9. Juni 2019 - Pfingsten


Predigt zu Johannes 14,15-27

Jesus sagt zu seinen Jüngern: Liebt ihr mich, so werdet ihr meine Gebote halten. Und ich will den Vater bitten und er wird euch einen andern Tröster geben, dass er bei euch sei in Ewigkeit: den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, denn sie sieht ihn nicht und kennt ihn nicht. Ihr kennt ihn, denn er bleibt bei euch und wird in euch sein.

Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen; ich komme zu euch. Es ist noch eine kleine Zeit, dann sieht die Welt mich nicht mehr. Ihr aber seht mich, denn ich lebe, und ihr sollt auch leben. An jenem Tage werdet ihr erkennen, dass ich in meinem Vater bin und ihr in mir und ich in euch. Wer meine Gebote hat und hält sie, der ist's, der mich liebt. Wer mich aber liebt, der wird von meinem Vater geliebt werden, und ich werde ihn lieben und mich ihm offenbaren.

Spricht zu ihm Judas, nicht der Iskariot: Herr, was bedeutet es, dass du dich uns offenbaren willst und nicht der Welt? Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wer mich liebt, der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen. Wer aber mich nicht liebt, der hält meine Worte nicht. Und das Wort, das ihr hört, ist nicht mein Wort, sondern das des Vaters, der mich gesandt hat.

Das habe ich zu euch geredet, solange ich bei euch gewesen bin. Aber der Tröster, der Heilige Geist, den mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.

Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.

Liebe Gemeinde!

Am Anfang eines Schuljahres – um die Interessen der Schüler zu erfahren – lasse ich sie gerne einen Satz schreiben zum Thema: Wenn ich Gott eine Frage stellen könnte, dann würde ich fragen …

Manche der Sätze, die ich dort lese, beschäftigen mich. So auch der eines Sechstklässlers vor vielen Jahren: „Warum zeigst du (also: Gott) dich nicht? Ich möchte dich nur einmal sehen!“

Eine Frage, ein Wunsch - viele von uns kennen so ähnliches. Gerade in Situationen, in denen uns der Glaube schwerfällt – weil wir Entscheidungen treffen müssen und keinen Plan haben, welche die richtige ist. In Zeiten beruflicher oder familiärer Umbrüche. Wenn wir oder ein uns nahestehender Mensch schwer erkrankt. Da ein eindeutiges Zeichen haben! Da etwas von Gottes Nähe wahrnehmen. Das wäre doch eine große Hilfe. Also: „Warum zeigst du (Gott) dich nicht? Ich möchte dich nur einmal sehen!“

Die Frage für mich ist, ob es uns wirklich so sehr weiterhelfen würde, wenn wir die Wirklichkeit Gottes sehen könnten. Denn auch von den Jüngern Jesu wird berichtet, wie sie zweifelten – obwohl sie Jesus sichtbar bei sich hatten. Vom Volk Israel wird immer wieder berichtet, wie es von Gott abgefallen ist – trotz aller Wunder. Weil eben das, was wir sehen und wahrnehmen, nie eindeutig sein kann. Weil immer unser Vorverständnis, unser Blickwinkel, unsere Lebensgeschichte beeinflusst, wie wir sehen und was wir sehen, was wir wahrnehmen und was nicht. Jede Wahrnehmung wird von uns interpretiert und eingeordnet in unser Denksystem. Es gibt für die Wahrheit des Glaubens keine eindeutigen Beweise.

Deshalb gehört zum Glauben immer der Zweifel dazu. Unsicherheiten. Auseinandersetzungen. Jesus hat das gewusst, weil er seine Jünger kannte – und die, die danach ihm folgten bis zu uns heute. Deshalb hat er vor seiner Verhaftung Abschiedsreden gehalten, aus denen wir gerade einen Abschnitt gehört hatten.

Jesus weiß, was auf seine Jünger wartet, wenn er nicht mehr sichtbar bei ihnen ist. Diese Verunsicherung, die wir heute genauso kennen. Diese quälenden Fragen: Hilft mir keiner - bin ich alleine auf der Welt? Warum läuft gerade bei mir alles schief? Warum geht es mir schlechter als den anderen? Fragen, die objektiv vermutlich selten wirklich berechtigt sind – die uns aber in Krisen quälen können. Dass man sich irgendwie verlassen, verwaist fühlt.

In dieser Situation sagt Jesus zu seinen Jüngern: Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen. Ich komme zu euch. Aber wie soll das geschehen, wenn er nicht mehr sichtbar ist? Wenn der Zweifel stark wird?

Drei Anhaltspunkte gibt Jesus:

  1. Ihr lebt mit mir
  2. Ihr lebt in mir
  3. Ihr liebt mit mir

Zuerst: Ihr lebt mit mir. Er verspricht: „Noch eine kleine Weile, dann wird mich die Welt nicht mehr sehen. Ihr aber sollt mich sehen, denn ich lebe und ihr sollt auch leben.“ Hier spielt Jesus auf das Ostergeschehen an. Die Welt sieht Jesus nach seiner Kreuzigung nicht mehr – den Jüngern aber hat er sich als Auferstandener gezeigt. Er verspricht: Das neue Leben aus dem Tod war keine einmalige Tat Gottes. Sondern ihr sollt genauso leben nach dem Tod. Der Tod ist nicht die Endstation eines Lebens mit mir. Ihr lebt mit mir.

Was bedeutet diese Zusage für uns, die den auferstandenen Jesus nicht so sehen wie die ersten Zeugen? Die Auferstehungsbotschaft Jesu ist einer der stärksten Ankerpunkte für unsere Hoffnung auf seine Nähe. Denn wenn diese Botschaft nur erfunden wäre, dann hätten die Jünger nicht ihr Leben eingesetzt für diesen Glauben. Dann hätte man nicht Frauen als erste Zeuginnen erfunden – denn die galten damals nicht als glaubwürdig. Also muss hinter den Ostergeschichten eine Realität stecken, die die Frauen und Jünger damals so erlebt haben.

Das Zweite: Ihr lebt in mir. Das ist die Botschaft dieses Pfingstfestes. Jesus bittet den Vater, dass er seinen Geist den Jüngern als Beistand an die Seite stellt. In diesem Geist kommt der unsichtbare Christus zu seiner Gemeinde. Christus ist im Vater, die Jünger in Christus und er in ihnen. In die Gemeinschaft von Vater und Sohn, die sogar der Tod am Kreuz nicht auflösen konnte, werden durch den Geist die Christen mit hineingenommen. Diese Wahrheit – die verlässliche Treue Gottes – sollen die Jünger erkennen. Darum ist der Geist Gottes ein Geist der Wahrheit.

Diese Gemeinschaft trägt uns - selbst, wenn wir zweifeln. Uns da einfach bei Gott fallen lassen. Wenn wir nicht weiterwissen, zu ihm sagen: Ich bin ganz in deiner Hand. Es macht uns ja oft zu schaffen, wenn wir unser Leben nicht im Griff haben, wenn wir Dinge nicht selbst steuern und beeinflussen können. Da dieses gelassene Vertrauen haben: Ich lebe in Gott. Er trägt mich. In seiner Hand bleibe ich geborgen.

Das Dritte: Ihr liebt mit mir. Wer Christus liebt, hält seine Gebote. Sie sind zusammengefasst im Liebesgebot. Das ist ein sichtbarer Wegweiser Gottes für unser Leben. Und wenn wir diese Liebe Gottes weitergeben, dann machen wir anderen gegenüber etwas sichtbar von Gottes Liebe.

Die Gemeinde Jesu ist seit Himmelfahrt unterwegs mit einem unsichtbaren Herrn. Oft mit Fragen. Gelegentlich mit Zweifeln. Da das Versprechen Jesu annehmen: Er lässt uns nicht allein. Wir leben mit ihm, wir leben in ihm, wir lieben mit ihm. Wir tun das in der Kraft des Geistes Gottes und erleben so, was Jesus verspricht: Den Frieden gebe ich euch, meinen Frieden lasse ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht. Amen.