stunde lang die Patienten betreut sind. Einem Mann stellte ich mich vor mit der Reaktion: Pfarrer? O je – davon halte ich gar nichts! Ich meinte zu ihm: Dann hören Sie jetzt halt eine halbe Stunde lang weg. Doch nach der Andacht bedankte er sich ausdrücklich. Und seitdem war es ihm – der schon immer Kommunist und Atheist war – wichtig, bei den Andachten dabei zu sein. Bis zu seinem Tod. Es verändern sich Dinge, weil jemand als die eigenen Kräfte zu Neige gingen, Anteil bekam an der fremden Kraft Gottes.

Deshalb ist Resignation in unseren Gemeinden nicht angebracht. Ich hatte in der Zeit als Jugendpfarrer oft Beratungsgespräche mit Pfarrern und Kirchengemeinderäten zum Thema Jugendarbeit und Konfirmandenarbeit. Da kam ich in Gemeinden, die ein durchaus attraktives Angebot hatten von der Jungschar bis zum Jugendkreis – dazu den Kindergottesdienst. Aber dann kam die Klage: Früher waren es viel mehr Gruppen mit viel mehr Kindern und Jugendlichen. Dann dachte ich immer: Warum sehen Christen so oft das Glas eher als halbleer als als halbvoll an? Warum nicht Dankbarkeit für die Menschen, die da sind? Und dann eine optimistische Grundstimmung sich Bahn bricht, weil doch offensichtlich Gott in dieser Gemeinde am Werk ist. Und von da aus dann fragen, wie man noch andere Menschen erreichen kann.

Wenn wir Gott loben, entdecken wir, was wir haben und nicht zuerst das, was uns fehlt. Wir schauen über den manchmal mühsamen Alltag hinaus auf Gottes Werk in unserer Welt.

Manche Lehrer erzählen, wie sie für schwierige Schüler beten. Und sie dadurch diese Kinder und Jugendliche in einer anderen Perspektive wahrnehmen. Sie begegnen ihnen in einer anderen Haltung. Dadurch verändert sich das Verhältnis oft positiv.

Natürlich bedeutet das nicht: Schwierigkeiten ignorieren und sich im Lobpreis darüber hinwegjubeln. Deshalb erklärt der Apostel hier ja auch seiner Gemeinde, dass er für sie betet. Im Gebet für andere nehmen wir die Probleme in den Blick. Vertrauen sie Gott an und verändern damit auch unseren Blickwinkel. Wer für andere betet, sieht sie mit anderen Augen. Dadurch finden wir manchmal sogar Lösungen für Probleme. Weil wir nicht aufgeben.

Wer betet, sieht das eigene Leben und das der anderen nicht als Abfolge von Zufällen und Schicksalen an. Sondern geborgen bei dem, der Vater ist für alle im Himmel und auf der Erde. Er sieht auf Gottes Möglichkeiten und nicht nur auf unsere begrenzten Kräfte. Das ist die Perspektive des Glaubens. Der tritt gewissermaßen aus dem Wald der Resignation hinaus und sieht das Ziel, zu dem Gott uns führt. Amen.